2008

Kreativität und Innovation: die multiethnische Jugendsprache Kiezdeutsch

Die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese mit ihrer Tochter. Copyright: Wiese Die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese erforscht Kiezdeutsch, die Jugendsprache in multiethnischen Wohngebieten. Sie kämpft gegen die Vorurteile, es handle sich um verunstaltetes, primitives Deutsch und die Sprecher könnten einfach kein „richtiges“ Deutsch. „Bayerisch wird auch nicht als der gescheiterte Versuch angesehen, Hochdeutsch zu sprechen“, sagt Heike Wiese im Gespräch mit goethe.de.

Ein Zitat aus einem Sketch des Komikerduos Mundstuhl: „Was hast Du für ein Scheißendreck-Klingelton an Start, der gibt doch gar net, was ist das Scheißendreck-Arschlöcher-Klingelton!“. Frau Prof. Wiese, ist das Kiezdeutsch?

Nein, da ist einfach zu viel „Scheißendreck“ drin. Das kennzeichnet das Beispiel als stilisiert. Für die stilisierte Version von Kiezdeutsch wird häufig der Ausdruck Kanak Sprak gebraucht. Als Kiezdeutsch bezeichne ich den Dialekt, den Jugendliche in multiethnischen Wohngebieten sprechen – also den natürlichen Sprachgebrauch auf der Straße unter Freunden. Wenn Comedy nun Kiezdeutsch aufgreift, werden einige Merkmale des Kiezdeutschen stark übertrieben. Wenn ich zum Beispiel im Kiezdeutschen an bestimmten Stellen den Artikel oder Flexionsendungen weglassen kann, dann finden Sie in Kanak Sprak plötzlich überhaupt keine Artikel und Endungen mehr. Außerdem wird das meistens nur auf Jugendliche mit Migrationshintergrund gemünzt. Dabei wird übersehen, dass in Vierteln wie Berlin-Kreuzberg auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund leben und genau dasselbe sprechen.

Kiezdeutsch

Kiezdeutsch ist kein isoliertes deutsches Phänomen. Ähnliche Jugendsprachen gibt es auch in anderen europäischen Ländern, etwa in den Niederlanden, in Dänemark und in Schweden. Neben grammatischen Vereinfachungen zeigt Kiezdeutsch auch sprachliche Kreativität und grammatische Innovation. Kiezdeutsch benutzt beispielsweise eine Reihe neuer Fremdwörter, die das Standarddeutsche nicht hat. Diese Wörter stammen oft aus den Herkunftssprachen der jugendlichen Sprecherinnen und Sprecher, z.B. lan (türkisch: „Typ/Kerl“) oder wallah (arabisch, wörtlich: „bei Gott“). Die Tendenz Flexionsendungen wegfallen zu lassen, die es auch im Standarddeutschen gibt, wird in Kiezdeutsch noch ausgeweitet:

  • „Das ist mein Hose.“
  • „Also mein Schule ist schon längst fertig.“
  • „Man sieht es später halt, wenn man kein Arbeit hat.“
Jugendliche. Copyright: ColourboxIm Fall von lassma und musstu entsteht bereits ein neues grammatisches Subsystem: Lassma leitet Aufforderungen ein, die den Sprecher selbst einbeziehen, musstu leitet dagegen Aufforderungen ein, die nur dem Hörer oder den Hörern gelten:
  • „Lassma Moritzplatz aussteigen!“ (Vorschlag, gemeinsam am Moritzplatz aus dem Bus zu steigen)
  • „Musstu Doppelstunde fahren!“ (Vorschlag an den Hörer, in der Fahrschule eine Doppelstunde zu fahren).
Phänomene, die jetzt im Kiezdeutsch auftreten, können vielleicht eines Tages im Standarddeutschen beobachtet werden. Denn die Neuerung im Kiezdeutschen entstehen, indem Möglichkeiten, die das Deutsche sowieso schon bietet, weiter ausgebaut werden: Kiezdeutsch ist eine neue Varietät des Deutschen, die – wie alle neuen Varietäten – die grammatischen Möglichkeiten unserer Sprache weiterentwickelt.

