Zur russischen Fotografie
Die komplexen gesellschaftlichen Transformationen Anfang der 1990er-Jahre haben die russische Wirklichkeit auf allen Ebenen verändert. Im kulturellen Bereich war der Wandel nicht überall gleich intensiv. Eine besonders schnelle Entwicklung und Popularisierung gab es in den Bereichen, die in der Sowjetzeit halblegalen Status hatten: in der Rockmusik, dem experimentellen Doku-Drama, der zeitgenössischen Kunst. Die Fotografie hat damals eine intermediäre Position eingenommen: Es gab zwar den Begriff „Fotokünstler“, doch zur bildenden Kunst im eigentlichen Sinn wurde die Fotografie meist nicht gezählt. Museen sammelten und zeigten so gut wie keine Fotokunst, es gab keine auf sie spezialisierten Institutionen und in der Hierarchie der Gattungen nahm sie einen der untersten Plätze ein.
Die Gründe dafür waren teils ideologischer Natur – die dokumentarische und die Reportage-Fotografie standen im Dienst des Regimes und wurden deshalb selten als eigenständige Kunstformen betrachtet, nur wenige Fotografen dachten in Projekten, und die für Propagandazwecke unbrauchbare sogenannte Kunst-Fotografie blieb auf die Reservate der „Fotoclubs“ beschränkt. All dies bedeutet aber keineswegs, dass die Fotokunst in der späten Sowjetzeit keine Höhepunkte kannte und keine Tribüne hatte. Es gab die Zeitschrift Sovetskoe foto, die vielen in guter Erinnerung ist; Fotografen aus der Provinz schickten Arbeiten zu internationalen Wettbewerben (zu denen sie selbst nicht fahren konnten) und gewannen dort wichtige Preise, und in den 1980er-Jahren wurde der Verband der Fotokünstler (www.photounion.ru) gegründet, der bis heute existiert und die besten Kräfte auf dem Gebiet der traditionellen Fotografie versammelt.
In den 1990er-Jahren begann eine neue Phase in der russischen Fotografie, die vor allem durch deren Integration in den internationalen Kontext gekennzeichnet war. Den Anfang machten dabei Fotografen, die man aufgrund ihrer paradoxen Weltsicht und provokativen Formsprache der Sphäre der aktuellen Kunst zuordnen konnte. Zu ihnen gehörten unter anderem Vladimir Kupriyanov und Olga Chernysheva.
Parallel zur Entwicklung der neuen Fotografie begann sich auch die institutionelle Landschaft zu verändern. Eine außerordentlich wichtige Rolle hierfür spielte die Moskauer Kuratorin Olga Sviblova, die 1998 das Moskauer Haus der Fotografie (Dom fotografii) gründete. Dieses Zentrum konnte sehr schnell eine nach Umfang, Qualität und Vollständigkeit einzigartige Sammlung aufbauen, denn für das Erbe der großen Fotografen, von der Avantgarde bis zur jüngsten Vergangenheit, gab es sonst praktisch kein Interesse. Zwei im jährlichen Turnus stattfindende Ereignisse, die Fotobiennale und das Festival Fashion and style in photography (Moda i stil v fotografii) haben die Situation in Moskau grundlegend verändert: Auf diesen Festivals wurden die Arbeiten der internationalen Megastars gezeigt, es wurde ein breiter Kontext geschaffen, in dem auch die russischen Fotografen ihren Platz finden konnten.
Etwas später wurde aus dem Moskauer Haus der Fotografie das Moskauer Zentrum für Multimedia-Kunst (www.mdf.ru). Sviblova und ihre Kollegen konnten hier sowohl ihre Sammel- und Ausstellungstätigkeit erweitern, als auch – an der Rodchenko-Fotoschule (Shkola fotografii im. Rodchenko) – eine neue Künstlergeneration heranbilden und ein breites Spektrum künstlerischer Praktiken mitbeeinflussen.
