Umwelt

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Das Lager der nützlichen Dinge

Weit weg vom Berliner Zentrum und in Mitten großer Gebäude hat im Bezirk Pankow ein ungewöhnliches Haus namens „Kunst-Stoffe“ Unterschlupf gefunden. Designer finden hier Quellen der Inspiration, Freunde der Handarbeit Material für ihre Werke, Sammler ungewöhnliche Raritäten und Kinder wie Schüler eine Menge spannender nützlicher Dinge. © Mate Dimitriowski
Garn- und Drahtspulen, Weinkorken, Flaschenverschlüsse, Dosen mit Farben, Schaufensterpuppen verschiedener Art – nichts was es nicht gibt in diesem Lager nützlicher Dinge. Hier gewinnen sie ein zweites Leben und werden zu Elementen von Kunstwerken, Designer-Objekte, Bühnendekoration und vieles mehr verwandelt – zu dem, wozu die Phantasie von kreativen Berlinern fähig ist.

Vom Weinkorken bis zur „Singer“

Die Idee, das zu sammeln, was andere wegwerfen und diese Materialien allen Interessenten zu einem niedrigen Preis zu verkaufen kam Corinna Vosse in den Sinn. Eine ähnliche Initiative lernte sie während ihres Studiums in New York kennen. Ein Jahrmarkt für nutzlose Dinge bekam in den USA den Namen „Materialien für Kunst“. Einwohner der Stadt, Organisationen und Betriebe konnten an einem bestimmten Ort nutzlose Materialen abgeben, während Interessenten sie zu einem niedrigen Preis kaufen konnten. Corinna hat die Idee nach Berlin gebracht, wo es ein derartiges Lager noch nicht gab. Zusammen mit Frauke Hehl und anderen Enthusiasten hat sie es in die Tat umgesetzt und in der Berliner Straße „Kunst-Stoffe“ eröffnet. Der Ort erwies sich als sehr gut und ist seitdem zu einem echten Mekka für die Freunde der Handarbeit geworden.

© Mate DimitriowskiTheaterkulissen, ausgediente Basketball-Körbe, alte Spielsachen oder aus der Mode gekommene Gardinen. Die Sachen oder, wenn man sie so nennen kann, die „Exponate“ sind nach Materialien getrennt: Metall, Farben und Stoffbahnen reihen sich an Holzstöcken, Brettern und Papier. Hier gibt es seltene Koffer, mit denen man Mitte des vergangenen Jahrhunderts gereist ist und man bekommt sogar eine Nähmaschine der Firma „Singer“ zu Gesicht.

„Von gewöhnlichen Berlinern, aber ebenso von Organisationen bekommen wir allerlei „Müll“: Vom Bonbonpapier bis zum Belüftungsrohr. Wir nehmen alles an, was ungefährlich ist und verkaufen es günstig an andere Leute“, sagt Corinna Vosse.

In sieben Jahren Arbeit hat das Lager einige Stammkunden gewonnen, darunter Kindergärten, Schulen, Theater und Künstler-Studios. Übrigens, wenn es notwendig ist, die Materialen vorher zu bearbeiten, kann man das direkt in den gemütlichen „Kunst-Stoffe“-Werkstätten machen. Dazu wurden hier Werkstätten für die Arbeit mit Holz, Metall, Textilien und andere Arbeitsräumlichkeiten geschaffen.

Das zweite Leben der Dinge

„Im Zentrum der Idee steht ein künstlerischer, ein ökologischer und ein neuer kultursoziologischer Zugang zu Strategien der Verarbeitung und Weiterverwendung der Dinge“, sagt Corinna Vosse. „In erster Linie befreien wir die Stadt vor überflüssigem Müll. Unnütze Materialien werden hierher gebracht oder wir bringen sie selbst mit, bevor sie zu Müll werden oder die Stadt verschmutzen. Außerdem sind in unserer Zeit der gekürzten Ausgaben für Kultur alternative Ressourcen notwendig.“

© Mate DimitriowskiSchon lange ist bekannt, dass sich die Kultur des bewussten Umgangs mit ausgedienten Materialien in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau befindet – hier wurde ein System zur Sammlung und Verarbeitung von Müll organisiert. So kann man Plastik- und Glasflaschen in jedem Supermarkt abgeben. Und in letzter Zeit ist auch der unkonventionelle Umgang mit Müll populär geworden – zum Beispiel erfährt die Richtung der Öko-Mode einen Aufschwung. Stefan Müller kreiert etwa Mode-Exponate aus Fahrradreifen oder zerrissenen Kassettenbändern. Modeschöpfer des Textilmülles

Müllkultur

Trotzdem ist das Lager das erste Unternehmen solcher Art in Berlin. Neben ihrer künstlerischen und ökologischen Funktion beschäftigen sich die Arbeiter des Vereins „Kunst-Stoffe“ noch mit aktiver Aufklärungstätigkeit. So haben sich die Begründer des Lagers dazu entschlossen, auch jungen Berlinern einen bewussten Umgang mit den Dingen beizubringen. Hier finden oft offene Seminare und Workshops für Schüler statt.

© Mate Dimitriowski„Mit unserer Hilfe können sie zu der Einsicht gelangen, dass man viele Dinge kreativ benutzen kann und man sie nicht auf die Müllhalde schmeißen muss“, sagt Corinna. In dieser Ausstellung etwa schenken Kinder aus dem nahegelegenen Gebiet Pankow den Dingen ein zweites Leben – da sind Spielsachen, lustige Männchen und Masken aus Draht und Plastikflaschen, aus Papier, Streichhölzern und aus einer Menge anderer Dinge, zu denen die Phantasie von kreativen Berlinern fähig ist. Neben der Arbeit mit Kindern überlässt das Lager seine Räumlichkeiten für Experimente und unterstützt eigentlich auf jede Weise die Verbreitung von Strategien zur Wiederverwendung von Materialien.

Die Leitung des Senats für Stadtentwicklung hat die Ungewöhnlichkeit des Vereins und ihren ökologischen Beitrag betont und im Jahr 2009 und 2010 hat die Vereinigung ein Qualitätslabel vom „Rat für nachhaltige Entwicklung“ erhalten. Im Jahr 2011 wurde „Kunst-Stoffe“ ebenso mit dem Umweltpreis des Bezirks Pankow ausgezeichnet.

In Russland gibt es bislang noch keine Kultur des Umgangs mit Abfallstoffen und ähnliche Initiativen entstehen gerade erst. In Moskau hat man etwa das erste Festival „ART-Verwertung“ organsiert. Die Organisatoren haben allen Interessen vorgeschlagen nicht benötigte Aluminium-Dosen, Plastiktüten, Karton-Schachteln und andere Sachen mitzubringen, um dann den lästigen Haushaltsmüll in schickliche und geistreiche Gegenstände für Draußen zu verwandeln.
Anna Andrijewskaja, 28, Nowosobirsk

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2013

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