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Das Amphi Festival 2014: in zehn Jahren am Rhein gereift

Das Kreuz, das auf den Werbeplakaten für das zehnjährige „Amphi“-Jubiläum zu sehen war, stellt schon im Vorhinein klar, dass man in diesem Jahr von dem traditionellen Gothic-Festival so einiges zu erwarten hat. Und die Namen der Headliner, die lockend auf den dunkelblauen Flyern prangen, lassen einem keine Wahl: Dieses Kölner Feenstück darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Also schlägt in diesem Hochsommer – der sich zum Leidwesen der Festivalbesucher als viel zu heiß entpuppt – der Puls der schwarzen Szene beschleunigt, und zwar in Nordrhein-Westfalen.

© Maria JarowitskajaFreitag. In Erwartungshaltung.

Schon auf dem Flughafen und an den Bahnhöfen ziehen die Schwärme schwarzgekleideter Leute mit riesigen Koffern und Rucksäcken, die aus den unterschiedlichsten Ecken angereist waren und nun in das Herz der Stadt strömen, alle Aufmerksamkeit auf sich. In der Festival-Location „Tanzbrunnen“ aber erwartet man die Gäste erst am nächsten Tag. An den Kassen bekommen erst einmal ganz in Ruhe die Journalisten ihre Akkreditierungen, und hier werden auch die Registrierungen für das offizielle Eröffnungsevent „Call The Ship 2 Port“ abgeschlossen – einen dreistündigen musikalischen Cruise auf dem Rhein. Diejenigen, die auf dem Schiff mit „Project Pitchfork“ keinen Platz mehr bekommen haben (die Online-Tickets waren schon im Februar ausverkauft), feiern den Beginn des Amphi in anderen Clubs, darunter auch in der seit April eröffneten Doppeletage „Wartesaal im Zollhafen“. Die russische Community entscheidet sich traditionell für die Stufen vor dem Kölner Dom: dort erinnert man sich an die Amphis der vergangenen Jahre, tauscht seine Eindrücke und Pläne der diesjährigen Saison aus und verabredet sich zu späteren Treffen.

Samstag. Amphi: Tag I.

Die leichte Aufregung im Vorfeld stellt sich als durchaus berechtigt heraus: denn wie immer man sich auch auf das Treffen mit dem Schönen und auf den ganzen Festivaltrubel vorbereitet – man verliert trotzdem schnell den Kopf. Durch diese Fülle an bunten Bildern, die Konzentration an großartigen Bands, von denen viele schon lange den Status von Legenden und Ikonen haben, und durch diese unglaubliche Festatmosphäre, die auch der Grund ist, dass man das Festival-Armband danach lange nicht mehr abnehmen will (manche schaffen es sogar, es bis zum nächsten Jahr durchzutragen).

Unter der sengenden Sonne, die den milchigen Nebel vertrieben hat, leiden die in Latex und Leder Eingepackten gleichermaßen wie diejenigen mit halbentblößtem Körper, die im besten Fall eine „ungothische“ Bräune und im schlechtesten Fall einen Sonnenbrand davontragen. Das „Festivalfrühstück“ gibt es zu „Clan Of Xymox“ an kleinen Tischen, auf dem Rasen oder am Strand, und dann – hat man erst mal die Gelegenheit sich umzuschauen. Im Zentrum „Tanzbrunnen“ ist in diesem Jahr das „Amphi Festival Café“ eingerichtet, wo sich das Publikum mit Wein der Marke „Wikingerblut“ abkühlt (oder im Gegenteil: anheizt); drum herum gibt es Stände mit Verkaufswaren, Klamotten und Schmuck. Eine ähnliche Auswahl gibt es auch im „Staatenhaus“, dem zweiten Festivalort, wo auch die Autogrammstunden der Musiker stattfinden. Positiv ist die Beobachtung, dass immer mehr einzelne Designer und Hersteller vertreten sind, die erfolgreich mit den weitverbreiteten Marken „Hell Bunny“ und „Queen of Darkness“ konkurrieren können. Die Preise für ihre Artikel sind etwas höher, aber dafür wird hier Individualität auch großgeschrieben. Gleichzeitig ist es traurig, festzustellen, dass die Musikstände immer weniger werden: CDs sind hier fast in der gleichen Anzahl vertreten wie Platten – für die ganz ehrlichen, altmodischen Hörer.

© Maria Jarowitskaja

Es gibt die Meinung, dass das „Amphi“ unter den Festivals der schwarzen Szene irgendwo zwischen der grandiosen (Sub)Kultur-Show „Wave Gotik Treffen“ – das seinen Gästen außer einem eigenen Musikteil noch ein ganzes Spektrum an Dienstleistungen und Zerstreuungen bietet – und reinen Musikformaten wie dem „Dark Munich Festival“ rangiert. Wie auch immer: was die Komplexität und Kraft seiner Bilder angeht, ist Köln Leipzig mit Sicherheit nicht unterlegen. „Viktorianer“, die dem Steampunk den Todesstoß versetzen, gehörnte dunkle Kreaturen und erwachsen gewordene „Lolitas“ beiderlei Geschlechts haben ganz offensichtlich lange über ihrem Outfit und Makeup gebrütet.