Auch in den Regionen hat sich die Situation in vielerlei Hinsicht verändert. Neben den nach wie vor aktiven regionalen Abteilungen des Verbands der Fotokünstler sind in einer Reihe von Städten Museen und spezielle Zentren für Fotografie entstanden. In St. Petersburg wurde auf Betreiben des Fotografen Zakhar Kolovskii das Staatliche Zentrum für Fotografie (www.rosphoto.org) gegründet. In Ekaterinburg führt das Metenkov-Haus (www.metenkov.narod.ru) zahlreiche Ausstellungen durch. In Ulianovsk entstand unter dem Dach des Museumskomplexes Rodina V.I. Lenina das fotografiehistorische Museum der Stadt Simbirsk. Auch Nishni Nowgorod, das dank der Klassiker der Fotografie Andrei Karelin und Maksim Dmitriev seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtiges Zentrum der Fotografie bekannt ist, hat sein Russisches Fotografiemuseum (www.fotomuseum.nnov.ru), das heute zu den lebendigsten und aktivsten Institutionen dieser Art in Russland zählt. Gemeinsam mit dem Verband der Fotokünstler organisiert es die Volga-Biennale, einen landesweiten Wettbewerb, bei dem ein breites Spektrum sowohl traditioneller Reportage-Fotografie als auch von Fotokunst vertreten ist. Auch hier gibt es eine Sparte, die den Blick auf die zunehmend häufig genutzten angewendeten Multimedia-Techniken wie Slide-Shows, kombinierte Foto- und Videoarbeiten etc. richtet.
In Moskau sind in den letzten Jahren gleich mehrere einflussreiche Fotogalerien entstanden, die nicht nur den Ausstellungsbetrieb belebt, sondern auch den Markt für Fotokunst verändert haben. Bei Sammlern erfreut sie sich inzwischen einiger Beliebtheit, allerdings vor allem in der Hauptstadt. Hier sind nicht nur die durch ihre Entstehungsgeschichte mit dem Moskauer Haus der Fotografie verbundenen Galerien Pobeda und Glaz angesiedelt, sondern auch die konkurrierenden Galerien Lumière und Photographer. Photographer ging aus dem großen Internet-Portal www.photographer.ru hervor, das eine unersetzliche Quelle für Nachrichten und Kritiken zur zeitgenössischen russischen Fotografie darstellt und die wichtigsten Namen und interessantesten Arbeiten versammelt.
Die Gründe dafür waren teils ideologischer Natur – die dokumentarische und die Reportage-Fotografie standen im Dienst des Regimes und wurden deshalb selten als eigenständige Kunstformen betrachtet, nur wenige Fotografen dachten in Projekten, und die für Propagandazwecke unbrauchbare sogenannte Kunst-Fotografie blieb auf die Reservate der „Fotoclubs“ beschränkt. All dies bedeutet aber keineswegs, dass die Fotokunst in der späten Sowjetzeit keine Höhepunkte kannte und keine Tribüne hatte. Es gab die Zeitschrift Sovetskoe foto, die vielen in guter Erinnerung ist; Fotografen aus der Provinz schickten Arbeiten zu internationalen Wettbewerben (zu denen sie selbst nicht fahren konnten) und gewannen dort wichtige Preise, und in den 1980er-Jahren wurde der Verband der Fotokünstler (www.photounion.ru) gegründet, der bis heute existiert und die besten Kräfte auf dem Gebiet der traditionellen Fotografie versammelt.
In den 1990er-Jahren begann eine neue Phase in der russischen Fotografie, die vor allem durch deren Integration in den internationalen Kontext gekennzeichnet war. Den Anfang machten dabei Fotografen, die man aufgrund ihrer paradoxen Weltsicht und provokativen Formsprache der Sphäre der aktuellen Kunst zuordnen konnte. Zu ihnen gehörten unter anderem Vladimir Kupriyanov und Olga Chernysheva.