Kiezdeutsch bezeichnen Sie als Multiethnolekt, also eine Sprache, die dort entsteht, wo Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Muttersprachen zusammenleben. Aber ist es nicht gleichzeitig auch ein Soziolekt, das heißt, eine Sprache, die von einer bestimmten Bevölkerungsschicht gesprochen wird?

Das ist eine gesellschaftliche Frage: In Deutschland ist es fast immer so, dass multiethnische Wohngebiete auch die armen Wohngebiete sind, in denen die Kinder schlecht ausgebildet sind. Das ist einfach gesellschaftliches Versagen in Deutschland: Wenn ich in einem Wohngebiet mit hohem Migrantenanteil lebe, dann lebe ich in einem Wohngebiet mit niedriger Sozialstruktur.

Es gibt schon seit Jahrzehnten Forschung, die sich mit Türken- oder Gastarbeiterdeutsch befasst. Was ist nun der Unterschied zu Ihrem Forschungsgegenstand Kiezdeutsch?

Kiezdeutsch ist nicht das Deutsch, das Jugendliche türkischer Herkunft sprechen, sondern das Deutsch, das gesprochen wird, wenn viele unterschiedliche Ethnien – inklusive Jugendlicher deutscher Herkunft – zusammenkommen. Es ist eine Varietät des Deutschen. Gastarbeiterdeutsch ist etwas ganz anderes, es entsteht durch ungesteuerten Zweitspracherwerb. Es ist das Deutsch, das Immigranten der ersten Generation sprechen, die keinen formellen Deutschunterricht hatten, die einfach in dieses Land kamen und irgendwie versuchen mussten zu kommunizieren.

Das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Foto/Copyright: Lienhard SchulzKiezdeutsch ist kein Zweitspracherwerb, es ist keine Stufe auf dem Weg zum richtigen Deutsch, sondern Kiezdeutsch ist schon eine Zielsprache. Es ist zum Beispiel so, dass jüngere Kinder oft kein Kiezdeutsch sprechen. Es gibt Lehrer, die sagen: „Es ist so schade: Diese oder jene Schülerin hat so tolles Deutsch gesprochen und jetzt ist sie zwölf, 13 und spricht ganz schlechtes Deutsch, so wie die älteren Jugendlichen.“ – „Ganz schlechtes Deutsch“ heißt dann Kiezdeutsch. Wenn ich Jugendlicher in Kreuzberg bin, dann möchte ich so sprechen, weil das meine Jugendsprache ist. Und gleichzeitig spreche ich auch noch ganz normales Standarddeutsch.

Die Jugendlichen können also trennen: Mit ihren Freunden sprechen sie Kiezdeutsch und wenn es darauf ankommt, in Schule und Beruf, dann sprechen sie Standarddeutsch?

Genau, das ist der Idealfall. Aber das ist sicher nicht bei allen Jugendlichen so, die in Wohngebieten wie Kreuzberg leben. Das ist aber kein in erster Linie sprachliches Problem, sondern ein soziales. Es gibt nicht das Deutsche, sondern es gibt ganz viele Register und Varianten. Ich spreche mit meiner zweijährigen Tochter anders als mit Ihnen. Wir alle beherrschen verschiedene Varianten, vielleicht auch Dialekte des Deutschen. Das ist eine soziale Kompetenz: Kann ich die richtige Variante in der richtigen Situation benutzen? Das ist eine Frage des Bildungssystems: Geben wir hier geborenen Jugendlichen aus multiethnischen Vierteln die Chance auch Standarddeutsch zu lernen?

Manche sehen darin Sprachverfall und -verarmung, wenn Varietäten wie Kiezdeutsch gesprochen werden.

Solche Ansichten zeugen einfach von Unwissen darüber, was Sprache bedeutet. In anderen Bereichen gibt es diese Probleme nicht. Bayerisch wird auch nicht als der gescheiterte Versuch angesehen, Hochdeutsch zu sprechen. Kiezdeutsch schon eher. Das ist dann aber wieder ein soziales Phänomen, das sind einfach Vorurteile gegenüber den Sprechern, die dann auf die Sprache geschoben werden. Da sind ganz große Ängste und Befürchtungen im Umlauf, gerade in der öffentlichen Diskussion.

