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Park der „Arch“-Eindrücke

Die Vorbereitung zum Festival für Landschaftsobjekte „Archstojanije“ begann in diesem Jahr früher: Einen Monat vor der Ausstellung fing man damit an, Freiwilligengruppen für die Teilnahme an der Performance „aus dem Wald“ zusammenzustellen, die der wichtigste Bezugspunkt der gesamten Veranstaltung werden sollte.

© из личного архива

Jedes Jahr gegen Ende Juli errichten Architekten im Nikola-Leniwez-Park in der Oblast Kaluga verschiedene Objekte und Gebäude, allerdings hatte sich das Format in diesem Jahr grundlegend verändert: Die Organisatoren machten einen beispiellosen Schritt und zeigten „Architektur ohne Architektur“. Bis auf „Beaubourg“, das auf einer Sonderausstellung errichtet wurde, erschienen auf dem Gelände keine neuen Architekturgebäude – der Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit verschob sich etwas von den Architekten auf die Künstler, Akteure, Musiker und Tänzer. Denn genau sie konnten unter Hinzuziehung aller Möglichkeiten und Richtungen der modernen Kultur den Raum von Nikola-Leniwez umdeuten.

Die „Rotunda“ von Alexander Brodski wurde etwa zum Ort für poetische Lesungen. Während der Performance „Elemente“ lasen die Schauspiel-Absolventen der MChAT-Studioschule Gedichte, wobei sie sich aus allen Türen der Rotunda herausbeugten. Dagegen erlaubte die Performance „persönlich“ jedem Autor, sich mit einem Zuhörer zurückzuziehen, um ihm unter vier Augen sein Werk vorzulesen. „Das Gewölbe“ aus Ebenholz diente als Aktionsort des Künstlers Fjodor Pawlow-Andrejewitsch, der in einem Netz an der Wölbung des Baus hing. Das beliebteste Objekt „Fast Track“ – ein Trampolin, auf dem von morgens bis in die Nacht die kleinen Festivalgäste hüpfen – war ebenfalls ein Ort für eine Theateraufführung, bei der die Schauspieler aus dem Dickicht des Waldes kamen, um ihre Kunst zu zeigen.

Das Objekt „entferntes Büro“, das man in der Tat nicht sofort im Wald findet, wurde zu einer „Kunstkammer“, in der siamesische Scheren, Äxte und Samoware hinter Glas, Dreiliterflaschen mit Pfingstrosen „im eigenen Saft“ und das ununterbrochene Summen einer Fliege – eine Klanginstallation von Iwan Lubennikow – die Besucher erwarteten.



Rascheln im Gebüsch

Generell waren Klang, Geräusche und Musik der Boden, auf dem die insgesamt achte „Archstojanije“ aufgestellt war – den Rhythmus gab das Projekt „zwei Sphären“ des deutschen Künstlers Julius von Bismarck vor. Jede halbe Stunde stieß ein Kran auf einem umzäunten Gebiet ein originelles Pendel in Form eines riesigen Gewichtsstücks ab, weshalb man durch das ganze Zeltlager ein schreckliches Getöse hören konnte. Jeder Spaziergang durch den Park wurde von Klängen begleitet, die scheinbar aus dem Nichts kamen: die Soundinstallationen „Gang in den Wald“, „babylonische Wasserleitung“ (aus einer wahnwitzigen Verflechtung von Rohren), „die Stimme des Waldes“, „Gemüsedialog“ uvm. Deshalb hört man schon nach ein paar Stunden auf zu erkennen, ob es im Gebüsch raschelt oder ob das eine geschickt im Gebüsch versteckte künstlerische Aufnahme ist.

Insgesamt ließen sich auf der in ihrer Größe einzigarten Landschaft mehr als 20 gewagte künstlerische Projekte nieder. So erlaubten der „Feldleseraum“ von Boris Kuprijanow und Alexander Swerdlow verschiedene Texte in Form von Gegenständen und Klängen zu sehen: An acht Punkten im Wald, am Wasser und in einer Schneise konnte man improvisierte weiße Räder und Schaukeln drehen, um den Rhythmus von Gedichten, Prosa oder Nachrichten zu hören.

Das Parallelprogramm des Festivals bezog einige internationale Projekte mit ein, wie etwa „Swiszhi“ des Franzosen Xavier Juillot mit den sich durch den Wind entfaltenden riesigen Luftdrachen.

Die Hauptattraktion

Die zahlenmäßig größte Performance war „aus dem Wald“, die von Walentin Tszin vorbereitet wurde. Etwa 100 Menschen in den gleichen weißen Hemden und schwarzen Anzügen erschienen in Gruppen an den unerwartetsten Orten und führten gleichzeitig bizarre Bewegungen aus – entweder ein Tanz oder einzelne Elemente.

© privatEs schien so, als könnten sie ihren eigenen Körper nicht kontrollieren. Er trägt sie, fällt, kriecht und zieht sie in die Gruben und ins Waldgebüsch. Um sich darauf vorzubereiten, probten die Teilnehmer einen Monat lang in den Moskauer Parks, wälzten sich auf dem Boden umher und führten barfuß im Schlamm eine choreografische Komposition auf. Die Aufgabe, bei der Vorbereitung zu zeigen, wie eine „Menge“ aus Künstler-Tänzern Einfluss auf eine andere „Menge“ aus Künstler-Zuschauern ausübt, schien unerfüllbar. Doch sobald sich die Menschen in den schwarzen Anzügen immer mehr aus der Schneise zurückzogen, wobei sie ihre gekrümmten Bewegungen aufführten, bemerkte man, dass die Zuschauer ihnen ebenso auf den Fersen waren. Ein solches Spektakel zieht die Leute immer mehr an – und schon füllt eine große Menge alle Schneisen und Lichtungen aus und es kann einen kaum noch mehr verwundern. Die Organisatoren lagen richtig und das Festival „Archstojanije“ hat gezeigt, dass man eine Metapher anhand des Körpers zeigen kann, dass Architekten Musiker sein können und Schauspieler Tänzer, dass die Architektur in Harmonie mit der Natur leben kann, und dass Kunstobjekte von Jahr zu Jahr in der sie umgebenden Welt „Wurzeln fassen“ und sich ihr anpassen.
Marta Sacharowa

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

Copyright: To4ka-Treff
August 2013

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