Gesellschaft

Warum ich mich regelmäßig an Demos beteilige

Foto: Konstantin Charitonow

Foto: Alexey VitvitskyAm 19. Januar 2009 wurden in Moskau der Rechtsanwalt Stanislav Markelov und die Journalistin der liberalen Zeitung „Novaja Gazeta“ Anastasia Baburova mitten im Zentrum und tagsüber erschossen. Ein Jahr danach organisierte das Komitee „19 Januar“, bei dem Journalisten, Künstler, politisch aktive Bürger und teilweise junge oppositionelle Aktivisten mitwirken, ein Meeting zum Gedenktag an die beiden „Opfer des Faschismus“.

Einer unter den Teilnehmern der von der Stadt genehmigten Aktion war Ilya Karpjuk, selbst junger Journalist, Analytiker der Webseite www.polit.ru. Der To4ka-Treff-Redaktion in Moskau erzählte er, warum er trotz der Minus 20° dennoch auf die Straße ging, und warum er solche Veranstaltungen für wichtig hält. 

Warum ich mich regelmäßig an Demos beteilige und auch bei diesem Meeting dabei war

Am 19 Januar 2010 beschloß ich an dem Meeting, dass an den Rechtsanwalt Stanislav Markelov und die Journalistin Anastasia Baburova erinnern sollte, teilzunehmen. Ich kann nicht unbedingt behaupten, dass ich dort hin gegangen bin, weil ich einen besonderen Haß für Nationalisten und Faschisten empfinde, die an dem Mord von Markelov und Baburova beschuldigt werden. Ich bin natürlich auch kein Anhänger von nationalistischen Theorien, aber denke dennoch, dass man auch solche Organisationen nicht verbieten sollte, da dies ja auch Meinungen widerspiegelt und Meinungsfreiheit bedeutet für mich oberste Priorität.

Foto: Alexey VitvitskyMeine Entscheidung zu den Griboedov-Denkmal im Zentrum Moskaus an diesem eisig kalten Abend zu gehen, um zu demonstrieren, war eher damit motiviert, dass ich politische Morde verurteile und nicht vor habe, mich mit ihnen abzufinden. Einen Menschen zu verstehen, der, beispielsweise, seinen reichen Onkel ermordet um an das Erbe ranzukommen, kann ich irgendwo noch. Auch wenn es schwer fällt. Aber Geld braucht nun mal jeder. Einen Menschen zu verstehen, der Alkoholiker ist und aus seinem Alkoholiker-Freund Suppe kocht – ist schon schwieriger, aber dennoch möglich. Schließlich ist bekannt, dass nebeliges Bewusstsein noch ganz andere Dinge seinen Besitzer anstellen lassen kann. Aber Menschen, die töten, weil sie besessen sind, von einer verschwommenen Idee, sei es nun der Bau eines kommunistischen Paradieses oder einer rosigen Zukunft für alle darauf folgenden Generationen, verstehe ich nicht. Das Ziel eines politischen Mordes ist der Versuch einen Menschen zum Schweigen zu bringen, alles zu vernichten, was er gemacht hat. Deswegen empfinde ich es als sehr wichtig, den Mördern zu zeigen, dass ihr begangenes Verbrechen sinnlos war und zu nichts geführt hat, dass sie es nicht geschafft haben, Menschen zum Schweigen zu bringen.

Das Meeting – meine Eindrücke

Foto: Alexey VitvitskyWas das Meeting am 19 Januar nun angeht, - da habe ich gemischte Gefühle. Einerseits, waren um die 500 Menschen an diesem Tag an dem Denkmal versammelt. Für das heutige, moderne Moskau ist das eine ganze Menge, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Abend unter der Woche war und dann auch noch Winter und extreme Temperaturverhältnisse. Andererseits, das Verhalten der Teilnehmer dieses Meetings habe ich persönlich als unpassend empfunden. Vor allen Dingen der Teil der Jugendlichen, die die „Antifa“ repräsentieren. Ich selber habe es nicht gesehen, aber Augenzeugen haben mir erzählt, dass – nachdem die Demonstranten, die um das Denkmal herum standen, die Polizeikette durchbrochen haben (und die war wirklich nicht so massiv) und darauf hin die Spezialkräfte OMON zum Einsatz kamen, diese von dem Protestierenden mit Spraydosen beworfen haben, in denen Gas enthalten war. Gas ist allerdings keine Waffe, die nur auf die Polizei oder die Spezialkräfte wirkt. Dabei kommen auch alle anderen zu Schaden.

Audio: Sound vom Meeting

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Außerdem ist es auch nicht unbedingt angesagt die Polizei zu attackieren. Man könnte jetzt natürlich erwidern, dass sie ja ihrerseits eher schlecht, als recht dem Schutz des Volkes dient und das der OMON nie besonders vorsichtig uns sanft mit Demonstranten umgehen, und das die Stadt andauernd das Gesetzt bricht und friedliche oppositionelle Meetings verbietet. Aber man muss zugeben, dass die Moskauer Regierung in diesem Fall den Demonstrierenden mehr Freiheiten, also sonst gegeben hat. Erstens, weil man im Grunde zwei Meetings erlaubt hat – erst an einem Teil des Boulevardrings und dann nach einem halbstündigen Fußmarsch, bei dem niemand in die OMON-Hände und Polizeiwagen geraten ist, am anderen Ende. Spätestens seit den so genannten „Nichteinverstandenen Märschen“ kann man sagen, dass die Miliz die nötigen Ressourcen zu Festnahme von Protestierenden hat.

Foto: Alexey VitvitskyDeswegen ist es nicht ganz klar, was zu dieser im Grunde doch friedlichen Aktion im Januar geführt hat. Vielleicht hängt das mit dem vor Kurzem statt gefundenem Wechsel des Polizeichefs der Stadt zusammen (Wladimir Kolokolzev trat seinen Posten im September 2009 an; Anm. d. R.) oder ob das berühmte „Tauwetter“ wieder zurück gekehrt ist. Aber die Demonstranten, die im Vorfeld diese Waffenattacke (und Gasspraydosen sind Waffen) gegen die Polizei wohl geplant haben, da sie sie im Vorfeld provoziert haben aktiver gegen die Masse vorzugehen, haben meiner Meinung nach gegen jegliche öffentliche Verhaltensnorm verstoßen. Die Miliz ist dadurch aber kein Gramm besser geworden, das war dafür ein Eigentor der Demonstranten.

Dennoch kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich auch weiterhin an Meetings teilnehmen werde, auch wenn es welche sein sollten, die offizielle nicht genehmigt wurden. Wie die Praxis zeigt, wird man, auch wenn man festgenommen wird, in der Kammer nicht halb tot geschlagen, sondern nach einigen Stunden wieder frei gelassen. Und Demonstrationen verbieten – da hat die Regierung kein Recht dazu, da bin ich mir sicher. Und wie allgemein bekannt ist, den Menschen wird gerade so viel ihrer Freiheit und ihrer Rechte genommen, wie sie es freiwillig zulassen.

Ilya Karpjuk, 24
Journalist des Webportals polit.ru

Übersetzung: Nastja Gorochowa

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Февраль 2010

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