Schülerinnen der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln (2007). Copyright: dpa/picture-allianceSie gehen bei Schulprojekten mit den Ergebnissen ihrer Arbeit zu den Jugendlichen zurück. Wie reagieren denn die Jugendlichen, wenn sie zum ersten Mal im Unterricht über die Sprache reden sollen, die sie sonst nur in den Pausen und in ihrer Freizeit sprechen und im Unterricht normalerweise gerade nicht sprechen sollen?

Viele hören dabei zum ersten Mal bewusst etwas von Kiezdeutsch. Für manche ist es faszinierend, dass sie die Jugendsprache, die sie selber benutzen auch einmal behandeln können. Oder, wenn sie aus anderen Vierteln kommen, dann ist es so, dass sie von dieser Jugendsprache, von der sie eigentlich immer nur geglaubt haben: „Das reden die dummen Kinder in Neukölln, das ist kein richtiges Deutsch“, auch einmal ein paar Fakten hören. Im Übrigen ist es auch für die Lehrer ungewöhnlich – das sollte man nicht unterschätzen. Für viele Lehrer ist Kiezdeutsch erst einmal schlechtes Deutsch: mangelnde Sprachkompetenz.

Ist die Beschäftigung mit Kiezdeutsch auch im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache (DaF) sinnvoll?

Ich denke schon. Ich war am King’s College in London und habe vor DaF-Studenten gesprochen. Der Kollege, der den Kurs leitete, berichtet mir, dass die Studenten nun reihenweise ihre Abschlussarbeiten über Kiezdeutsch schreiben wollen. Die Beschäftigung damit ist gut für das Sprachbewusstsein, um verschiedene Phänomene kennenzulernen und auch um grammatische Analysen zu üben.

Aber nicht nur für ausländische Germanistikstudenten, sondern auch für den ganz normalen Deutschlerner ist es wichtig, dass er sich bewusst macht: Was ich lerne, ist kein monolithisches Ganzes – das Deutsche –, sondern es gibt bestimmte formelle und informelle Varianten. Um eine Sprache wirklich zu beherrschen, ist es ganz wichtig, das richtige Register anwenden zu können und zum Beispiel in informellen Situationen nicht total gestellt zu sprechen. Das heißt nicht, dass DaF-Lerner sich hinsetzen sollen und Kiezdeutsch lernen, sondern sie sollen sich dessen bewusst sein, wie viele Varianten, informelle und formelle, es gibt. Und das kann man an Kiezdeutsch ganz gut illustrieren.

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Kiezdeutsch gekommen?

Der Hauptfokus der Forschung liegt bisher, weil es um Jugendsprache geht, im soziolinguistischen Bereich. Grammatisch wurde hingegen noch nicht so viel gemacht. Dort bin ich eingestiegen, weil Grammatik mein Steckenpferd ist. Es geht mir auch darum, dem Vorurteil entgegenzuwirken, man habe es mit einer reduzierten Grammatik zu tun.

Prof. Dr. Heike Wiese, geb. 1966, ist seit 2006 Inhaberin des Lehrstuhls für deutsche Sprache der Gegenwart am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Dort leitet sie das Forschungsprojekt „Grammatische Reduktion und informationsstrukturelle Präferenzen in einer kontaktsprachlichen Varietät des Deutschen: Kiezdeutsch“. Mit ihrem Team hat sie außerdem das „Infoportal Kiezdeutsch“ ins Leben gerufen, das sprachwissenschaftliche Ergebnisse zu Kiezdeutsch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen soll, sprachliche Beispiele in Form von Audioaufnahmen bereitstellt und als Handreichung für Schulprojekte zur grammatischen Analyse von Kiezdeutsch dient. In Berlin-Kreuzberg und in Braunschweig haben die Potsdamer Linguistinnen Schulprojekte zum Thema Kiezdeutsch selbst angeleitet.
Christoph Brammertz
Online-Redaktion des Goethe-Instituts

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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September 2008

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