Umwelt

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Die Farm in der Box

Wo kann der Bewohner einer Mega-City heute frisches und natürliches Gemüse finden? Während in Russland noch das Phänomen der „Datscha“ lebt, verstehen viele Petersburger darunter schon eher eine Bar in der Dumskaja-Straße und viele Bewohner des Mode-Bezirks Friedrichshain in Berlin ein Café, in dem man oft Russen antrifft. In der deutschen Hauptstadt hat man sich nun ausgedacht, wie benachteiligte Großstadteinwohner ihre eigenen natürlichen Produkte großziehen können. Hier entstand die erste tragbare Farm, die man aufs Dach stellen kann, in den Hinterhof oder zwischen vernachlässigte Garagen.

© by ECF | Efficient City Farming Berlin

Erschreckende Prognosen

Seitdem sich die Menschheit Gedanken darüber gemacht hat, dass Geschmacksverstärker, Pestizide und andere Chemie schädlich sind, gibt es auf der Welt einen neuen Trend – Öko-Produkte. Den Nutzen und die Rentabilität von natürlichem Gemüse, Früchten und Fisch muss man nicht mehr erklären. Mit jedem Jahr wird es immer leichter, natürliche Landwirtschaftsprodukte zu kaufen, besonders im fortschrittlichen Deutschland. Allerdings ist alles nicht so einfach. Berlin hat keine eigenen landwirtschaftlichen Ländereien. Und das bedeutet, dass „einheimisches Essen“ aus Nachbarregionen importiert wird, was es nicht nur weniger frisch macht, auch die Ausgaben für den Transport kommen hinzu, und die Abgase belasten die Umwelt.

In Zahlen ausgedrückt wird sich laut Angaben der UNO die Anzahl der Menschen auf dem Planeten bis zum Jahr 2050 auf bis zu 9 Milliarden erhöhen, wobei 70% davon in den Städten wohnen werden. Bereits heute ruft die Produktion von Lebensmitteln 17% des weltweiten Ausstoßes an CO2 hervor und verbraucht gleichzeitig 70% der Wasservorkommen. Genau solche Berechnungen bewegten die jungen Berliner Studenten, die sich zur Organisation ECF („Efficient City Farming“) zusammengeschlossen haben, dazu eine kompakte Containerfarm mit geschlossenem Wasserkreislauf zu erfinden.

Du weißt, was du isst

© by ECF | Efficient City Farming BerlinDie erste Containerfarm tauchte in Berlin auf dem Gelände der früheren Malzfabrik auf. Sie wurde zum kreativen Raum mit ungewöhnlichen Ausstellungen, Konzerten und Partys umfunktioniert. Doch nicht nur Kunstaktivitäten verbinden hier die Künstler, sondern auch das Streben nach einer nachhaltigen Umweltentwicklung. Das Gebäude baute man gemäß der heutigen Normen um: Es wurden Energiesparlampen benutzt und Wände und Fenster abgedichtet, um die Wärme zu halten. Genau deshalb erwies sich das Loft als der passendste Ort für die Montage der ersten Containerfarm.

Die Mini-Farm nimmt nicht viel Platz weg: eine Fläche von etwa 15 Quadratmeter und dazu eine Höhe von 5 Metern. Wenn man über eine spezielle Holztreppe in das Häuschen hineingeht, kann man für eine Mega-City eine erstaunliche Vielfalt sehen: frische Tomaten, Salat, Basilikum, Gurken, Zucchini, Minze und Paprika. Dem experimentellen Gemüsegarten muss man sich zwei Stunden am Tag widmen, dafür gibt es praktisch kostenlose und gleichsam nützliche eigene Lebensmittel im hiesigen Café. Der Leiter von ECF Nicolas Leschke erzählt, dass sie während des Ausbruchs einer Darminfektion im Juli 2012 wussten, was sie essen und keine Angst hatten, sich den Bazillus einzufangen.

Doppelter Boden

„Um ein Blumenbeet unter Fenstern anzulegen, braucht man nicht viel Verstand. Wozu dafür ein Haus aufstellen?“, wird jede russische Großmutter fragen und dabei Recht haben. Aber tatsächlich hat der Container einen zweiten Boden. Wenn man in den Raum unter der Gemüseplantage hineinschaut (es führt eine separate Tür nach unten), dann entdeckt man ein kleines Schwimmbad mit Fischen: Hier leben Tilapien, Barsche und Karpfen.

© by ECF | Efficient City Farming BerlinDie Fische hat man hier nicht zufällig angesiedelt. Um in dem Gewächshaus Wasser zu sparen, wird die „Aquaponik“-Technologie verwendet. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass die Pflanzen ohne Erdboden aufgezogen werden und Erzeugnisse aus dem Lebensbereich der Fische als Nährstoff verwendet werden. Die Pflanzen ziehen aus dem verunreinigten Wasser Abfälle heraus, die für sie nützlich sind. Gleichzeitig reinigen und bereichern sie es mit Sauerstoff. Das gereinigte Wasser fließt wieder zu den Fischen und die Ausgaben werden um 50 % minimiert.

Wo der Öko-Hund begraben liegt

Die Organisatoren legten sich gleich darauf fest, dass ihr Modell nicht für die Proklamierung ökonomischer Rentabilität entwickelt wurde, aber jeder Restaurantbesitzer oder Enthusiast versteht durch eine einfache Rechnung, dass es nicht so kostenintensiv ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Organisatoren geben an, dass es ihnen gelungen sei, in sieben Monaten Nutzung von April bis Oktober 200 Fische und 300 kg Gemüse zu züchten. Die Ausgaben für das Pflanzgut, Fisch-Zuchttiere, Wasser und Energie betrugen 3000 Euro. Nach Ablauf einer Periode haben sie ihre Ausgaben vollständig gedeckt, indem sie 150 Fische à 20 Euro das Stück verkauft haben. Als Bonus blieben noch das kostenlose Gemüse und Kräuter. Zudem bringt das Modell reinste Vorteile mit sich: Die Pflanzen scheiden den für eine Mega-City dringend benötigten Sauerstoff aus, für die Produktion werden keine Arbeitskraft oder unnötige Abgase verschwendet.

© by ECF | Efficient City Farming BerlinAllerdings vergessen die Enthusiasten die Kosten des Containers selbst. Sie bieten ihn Unternehmern zum Kauf ab 25 000 Euro an, was ungefähr eine Million Rubel sind. Sogar unter Berücksichtigung der 300 kg Obst wird es 10 Jahre dauern, bis sich die Plattform rentiert. Vielleicht planen genau deshalb initiative junge Ökologen und Künstler, ein Dach einer ehemaligen Fabrik umzugestalten, ein Platz der aus 7000 Quadratkilometer besteht. Ein großer Gemüsegarten und schon kann man in großen Maßstäben die Stadt mit Tomaten, Salat, Kohlrabi, Petersilie, Dill und sogar mit ökologisch sauberem Fisch versorgen.
Wioletta Rjabko, 25, St. Petersburg

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2013

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