2013

„Die Hoffnung, sich selbst zu überraschen“

Das Ende, bzw. der Tod der Kunst wurde schon mehrfach ausgerufen. Vielleicht trifft das auf unterschiedliche Gattungen auch zu. Wirklich lebendig und innovativ zeigt sich dagegen die Performance. Der Berliner Künstler Christian Jankowski beschäftigt sich mit solchen Performances, die er dann in Videos konserviert. Subtile Persiflagen des Kunstbetriebs gehören dabei ebenso zum abgebildeten Spektrum wie beißende Gegenwartskritik. Im Interview mit To4ka-Treff äußerte sich der Künstler zu seinem eigenen Schaffen, den Möglichkeiten der Kunst, der Bedeutung von Kunstrezeption und dem, was ihn antreibt, überhaupt Kunst zu machen.

© To4ka-Treff

Herr Jankowski, was führt Sie heute nach Moskau?

Ich bin vom Goethe-Institut eingeladen worden. Heinz Peter Schwerfel, den kenn ich auch schon etwas länger, hatte mir davon erzählt, dass hier etwas in Bezug auf Kunstmarkt oder Markt und Kunst stattfindet. Und da ich doch einige Arbeiten hätte, die dazu ganz gut passen würden, hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, nach Moskau zu kommen. Es war auch mal die Rede davon, dass wir vielleicht eine Performance oder sogar eine neue Produktion hier in Moskau machen. Der Dialog ist jedenfalls hergestellt und er wird sich bestimmt entwickeln. Irgendwas kann daraus werden, das ist jetzt ein Startschuss.

Die Veranstaltung heute Abend trägt den Titel „Kunst und Kapital“ – zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Dinge. In welchem Verhältnis stehen diese zwei Begriffe denn Ihrer Meinung nach?

Also die stehen sich nicht gegenüber, das ist irgendwie alles eine Parallelgeschichte zueinander. Aber das beantworten Sie lieber zusammenführend, wenn Sie diese ganzen Seminarie angeschaut haben, ich kann jetzt darüber ehrlich gesagt keine lange philosophische Abhandlung geben. Für mich ist es einfach so, dass Kunst und Kapital beides ein Thema sein kann.

Was ist für Sie denn Geld? Was verbinden Sie mit den Begriffen Geld und Kapital?

Auch immer wieder was komplett Anderes. Ich kam heute Nacht um halb 3 hier an und dann war meine erste Überlegung: Wie sieht’s aus mit Geldautomaten? Wie ist der Wechselkurs? Es sind tausend Informationen zu Geld, die auf einen zukommen, die auf vielen verschiedenen Ebenen laufen.

© To4ka-Treff

Sie sind mit Ihrem Schaffen auf der ganzen Welt unterwegs und präsentieren es vor vielen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Was Sie präsentieren bleibt für Sie dabei dasselbe, aber erkennen Sie Unterschiede in den Reaktionen des Publikums?

Da muss ich wirklich überlegen. Heute Abend war das ganz interessant, welche Unterschiede das technische Equipment machen kann. Durch diese kleinen Flüsterer im Ohr, die einem die Vorträge auf Russisch oder Deutsch übersetzten, trat eine Zeitverzögerung im Gesprochenem auf. Wenn irgendwas Lustiges auf Russisch gesagt worden ist, dann haben die Deutschsprechenden mit Verspätung darüber gelacht und umgedreht. So ähnlich war es auch mit meinem Video, welches auch simultan übersetzt worden ist. Das kann zu Irritation führen und ist eine Folge dieses Zeitverzögerungseffekts. Darüber hab ich kurz nachgedacht heute, was es besonders gemacht hat.

Ansonsten sind die Interessen relativ globalisiert in der Kunst. Die Fragen, wie Kapital oder der Markt sich auf die Kunst auswirken, oder was mit der Wirtschaftskrise ist, sind natürlich auch ein globales Thema. Die Diskussion über Kunst findet ja auch international statt. Ich würde nicht sagen, dass die Koreaner nur das und die Russen nur jenes interessiert. Es ist schon ein relativ informiertes Publikum, das verwandte Interessen hat. Wobei ich nicht glaube, dass man Fachwissen braucht, um Kunst wirklich lesen zu können. Mich hat auch immer Kunst fasziniert und interessiert, die auf ganz unterschiedlichen Rezeptionsebenen den Menschen was sagt. Die also sowohl Kinder als auch Leute, die Kunst eigentlich gar nicht mögen, genauso wie Leute, die Kunst lieben, anspricht. Mit der Kunst verschiedene Publikumsgruppen anzusprechen liegt auch meinem Werk sehr nah und deswegen habe ich eigentlich nichts gegen kreative Missverständnisse oder verschiedene Lesarten.

© To4ka-Treff

In Ihren Kunstwerken tauchen Sie entweder als physischer Darsteller oder zumindest als Name im Raum immer wieder auf. Damit sind Sie einerseits Urheber der Kunst und andererseits auch ihr Darstellungsgegenstand. Wie kommen Sie mit dieser Doppelrolle zurecht?

Ich sehe das nicht als eine Doppelrolle. Es ist natürlich eine Form der Performance. In der Performance gibt es ja auch eine Art Gleichzeitigkeit. Die einfachste Antwort darauf, warum ich da drin bin und wie ich dazu stehe, ist meine Eigenschaft als Initiator. Meine Arbeit basiert auf Situationen. Ich muss einen Impuls geben, damit ich von irgendwo anders was höre. Dadurch, dass ich in Performances arbeite und andere Autoren an dem Werk mitarbeiten, ist automatisch etwas Dialogisches in dem Werk angelegt. Deswegen ist es mit dem ersten Impuls am besten zu beschreiben. Und warum sollte man den ersten Impuls nicht auch sehen oder hören? Oder gleichzeitig: Warum sollte der erste Impuls sich nicht auch selbst wieder lächerlich oder zu ambitioniert darstellen, auf jeden Fall aber sich selbst mit zum Gegenstand der Diskussion machen? Ich glaube, ich habe etwas dagegen, wenn Leute nur außen bleiben und denken, sie könnten Systeme erfassen, indem sie von außen darauf gucken. Oder andere Systeme bewerten, ohne drinnen zu sein. Ich glaube ehrlich gesagt, dass man Systeme auch nur dann bewerten oder eine Aussage darüber machen kann, wenn man auch drinnen ist.

