2010

Eine ganz normale Sightseeing-Tour?

© Marco FieberIm Internet finden sich duzende Anbieter, die organisierte Touren in die Sperrzone um das 1986 havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl anbieten. Je nach Gruppengröße ist der zweifelhafte Spaß schon für 100 bis 450 Dollar pro Person zu haben. Was erwartet die „Extremtouristen“ in diesem menschenfeindlichen Gebiet?

© Marco FieberEs ist 9 Uhr morgens, die Sonne funkelt bereits über der Haltstelle der Kiewer Metro. Ein grüner Omnibus steht bereit, um 28 Teilnehmer eines multilateralen Projekts an einen der meistverseuchten Orte der Welt zu bringen – in die Sperrzone um Tschernobyl.

Anderthalb Stunden später erreichen wir den Ditjatki-Checkpoint am Südrand des rund 4300 km² großen Sperrgebietes. Nachdem ein junger Soldat unsere Pässe kontrolliert und mit seiner Liste abgeglichen hat, dürfen wir die Schranke passieren. Wir sind heute „Extremtouristen“.

© Marco FieberWillkommen in der Zone

Zwei Guides steigen zu uns in den Bus. Wir steuern zuerst das Informationszentrum von Chernobyl InterInform an, der staatlichen Anlaufstelle für alle Besucher in der Zone. Von vormals 14.000 Menschen leben nur noch rund 400 in der Stadt. „Die Wege sind nicht zu verlassen, dem Guide ist unbedingt Folge zu leisten!“, lautet der letzte eindringliche Ratschlag, bevor alle zum einzigen restaurierten Gebäude gebracht werden – der orthodoxen Kirche St. Elias am Rand der ehemaligen Kleinstadt.

© Marco FieberUnsere Tour führt uns weiter zum kleinen Stadion von Tschernobyl. Wo einst Fußballspiele und Spartakiaden stattfanden, befindet sich nun ein Freiluftmuseum der besonderen Art. In der Nähe des nicht mehr zu erkennenden Mittelkreises stehen zwei ausrangierte Panzer und ein Feuerwehrauto, die bei der Katastrophe kontaminiert wurden. Der Geigerzähler kommt zum ersten Mal zum Einsatz und beweist, dass das verrostete Metall der Fahrzeuge immer noch radioaktiv strahlt. Mit dem mulmigen Gefühl die Radioaktivität das erste Mal „gesehen“ zu haben, steigen wir wieder in den wartenden Bus.

Am Ortsausgang, genau vor der Feuerwehrstation Tschernobyls, treffen wir auf ein beeindruckendes, von Überlebenden gestaltetes Denkmal. Es erinnert an die Männer, die im Kampf gegen den schwelenden Graphitbrand im Inneren von „Block 4“ schwere Strahlenschäden davontrugen oder sogar ihr Leben ließen. Es bleibt nicht viel Zeit, wir müssen und wollen weiterfahren.

© Marco FieberDer Sarkophag

Kurz nach einem weiteren Kontrollpunkt erblicken wir den verunglückten „Reaktor Nummer 4“ – den Sarkophag. 200 Meter Luftlinie entfernt vom „Stahlmonster“ schlägt der Geigerzähler so heftig aus wie noch nie. Die europäische Norm für Gamma-Strahlung wird mehr als 20 Mal überschritten. Es herrscht eine seltsame Stimmung unter uns „Touristen“. Man bewegt sich auf dem schmalen Grad zwischen Bedrückung, Angst und Sensationsgier.

Es ist nur schwer vorstellbar, was sich hier vor mehr als 20 Jahren ereignete. Die Sonne scheint, überall wachsen wilde Blumen und Insekten schwirren umher. Doch die unsichtbare Gefahr – verstrahlter Staub – ist überall. Wenn auch die Straßen und die wichtigsten Gebiete dekontaminiert wurden, bei jedem Schritt wird er erneut aufgewirbelt.

© Marco FieberWenig später schlängelt sich unser Reisebus auf der von Schlaglöchern übersäten Straße zum drei Kilometer entfernten Prypjat. Dort sollte ab 1970 eine sowjetische Vorzeigestadt entstehen. Im Jahr der Katastrophe wohnten in Prypjat bereits über 45.000 Menschen, vor allem junge Familien mit Kindern. Der Bereich ist mittlerweile militärisch abgeriegelt. Ein Stacheldrahtzaun umringt die Geisterstadt und ein Außenposten der Armee überwacht die ein- und ausfahrenden Touristengruppen.

© Marco FieberHaltestelle Prypjat

Unser Bus parkt vor dem ehemals größten Hotel der Stadt. Am gleichen Platz befindet sich auch das imposante Theater. Durch ein kleines Wäldchen führt uns einer der Guides zum großen Festplatz, auf dem für das 1. Mai-Fest 1986 Fahrgeschäfte aufgebaut wurden. Das riesige Karussell und der Autoscooter wurden nie von den Kindern Prypjats benutzt und rosten seitdem vor sich hin.

Am späten Nachmittag, nach über fünf Stunden in der Sperrzone und mit gut einem Viertel der Strahlenbelastung der dort immer noch arbeitenden Kernkraftwerksarbeiter, verlassen wir die Zone wieder. Vergänglich werden die Erinnerungen sein, vielleicht auch die Fotos, die man den eigenen Enkeln irgendwann einmal zeigt. Was aber noch über die nächsten Generationen hinaus existieren wird, ist die radioaktive Strahlung – und damit auch der Reiz für die künftigen „Extremtouristen“.

Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl, im Norden der heutigen Ukraine, die schwerste nukleare Havarie und eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten. Durch Verkettungen von Planungs- und Bedienungsfehlern kam es zu einer Kernschmelze des vierten Reaktorblocks, der wenig später explodierte. Offiziell kamen bei der Katastrophe 56 Menschen ums Leben; allerdings geht die Zahl der direkten Strahlenopfer und Folgeerkrankten in die Hunderttausende.
Marco Fieber, 24,
studiert Politikwissenschaft und Kaukasiologie in Jena.

Copyright: to4ka-treff
April 2010

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