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Mit Wölfen leben?

© FireVulpes CC BY creativecommons.orgVor mehr als zehn Jahren sind auf deutschem Gebiet wieder wilde Wölfe aufgetaucht, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts vollständig ausgerottet waren. Während sie bisher noch wenige sind, stellen sich viele dennoch schon heute die Frage: Wird die Rückkehr des Raubtiers dem modernen Menschen nutzen oder schaden?

© Sherwood411 CC BY-NC creativecommons.org

Es herrscht großer Andrang auf der Brücke am Freigehege der Wölfe im Zoo Olderdissen in der deutschen Stadt Bielefeld: 10 Uhr morgens, Fütterungszeit. Kinder wollen diejenigen mit eigenen Augen sehen, über die sie so viel in Märchen und Geschichten gehört haben. Bereits seit mehr als einem Jahrhundert ist der Wolf in Deutschland ein eher exotisches Tier. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Population der wilden Wölfe völlig ausgerottet. Und alle, die übrig waren, lebten in Zoos. Bis vor kurzem.

Die Rückkehr

1995 wurde im militärischen Sperrgebiet Oberlausitz im Osten Deutschlands ein einsamer Wolf entdeckt. Nach drei Jahren sichtete man an diesem Ort schon ein Wolfspaar, im Jahr 2000 war es bereits eine ganze Familie: das Paar hatte vier Jungtiere bekommen. Seitdem hat die Zahl der wild lebenden Wölfe weiter zugenommen. Bis zum heutigen Tag sind in deutschen Gefilden 19 Wolfsrudel registriert worden, drei Paare und sechs bis acht Einzelgänger. Das heißt, dass alles in allem mehr als hundert Tiere in Deutschland leben.

„Die Wölfe wanderten von Polen, Österreich und sogar Italien aus nach Deutschland“, erzählt Markus Hinker, Mitarbeiter des Zoos. „An der Oder, entlang der Grenze zu Polen, befinden sich einige größere Truppenübungsplätze. Das ist ein großes, unbewohntes Gebiet, das über ausgedehnte Wälder verfügt, was ideale Bedingungen für das Überleben der Wölfe darstellt. Darüber hinaus haben sie in Deutschland keine direkten Konkurrenten; Alle großen Raubtiere, wie der Bär oder der Luchs, sind schon lange ausgerottet. Deshalb wächst die Population der Wölfe weiter an.“

Freund oder Feind?

© privat Es ist verständlich, dass die Rückkehr der Raubtiere bei den Leuten Ängste hervorrufen kann. Der Wolf ist eine direkte Bedrohung für heimische Herdentiere und deutsche Landwirte schlagen bereits Alarm. Auch Jäger sind besorgt, da der Wolf ihr direkter Konkurrent im Wald ist. Seine Jagdmethoden sind so effektiv, dass die Artbestände einiger Pflanzenfresser stark dezimiert wurden. Zum Beispiel das vom Aussterben bedrohte Mufflon – ein Wildschaf, das vor ungefähr 100 Jahren aus Sardinien und Korsika eingeführt wurde und sich im deutschen Wald verbreitet hat. All dies hat die Ängste der Bürgerinnen und Bürger um ihre eigene Sicherheit bei einem Picknick oder einem Spaziergang geschürt. „Endgültig kann man auf die Frage, ob der Wolf ein Freund oder ein Feind ist, noch nicht antworten“, sagt Markus Hinker. „Natürlich stellen Wölfe ein gewisses Problem für die Landwirtschaft dar. Allein die Errichtung von elektrischen Zäunen um Weideflächen, spezielle Stallungen, die Haltung von Schäferhunden – all das wird Geld kosten. Natürlich freut sich nicht jeder über die Rückkehr der Wölfe“.

Umweltschutzorganisationen versuchen allerdings Aufklärungsarbeit zu leisten und die Leute über die, größten Missverständnisse in Bezug auf Wölfe zu informieren. Deshalb veranstaltet der deutsche Umweltschutzverband NABU (Naturschutzbund Deutschland) Konferenzen und Seminare, verbreitet Informationen in Broschüren und dem Internet und versucht die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Gefahr, die von Wölfen ausgeht, stark übertrieben dargestellt wird. Zum Beispiel seien laut einer Studie des norwegischen Instituts NINA innerhalb der letzten 50 Jahre in Europa nur neun tödliche Angriffe von Wölfen auf Menschen registriert worden, von denen fünf durch Tollwut verursacht wurden. In den anderen vier Fällen griffen eigentlich wild lebende Wölfe die Menschen an, die sie zuvor gefüttert hatten und somit in ihre natürliche Umgebung eingedrungen sind. Wild und doch nur Wolf – die Tiere sind sehr vorsichtig und bemühen sich, dem Menschen nicht öfter als unbedingt nötig zu begegnen. Wenn ein Wolf über ausreichend „wilde“ Nahrung verfügt, wird er den Menschen und auch seine Nutztiere nicht angreifen. In jedem Fall können einfachste Formen der Abwehr, wie Zäune und Schäferhunde, gegen Wolfsangriffe helfen. Wie bei der Ausrottung des Mufflons, so die Meinung der Experten des NABU, bedrohen sie die Existenz einer Reihe von seltenen Pflanzen, und außerdem ist ein Tier, das sich normalerweise in den Bergen aufhält, nicht dafür geschaffen, im feuchten deutschen Wald zu leben.

Chance oder Risiko?

Vielleicht wäre es besser, wenn alle Wölfe in Zoos leben würden? Markus Hinker ist sich nicht sicher, ob so etwas machbar wäre. „Unter unseren Zootieren sind drei Wolfschwestern - Ronja, Kira und Smilla“, erzählt er. „Wir haben uns bei der Wahl bewusst für Weibchen entschieden, um keinen Nachwuchs im Rudel zu haben. Obwohl es heutzutage keine Einzelkäfige mehr gibt und ganze Freigehege errichtet werden, die die natürlichen Umgebung und den Lebensraum der Tiere wiedergeben sollen, ist für ein Wolfsrudel einfach noch zu wenig Platz. Gewöhnlich besteht das Rudel aus den Wolfeltern, ihrem letzten Wurf und den Neugeborenen. Die Fläche ihres Lebensraums umfasst ein Gebiet mit einem Radius von etwa 20 km. Nicht jeder Zoo ist in der Lage, sich diesen Luxus zu leisten“.

„Obwohl Wölfe für die Landwirtschaft ernsthaften finanziellen Schaden bedeuten können“, fährt Markus Hinker fort, „ist es unerlässlich sich daran zu erinnern, dass aufgrund von Epidemien, wie zum Beispiel der Vogelgrippe, fehlerhaften Inhaltsstoffen und schlechtem Futter erheblich größerer Schaden für die Wirtschaft entsteht. Die Rückkehr der Wölfe ist nur ein weiteres Risiko. Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben und Entscheidungen zu treffen, die allen Beteiligten zugutekommen. Wir haben oft darüber diskutiert, wie Tierschutz in anderen Ländern aussehen soll und darüber, ob es wirklich notwendig ist, in Afrika Jagd auf Elefanten zu machen. Und wir fangen und erschießen unsere wilden Wölfe dann einfach? Bevor man andere belehrt, muss man erstseine eigenen Probleme lösen“.

Gleb Kasakow, 25, Berlin

Übersetzung: Tobias Betzin

Copyright: To4ka-Treff
August 2013

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