© Christian Jankowski

Besonders bei "Strip the auctioneer" hat sich mir die Frage gestellt, wie viel „scripted Performance“ denn hinter so etwas steckt. Mit wie viel Kalkül gehen Sie an die Konzeption eines Werkes?

Das sind einfache Spielregeln. Eine echte Auktion, ein echter Auktionator, echte Kleidungsstücke vom echten Auktionator. Ich habe ihm gesagt: „Alles, was du ablegst, kaufe ich dir wieder neu.“ Also konnte er sich am nächsten Tag nochmal neu einkleiden gehen. Aber es gibt darin kein Script. Denn ich habe ihm nicht sagen können und auch nicht sagen wollen: „Verkauf es oder beschreibe es so und so“. Er hat das ganz nach seiner Art gemacht und ich habe ihn ja auch als einen Profi eingeladen, insofern ist er auch kein Schauspieler. Ich arbeite recht selten mit Schauspielern. Es sind fast immer Menschen, die bestimmte Funktionen haben, in ihrem Kontext und ihrer Welt. Ihr Vokabular und ihre Weltansichten spiegeln sich im Werk wider, dadurch, dass sie es auch genau so machen, wie sie es immer machen. Mit der kleinen Veränderung in diesem Fall, dass es eben - in Anführungsstrichen - keine Kunst zu verkaufen gab, die schon produziert war, die man in der Auktion hochhalten kann, sondern dass sie in dem Moment erst behauptet wird.

Sind Sie von diesen kleinen Veränderungen, die dann zustande kommen können, überhaupt noch überrascht?

Ja, absolut bin ich davon noch überrascht. Das ist ja das, worauf ich die ganze Zeit hoffe, mich selber zu überraschen, sonst würde mich das ja langweilen, sonst würde ich es nicht machen.

© Christian Jankowski

Wir leben im Zeitalter des Web 2.0, es gibt Angebote wie Youtube, mit denen Menschen leichter die Möglichkeit haben, Werke zu publizieren und zu konsumieren. Was macht Ihrer Meinung nach Kunst zur Kunst?

Für mich ist die Kunst auch die Kunstrezeption. Das ist etwas, wo für mich nichts über den physischen Raum geht. Bestimmt gibt es eine Generation nach mir, die das virtueller und im Computer macht und vielleicht auch da diesen Austausch erfährt. Aber dieses Gefühl, auch einen anderen Rezipienten sich räuspern zu hören, zu riechen, zu sehen, die Reaktion von dem zu sehen, das treibt mich auch immer wieder ins Museum und in die Galerie. Da gibt es irgendwie so eine Begegnung auch im physischen Raum, die in meinen Augen auch sehr schön und vielschichtig ist, das gemeinsame Betrachten von Kunst.So ähnlich, wie wenn man aus dem Kino kommt und man sich dann darüber unterhalten kann. Ich liebe es auch ins Museum zu gehen und meinetwegen auch im Museum mediale Kunst zu sehen. Aber ich hänge an dem physischen Raum.

© Christian Jankowski

Woran arbeiten Sie gerade, bzw. was sind Ihre Pläne für 2014?

Ich habe noch viele Pläne 2013, noch viele offene Rechnungen und Arbeiten, die noch fertig zumachen sind. Ich komme gerade aus Kalifornien, weil ich im Silicon Valley eine Arbeit mache, die heißt „Silicon Valley Talks". Da geht es um die Zukunft von Sprache. Das ist ja immer so, dass Technik auch Sprache mitverändert, wenn irgendetwas Neues erfunden wird. Irgendwann kam jemand mit dem Scanner als total neuartiges, wahnsinniges Instrument an. Und plötzlich sagt man, dass in irgendeiner Bar jemand den anderen abscannt. So durchdringt technisches Vokabular die Alltagssprache. Dieses Phänomen finde ich extrem interessant. Deswegen habe ich von den großen, einschlägigen Firmen, die da unterwegs sind, von Google über Facebook bis Yahoo alle möglichen Leute angesprochen. Die Firmen sollten Mitarbeiter schicken, die in Form eines TED-Talks einen Vortrag halten, in dem es aber überhaupt nicht um Technologie und auch gar nicht um die Firma geht, sondern um all das, was es drumherum noch gibt. Man kann dort über seinen Garten reden, man kann über Urlaub reden, man kann über Liebe und Tod reden, all solche Themen. Vielleicht sind da auch die Fragen, die vorherigen Fragen extrem gute Fragen für solche Vorträge. Vielleicht tu ich mich damit auch manchmal schwer, weil ich versuche ähnlich fundamentale Fragen in der Kunst zu stellen, sie aber leider selbst nicht beantworten kann. Aber genau um solche Themen geht es eben dann in den Vorträgen. Nachdem diese geschrieben sind, sollen sie möglichst viele Wörter mit ganz neuem Tech-Vokabular austauschen. Und so kann es dann sein, dass in der Sprache der Zukunft über Schmetterlinge referiert wird.

Das Gespräch führten Tobias Betzin und Mareike Rath

Copyright: To4ka-Treff
Oktober 2013

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