© Polina Mandrik Von außen ist das „Amphi“ ein buntes Konzertereignis, von innen aber eine riesige Infrastruktur, in die Hunderte von Leuten mit eingebunden sind: Manager, technisches Personal, Servicekräfte und Sicherheitsdienst… der Ablaufplan jedenfalls wird vorschriftsgemäß eingehalten: von den angekündigten 40 Minuten Auftrittszeit spielt eine Gruppe genau 40, wonach sie die Bühne für die Vorbereitung der nächsten Band freigibt. Einzige Ausnahme sind die Headliner, die ihre allzu durchdrehenden Fans mit Bonus-Tracks wieder runterbringen. Um 22.00 Uhr ist das Spektakel auf der Hauptbühne vorbei. Dann werden auch die Fressbuden abgebaut, und die letzten Bands im „Staatenhaus“ machen so gegen Mitternacht Schluss. Auf der dritten, nämlich einer Theaterbühne, geht es dann zur Freude der nach Fortsetzung dürstenden Fans des industial dance weiter: die DJs legen bis vier Uhr früh EMB, dark electro und future pop auf.

Subjektives Résumé des ersten Tages

Als stärkste Sets auf der Hauptbühne fielen am ersten Tag die härter gewordenen Deutschen „Lord of the Lost“ auf, die am helllichten Tag die ohnehin schon glühende Menge auf die Temperatur eines Höllenofens anheizten; ebenso „Corvus Corax“, die wie von einer Art epischem Schiff von Wikinger-Eroberern hinabgestiegen zu sein schienen, um einen traditionell mittelalterlichen Dudelsack-Taumel zu entfachen; und auch die Mexikaner „Hocico“ in Begleitung einer Mariachi mit riesigen Sombreros. „Blutengel“ warb mit seinem vampirisch-romantischen Pathos professionell Neuzugänge für seine Armee vielzähliger Bewunderer an (ihre Anzahl wurde durch eine enorme Schlange bei der Autogrammstunde von Chris und Ulrike ausdrucksvoll unterstrichen. Allerdings mussten viele, die es nicht in der angegebenen Zeit bis zu ihren Idolen geschafft hatten, mit leeren Händen wieder gehen … oder eben gleich zum nächsten „meet&greet“ mit „Umbra Et Imago“ bleiben). Von den Club-Events beeindruckten vor allem die Belgier „The Klinik“, der Thomas Rainer mit seinen „Mädchen in Uniform“ und „Projekt Pitchfork“, denen es auch zugefallen war, das Hauptprogramm des ersten Tages zu beenden.

Sonntag. Amphi: Tag II.

Ungeachtet der frühen Festivalzeit kommt eine ordentliche Menschenmenge zusammen, um sich die Hannoveraner Dark-Rocker „Unzucht“ anzuhören, und darauf folgt eine „sonnige“ Gymnastik mit „Solar Fake“. Der für Foto-Objektive einfach nicht zu erhaschende Sven hüpft mit seinem ehemaligen Mistreiter der „Dreadful Shadows“, André, über die Bühne, die zur Freude der Fans ziemlich in Schwung gebracht wird – auch durch den russischen Support, der anhand exklusiver T-Shirts in der ersten Reihe auszumachen ist.

© Polina Mandrik

Nach heißen Tänzen zu „In the nursery“ und „Exploding boy“ ist es dann endlich soweit, „Persephone“ im Theater zu sehen. Sonja Kraushofer mit ihren feuerroten Haaren im schwarzen langen Stoff und in Begleitung eines kleinen Symphonieorchesters sieht wie eine richtige Operndiva aus. Aber auch hier kommt man nicht wirklich dazu, zu Ende zuzuhören – denn schon ist es Zeit, sich Plätze im „Staatenhaus“ zu sichern: die legendären Amerikaner „London After Midnight“ kommen nach grandiosen Konzerten in Moskau und Piter aus Finnland zum „Amphi“. Ihre (in den mehr als 20 Jahren ihrer Geschichte) geringe Zahl an Alben kann die Liebe des Volkes zu ihnen nicht schmälern. Die Fans sind sogar bereit, Störungen in Video und Ton „zu verzeihen“, die Sean dagegen ganz offensichtlich die Stimmung verderben. Nachdem sie alle vorgesehenen Hits gespielt haben, stellt sich „LAM“ nach einer kleinen Pause dem leidenden Publikum für eine Autogramm-Session zur Verfügung. Der hübsche Matthew kommt ganz gut mit den Fans ins Gespräch, wobei er besonders interessante Kostüme oder die Entfernung, die man zum „Amphi“ zurückgelegt hat, kommentiert. Sean aber – entweder noch sauer wegen der Aussetzer beim Auftritt, oder einfach nur eine bestimmte Gestalt wahrend – posiert gezwungen-elegant für Fotos, dankt für die Aufmerksamkeit und geht gleich zum nächsten in der Schlange über. Aber klar – nach dem letzten Konzert der Tour hat man ja schließlich auch mal das Recht, müde zu sein.

