Leben

Freelancer: Die Kunst frei zu sein

In Kirgistan kommt die Selbständigkeit in Fahrt. Vertreter verschiedener Berufsgruppen wählen bewusst immer häufiger die Aussicht auf einen flexiblen Zeitplan sowie die Befreiung von einem achtstündigen Arbeitstag und einem stationären Arbeitsplatz im Büro. Und immer mehr Fachmänner gehen in die Selbständigkeit. Was muss man wissen, wenn man Freelancer wird? Welche Fähigkeiten muss ein Freelancer haben und wie hält man sich über Wasser und versagt nicht? Jaroslawna Galiwez und Georgi Kolotow, Referenten eines Workshops zum Thema „Freelancer“ in Bischkek, teilen ihre Erfahrungen und Ratschläge mit.
© Lev - Fotolia.com

Auf rauen Wegen zur Freiheit

Jaroslawna Galiwez ist Innenarchitektin für private und öffentliche Räume und seit 8 Jahren Freelancerin.
Reichlich schwierige Umstände brachten Jaroslawna zur Selbständigkeit. Bei ihrer Stelle als Designerin in einer großen Firma achtete sie streng und penibel auf alles, was die Qualität der Arbeit betraf. Natürlich hat das vielen nicht gefallen, die Leute haben es nicht akzeptiert, dass man sie ermahnt, ihnen Regeln diktiert und Jaroslawna wurde entlassen.
„In einer Mietwohnung – ich konnte mir nicht vorstellen, wie es weitergehen soll, mein innerer Zustand war am Rande des Kollapses. Ich wusste nicht, was ich morgen machen soll. Alles verschlimmerte sich dadurch, dass man mir bei der Entlassung um das Fünffache weniger Lohn zahlte, als ich verdient habe.“ Alles änderte sich, als es auf einmal klingelte: Ein Kunde aus der Firma bat Jaroslawna darum, sich einem seiner Projekte zu widmen. „Beim Abschluss des Projekts empfahl er mich seinen Bekannten. So habe ich durch „Mund zu Mund Propaganda“ eine kleine Kundenbasis angeworben.“

Schwierigkeiten sind dem Könner kein Hindernis

© Jaroslawna Galiwez; Foto: privat Eine Hauptschwierigkeit, auf die praktisch jeder Freelancer stößt, ist das instabile Einkommen. Wie Jaroslawna bemerkt, wisst ihr, wenn ihr in einem Unternehmen arbeitet, dass euch an einem bestimmten Tag des Monats der Lohn ausgezahlt wird. In der Selbständigkeit gibt es eine solche Sicherheit nicht, zumindest solange die Aufträge noch nicht konstant fließen. Aber sogar wenn eine einmalige Zahlung für die Leistungen, den monatlichen Verdienst eines Arbeitnehmers bei weitem übersteigen wird, kann es eine einhundertprozentige Sicherheit für den morgigen Tag nicht geben.
Zur Kategorie „Schwierigkeiten“ kann man auch die Suche nach Kunden zählen: Abgesehen davon, dass man ein Spezialist auf seinem Gebiet sein muss, ist es auch unbedingt notwendig Qualitäten als Marktforscher zu haben, die es ermöglichen, sich und die eigene Arbeit voran zu bringen. „Es gibt gewisse Schwierigkeiten und es ist notwendig, seine Leistungen einzuschätzen. Es gibt immer Bedenken: Welchen Preis soll man nennen? Denn je nachdem welche Summe man nennt, bleibt der Kunde oder er geht. Deshalb ist es wichtig, sich nicht unter Wert zu verkaufen und den Preis nicht zu überteuern“, teilt Jaroslawna Galiwez ihre Erfahrung mit. In diesem Bereich half ihr die Ausbildung zur Psychologin. „Als ich mit Leuten gesprochen habe, insbesondere in der ersten Zeit, habe ich dem Menschen aufmerksam zugehört, seine Mimik verfolgt und so versucht zu verstehen, welcher Preis optimal ist – was für ihn der Grenzwert und für mich nicht billig ist.“