Parallel zur Entwicklung der neuen Fotografie begann sich auch die institutionelle Landschaft zu verändern. Eine außerordentlich wichtige Rolle hierfür spielte die Moskauer Kuratorin Olga Sviblova, die 1998 das Moskauer Haus der Fotografie (Dom fotografii) gründete. Dieses Zentrum konnte sehr schnell eine nach Umfang, Qualität und Vollständigkeit einzigartige Sammlung aufbauen, denn für das Erbe der großen Fotografen, von der Avantgarde bis zur jüngsten Vergangenheit, gab es sonst praktisch kein Interesse. Zwei im jährlichen Turnus stattfindende Ereignisse, die Fotobiennale und das Festival Fashion and style in photography (Moda i stil v fotografii) haben die Situation in Moskau grundlegend verändert: Auf diesen Festivals wurden die Arbeiten der internationalen Megastars gezeigt, es wurde ein breiter Kontext geschaffen, in dem auch die russischen Fotografen ihren Platz finden konnten.
Etwas später wurde aus dem Moskauer Haus der Fotografie das Moskauer Zentrum für Multimedia-Kunst (www.mdf.ru). Sviblova und ihre Kollegen konnten hier sowohl ihre Sammel- und Ausstellungstätigkeit erweitern, als auch – an der Rodchenko-Fotoschule (Shkola fotografii im. Rodchenko) – eine neue Künstlergeneration heranbilden und ein breites Spektrum künstlerischer Praktiken mitbeeinflussen.
Auch in den Regionen hat sich die Situation in vielerlei Hinsicht verändert. Neben den nach wie vor aktiven regionalen Abteilungen des Verbands der Fotokünstler sind in einer Reihe von Städten Museen und spezielle Zentren für Fotografie entstanden. In St. Petersburg wurde auf Betreiben des Fotografen Zakhar Kolovskii das Staatliche Zentrum für Fotografie (www.rosphoto.org) gegründet. In Ekaterinburg führt das Metenkov-Haus (www.metenkov.narod.ru) zahlreiche Ausstellungen durch. In Ulianovsk entstand unter dem Dach des Museumskomplexes Rodina V.I. Lenina das fotografiehistorische Museum der Stadt Simbirsk. Auch Nishni Nowgorod, das dank der Klassiker der Fotografie Andrei Karelin und Maksim Dmitriev seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtiges Zentrum der Fotografie bekannt ist, hat sein Russisches Fotografiemuseum (www.fotomuseum.nnov.ru), das heute zu den lebendigsten und aktivsten Institutionen dieser Art in Russland zählt. Gemeinsam mit dem Verband der Fotokünstler organisiert es die Volga-Biennale, einen landesweiten Wettbewerb, bei dem ein breites Spektrum sowohl traditioneller Reportage-Fotografie als auch von Fotokunst vertreten ist. Auch hier gibt es eine Sparte, die den Blick auf die zunehmend häufig genutzten angewendeten Multimedia-Techniken wie Slide-Shows, kombinierte Foto- und Videoarbeiten etc. richtet.
In Moskau sind in den letzten Jahren gleich mehrere einflussreiche Fotogalerien entstanden, die nicht nur den Ausstellungsbetrieb belebt, sondern auch den Markt für Fotokunst verändert haben. Bei Sammlern erfreut sie sich inzwischen einiger Beliebtheit, allerdings vor allem in der Hauptstadt. Hier sind nicht nur die durch ihre Entstehungsgeschichte mit dem Moskauer Haus der Fotografie verbundenen Galerien Pobeda und Glaz angesiedelt, sondern auch die konkurrierenden Galerien Lumière und Photographer. Photographer ging aus dem großen Internet-Portal www.photographer.ru hervor, das eine unersetzliche Quelle für Nachrichten und Kritiken zur zeitgenössischen russischen Fotografie darstellt und die wichtigsten Namen und interessantesten Arbeiten versammelt.
Anna Gor (Nishni Nowgorod)