Die letzte Open-Air-Band sind die Publikumslieblinge „Eisbrecher“ – die, wie immer, nicht ohne „Chorgesang“ auskommen. „Und – habt ihr geübt?!“, stachelt Alex Wesselsky das Publikum an. Während „Eisbrecher“ sprichwörtlich noch auf der Straße brennen (die Fire-Show ist ein nicht wegzudenkender Teil ihres Programms), heizen im „Staatenhaus“ schon die betagten „Krupps“ ein. Für den Auftritt der Haupt-Headliner des Festivals muss man das Publikum also schon nicht mehr warm machen. Während des Umbaus der Bühne für den Auftritt von „Lacrimosa“ gibt niemand mehr die strategisch günstigen Plätze für die Schlange an der Bar auf. „Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte des „Amphi“ haben wir die Ehre, diese Band bei uns begrüßen zu dürfen…“ – lange Reden kann der Moderator schon gar nicht mehr schwingen: Denn das Publikum weiß auch so, für wen es hier ist. Traditionsgemäß erklingt das Intro, das nun seit fast 20 Jahren „Lacrimosa“-Konzerte auf der ganzen Welt eröffnet – die Hymne der „Kinder der Nacht“, die selbst dann, wenn man sie zum hundertsten Mal hört, immer noch einen Sturm an Emotionen auslöst: Eine Art Vorgeschmack, Nostalgie, Freude darüber, was man gleich mit der Menge teilen wird… die rituellen Umarmungen der Musiker backstage, und ihr Herauskommen zu „Ich bin der brennende Komet“. Tilo kommt wie immer als Letzter auf die Bühne und fängt noch hinter den Kulissen an mit „Umringt, nicht halb so schön, wie der Mensch auf der Kugel am Äußersten befestigt…“ – hier enden Worte und Gedanken. Bleibt nur die Schönheit, die hier von fünf Menschen auf der Bühne entfacht wird.

© Polina Mandrik

Irgendein Arsch ist immer unterwegs

Von denen wir uns übrigens schon wieder verabschieden müssen. Denn die Gäste des Abschluss-Cruises „Call The Ship 2 Night“ müssen sich schon wieder schmerzhaft von der Bühne losreißen – mitten im Set von „Irgendein Arsch ist immer unterwegs“ – um es noch auf das um 23.30 ablegende Schiff zu schaffen. Da hilft es nur noch, schnell umzuschalten und seine ganze Aufmerksamkeit auf das Jetzt zu richten. Schließlich fährt man ja nicht jeden Tag in Begleitung von einer paar Hundert Goths über den nächtlichen Rhein und genießt dabei akustische (!) Sets seiner geliebten Elektronik-Bands. Den Ton gibt das sanft-verspielte Set von Sonja Kraushofer an, und das Gefühl einer rührenden Zerbrechlichkeit des Tons geht über in die Akustik von „Solar Fake“, die mit den ungewohnt stillen „The Pages“ und „Where are you“ Tränen in den Augen der Fans und Gänsehaut hervorrufen. „Das nächste Lied haben wir in diesem Jahr auf der Tour mit Peter Heppner gesungen, das kennen nun wirklich alle. Wenn ihr es nicht kennt, dann heißt das… dass ihr sehr jung seid“, so leitet Sven zum Hit „Wolfsheim“ von 1998 über. Eine Überraschung nach der ersten Strophe gibt es in der Gestalt von… Peter Heppner persönlich, weiter geht es mit „Die Flut“ im Duett. Dem Chor der mitsingenden Zuhörerstimmen ist zu entnehmen, dass hier nur sehr wenige „sehr jung“ sind.

Das aufwühlende akustische Set von „VNV Nation“ holt die letzten Emotionen aus den Organismen hervor. Nachdem man unter den letzten Akkorden zum Kölner Dom zurückgekehrt ist, bleibt also entweder die Möglichkeit, nach Hause zu gehen – oder aber noch die letzten Funken Kraft bei den DJ-Sets im Theater aus sich heraus zu tanzen. Als Letzte gehen „Solar Fake“ vom Schiff, begleitet von ihrem israelischen und russischen Support. Es folgen Verabredungen zu nächsten Treffen, die Diskussion von Plänen und der Abschied… morgen wird die so verschiedene und an Bedeutungsschattierungen reiche schwarze Farbe anfangen, in der Stadt zu verblassen. Morgen werden Gruppen von Leuten in gleichen T-Shirts, mit Festival-Armbändern an den Handgelenken und riesigen Koffern einander mit einem traurigen Lächeln an Bahnhöfen und am Flughafen zunicken. Morgen werden Fotos und Videos im Netz auftauchen, begeisterte Kommentare zu den Konzerten und der Atmosphäre – und Kritik an den hohen Alkoholpreisen… Heute aber ist das Märchen noch präsent. Genauso wie das Spiegelbild des hünenhaften Doms im schwarzen Wasser des Rheins, neben dem die erschöpften und emotional überladenen Gestalten von Gothic-Feen und Freaks in allen Farben des Regenbogens ganz klein aussehen.
Polina Mandrik, Moskau
Übersetzung: Anna Brixa

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August 2014
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