Nicht zu versagen ist schwierig

© © Subbotina Anna - Fotolia.com „Wenn man die Entscheidung bezüglich solch einer Arbeit auf sich nimmt, braucht man nicht zu glauben, dass alles einfach und der Weg des Freelancers mit Rosen überschüttet sein wird“, rät Jaroslawna. „Zum Beispiel ist unsere Gesellschaft oft immer noch nicht dazu bereit, die Möglichkeit einer Arbeit außerhalb des Büros anzuerkennen und alle um einen herum sagen: ‘Du bist nichts und niemand, du hast keine Beziehungen, finde eine normale Arbeit.‘ Natürlich, wenn Geld und Kunden fehlen, dann versagt man leicht wegen der unklaren Perspektiven, aber man muss immer wissen, dass all diese Schwierigkeiten vorrübergehend sind.“

Selbstkritik als Anreiz zur Entwicklung

Man sollte glauben, dass sobald die Anfangsschwierigkeiten überwunden sind und ein stabiler Verdienst entstanden ist, man einen guten Ruf hat. Allerdings ist Jaroslawna Galiwez der Meinung, dass man auf dieser Etappe keinesfalls stehenbleiben darf. „Sobald es eine beständige Kundschaft und ein mehr oder weniger stabiles Einkommen gibt, entsteht immer auch die Versuchung, sich zu entspannen und frei zu leben. Aber das ist ein großer Fehler: Sobald jemand damit aufhört, sich fortzubilden und das Neue zu suchen, beginnt der Abstieg. Gerade die Selbstkritik und das Streben nach Selbstentwicklung 24 Stunden am Tag ermöglichen es, in der Selbständigkeit zu bleiben und aufzusteigen.“

Sich finden

© Georgi Kolotow; Foto: privatNach einem ganz anderen Szenario kam vor drei Jahren Georgi Kolotow zur Selbständigkeit. Er ist Fotograf und leitete in der Vergangenheit ein Produktionsstudio.
„Eines Tages habe ich verstanden, dass ich keine fremden Wünsche und Träume umsetzen kann. Ich habe vergessen, wer ich bin und musste etwas ändern“, so erklärt Georgi Kolotow seinen Gang in die Selbständigkeit, nachdem er etwa 10 Jahre bei einer Medienproduktion gearbeitet hat. Nach seinen Worten war es eine ausgezeichnete Schule fürs Leben. Eben die vorherige Erfahrung gab ihm notwendige Fertigkeiten für seine Arbeit als Freelancer. Als er anfing selbständig zu arbeiten, gewann Georgi Kolotow nicht nur Freiheit sondern auch Gelassenheit, denn nun hing alles von ihm ab.

Einzigartigkeit gegen die Konkurrenz

Wie beweist man unter den Bedingungen von harter Konkurrenz, dass man von allen Angeboten das Beste hat, nämlich eures? Die Antwort auf diese Frage ist laut Georgi Kolotow einfach: Erstens muss man verstehen, dass der Markt groß ist und zweitens muss man nach Einzigartigkeit streben, indem man seine Möglichkeiten demonstriert und seine Arbeit ausgezeichnet erledigt. „Arbeitet für euer Portfolio und nicht nur fürs Geld, das hilft euch dabei, eure Markennische und eure Kundschaft zu bilden“, betont der Fotograf. „Habt vor nichts Angst: Ihr seid stärker und klüger, als ihr denkt“, rät Georgi Kolotow. „Beschäftigt euch nur mit eurer Lieblingsbeschäftigung. Geht keine Kompromisse des Geldes wegen ein. Arbeitet nur mit Vergnügen.“
Ekaterina Khwan, 30, Bischkek

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

Copyright: To4ka-Treff
April 2013

Links zum Thema