2008

Technostadt Berlin

Berlin sei „arm, aber sexy“, hat Bürgermeister Klaus Wowereit einmal gesagt. Seither gilt dieser Ausspruch als passgenaue Umschreibung der Situation der deutschen Hauptstadt.


Berlin ist mit 61 Milliarden Euro verschuldet, die Arbeitslosigkeit ist für deutsche Verhältnisse überproportional groß, die Zahl der Sozialhilfeempfänger ebenso. Trotzdem hat sich die Stadt in den letzten Jahren zu einer Kreativmetropole von Weltruf entwickelt. Berlin gilt selbst in Tokyo und New York als cool, ist inzwischen Mode- und Kunststadt, die weltweit Impulse aussendet. Als Partystadt und Markenzeichen für elektronische Tanzmusik aber ist Berlin geradezu unschlagbar.

Wirtschaftsfaktor, Kulturgut, Standortvorteil

Tresor
Das Nachtleben ist bunt, vielfältig und teilweise geradezu ausschweifend, Partys, die nicht am nächsten Morgen, sondern erst am nächsten Abend zu Ende gehen, sind keine Seltenheit. Partytouristen reisen mit Billigfliegern übers Wochenende zum Feiern an, um durch die Berliner Clubs zu ziehen. Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch sind genau so oft im Berliner Nachtleben zu vernehmen wie Deutsch. Der Lobbyverband der Berliner Clubbetreiber Club Commission bescheinigt den Clubs der Stadt, längst mehr zu sein als schummrige Etablissements, „eine Branche, ein Wirtschaftsfaktor, eine soziale Institution, ein Kulturgut, ein Standortvorteil“.

Riesiges Netzwerk

Dazu kommt ein riesiges Netzwerk aus kleinen Plattenfirmen. DJs, Plattenläden und Produzenten sowie die wichtigsten deutschen Szenemedien Groove und De:Bug haben in Berlin ihren Sitz. Oft geht auch alles kreuz und quer. Der Club Berghain beispielsweise betreibt mit Ostgut Ton inzwischen ein eigenes Label, der Plattenladen Hardwax hat um sich eine Blase aus verschiedenen Labels wie Basic Replay und Basic Channel gebildet. Deren Betreiber Mark Ernestus und Moritz von Oswald wiederum sind weltweit gefeierte Produzenten des Dub-Techno, der ähnlich mit Effekten und Hall arbeitet wie im jamaikanischen Dub. Berliner Dub-Techno ist längst international bekannter Markenzeichensound.

Der Fall der Mauer hat letztendlich Berlin zur Hauptstadt der elektronischen Musik gemacht, mit deren kreativem Potenzial nur noch die renommierte Musikstadt London konkurrieren kann. Andere, ehemals für die elektronische Musik wichtige deutsche Städte wie Frankfurt, Köln und Hamburg hat Berlin längst abgehängt. Labels wie Gigolo records aus München, Kanzleramt aus Frankfurt oder Areal und Karaoke Kalk aus Köln sind in die Hauptstadt umgezogen. Der Münchner DJ Hell, der Kölner Eric D Clark oder der Frankfurter Heiko Laux orientieren sich nach oder leben gleich ganz in Berlin.

Die Clubs

Der alte Tresor
In den Örtlichkeiten, die sich nach der deutschen Wiedervereinigung im Osten der Stadt auftaten, konnten sich die Anfang der Neunziger noch neue Musik und Tanzkultur Techno entwickeln wie nirgendwo sonst in der Welt. In Gebäuden mit ungeklärten Besitzverhältnissen traf man sich zu illegalen Partys. Mit wenig Geld konnte man viel Spaß haben. Kein Wunder, dass auch heute noch die wichtigsten Clubs der Stadt sich im Osten befinden, das Watergate und 103 an der Oberbaumbrücke, das Berghain in Friedrichshain, das Weekend am Alexanderplatz, der ehemalige, inzwischen umgezogene Tresor in der Leipzigerstraße. Demnächst eröffnet mit dem Rechenzentrum ein weiterer Großclub im Osten der Stadt. Dieses Gefühl eines „Auferstanden aus Ruinen“, wie sich ein früher Techno-Sampler des Berliner Tresor-Labels nannte, geistert heute immer noch als Mythos und Bezugspunkt durch die Szene.

Magnet Berlin

Techno und Clubkultur haben Berlin also zu einer weltoffenen Stadt gemacht. Von Beginn an war die Technoszene dabei internationalistisch ausgerichtet. Der Tresor bot als Club und Label Produzenten und DJs aus Detroit, die als die Erfinder von Techno galten, ungeahnte Möglichkeiten. So wie in den Fünfzigern in ihrer Heimat unbeachtete amerikanische Jazzmusiker nach Paris gingen, wo sie als Stars gefeiert wurden, so wurden die Detroiter in Berlin verehrt, während sie zuhause niemand kannte. Und irgendwann begannen die Amerikaner, nach Deutschland zu ziehen. Die Möglichkeiten Berlins bei gleichzeitig niedrigen Lebenshaltungskosten sprachen sich weltweit herum.

Inzwischen strömen DJs und Produzenten von überall her an die Spree. Viele, die sich anfangs vom Flair Berlins anlocken ließen, sind heute prägender Bestandteil der Faszination, so wie Jason Forrest. Unter eigenem Namen und unter dem Pseudonym Donna Summer gilt er als einer der führenden Vertreter des sogenannten Breakcore, einer schnellen und wilden Abart von Techno. Mit Cock Rock Disco betreibt er sein eigenes Label. Jason Forrest ist ein gutes Beispiel für einen Zugezogenen, der zwar wegen Berlin gekommen ist, der aber die Stadt auch verändern möchte. „Ich werde getrieben von einer Idee von Ekstase“, sagt er, „und da ist Berlin einfach im Moment die passende Stadt.“ Mit Birthday Party hat er vor kurzem eine eigene Partyreihe konzipiert, mit der er seine Suche nach „Ekstase“ befriedigen möchte.

Elektronische Musik aus Berlin wirkt international wie ein Leuchtturm. Auch deswegen ziehen DJs und Produzenten aus der ganzen Welt in Deutschlands Hauptstadt. Ein wenig ist das wie der Hollywood-Effekt. Wer als Schauspieler etwas werden will, geht dorthin, wo bereits die Großen leben. Und viele der Großen des Techno wohnen in Berlin. Westbam und Paul van Dyk, deutsche Star-DJs, aber auch Sasu Ripatti aus Finnland, der unter dem Pseudonym Vladislav Delay bekannt wurde. Oder Ricardo Villalobos, der von Chile nach Berlin gezogen ist, und den nicht wenige für den weltweit aufregendsten DJ und Produzenten halten. Dann der in England geborene und nahe Detroit aufgewachsene Richie Hawtin, ein Pionier des sogenannten Minimal-Techno, der eher auf raffinierte Klangkonstruktionen denn auf vordergründige Effekte setzt. Diese Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen.

Allerdings hat die Städtekonkurrenz innerhalb der elektronischen Musik Berlin seit kurzem einen neuen Gegner beschert: Paris. Seit Daft Punk gilt auch Frankreichs Hauptstadt als Szene-Metropole. Der in Berlin bekannt gewordene Kanadier Gonzales ist inzwischen dorthin verzogen, ebenso die Teilzeit-Berlinerin Miss Kitti und der Londoner Jamie Lidell. Für diese DJs und Produzenten war das Leben unter anderen DJs und Produzenten in Berlin, so sagen sie, zuletzt einfach zu normal geworden.

Andreas Hartmann
ist freier Autor in Berlin

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Mai 2008

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