Deutschlernen mit Burda, Bibel und dem Kicker
Gustavo Schönfeld lebt in Argentinien, Deutschland ist jedoch seine gefühlte Heimat: Der Urenkel wolgadeutscher Einwanderer hat sich die deutsche Sprache ohne Wörterbuch erschlossen und will schnellstmöglich
auswandern.
"In der Schule wurde ich als Nazi beschimpft, einige haben mir Hakenkreuze ins Buch geschrieben", erinnert sich der Argentinier Gustavo Schönfeld an erste Reaktionen auf seinen deutschen Namen. "Die meisten in Argentinien verbinden Deutschland mit der Vergangenheit, das ist für mich schlimm."
Gustavo selbst sieht in Deutschland seine Zukunft, er sucht nach Arbeit – "egal wo" – und möchte schnellstmöglich auswandern. Selbst sein Zeitgefühl ist schon auf die neue Wunschheimat eingestellt: Die Uhr auf seinem Handy zeigt fünf Stunden später an – Berliner Rhythmus statt Buenos Aires.
Deutschland, die deutsche Kultur und die Sprache haben Gustavo schon immer fasziniert. Dass seine Verbindung zu dem europäischen Land über reines Interesse hinausging, erfuhr er erst als Jugendlicher: "Ich wusste immer, dass mein Name deutsch war und eines Tages entdeckte ich, dass ich deutschstämmig bin und war ein bisschen stolz darauf."
Gustavos Vorfahren kamen aus dem süddeutschen Raum, sie gehörten zu der Welle von deutschen Auswanderern, die in den 1760er Jahren der Einladung der russischen Zarin Katharina II. gefolgt waren, Gebiete an der Wolga zu kultivieren. Enttäuscht von der sich verschlechternden Situation durch Landknappheit, eine Missernte 1871 sowie die Rücknahme von Privilegien, welche die deutschen Bauern angelockt hatten, zogen viele der Siedler, wie auch Gustavos Urgroßeltern, in den folgenden beiden Jahrzehnten nach Nord- und Südamerika weiter: "Von Deutschland gingen sie nach Russland, dort blieben sie etwa 30 Jahre lang an der Wolga, 1880 kamen sie nach Argentinien, wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen."
Gustavos Großvater Pedro wurde 1899 in Argentinien, in der Provinz Entre Rios geboren, in der sich viele Wolgadeutsche niederließen. Gustavos Vater wuchs noch mit der deutschen Sprache auf – mit wolgadeutschem Dialekt, einer rheinfränkischen Mischung. "Mein Vater war Matrose und hat unterwegs in Bremen, Hamburg, Rostock und Kiel deutsch gesprochen – die Leute haben ihn gefragt, ob er aus Bayern sei." Wenn Gustavo jemanden Wolgadeutsch sprechen hört, versucht er wegzuhören: "Das verwirrt mich nur." Gustavo und seine drei Brüder sind bei ihrer italo-spanischen Mutter spanischsprachig aufgewachsen, der Vater war monatelang unterwegs.
Wort für Wort
"Meine Mutter hatte Burda-Modemagazine und da gab es Werbung für verschiedene Dinge wie Seife", erinnert sich Gustavo an seine erste Begegnung mit der deutschen Sprache mit Anfang 20. "Ich konnte mir dann Deutsch Wort für Wort erschließen und es ist einfach – dachte ich am Anfang. Aber später kamen die Probleme."
Einen Sprachkurs konnte er sich damals nicht leisten, er hatte keine Bücher, nicht einmal ein Wörterbuch: "Und dann kamen das Argentinische Tageblatt, die Bibel und das Fußballmagazin Kicker. Ich habe von allen gelernt, ohne Wörterbuch. Es ist schwer zu glauben, aber es ist wahr. Es ist Leidenschaft, ich liebe diese Sprache."
Durch Zitate von deutschen Denkern wie Nietzsche, Kant und Hegel, die im Tageblatt, der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Argentinien, abgedruckt waren, näherte Gustavo sich der Sprache. Unbekanntes wurde unterstrichen, Wort für Wort aus dem Kontext erschlossen. Jetzt verfolgt er fast mühelos die Berichte über politisches und gesellschaftliches Geschehen in Deutschland.
Auch die Bibel half ihm beim Lernen: "Ich habe mir die deutsche neben die spanischsprachige Bibel gelegt und verglichen. Erst später habe ich erkannt, dass viele Wörter nicht mehr benutzt werden, zum Beispiel Leib statt Körper." Neue Vokabeln und Ausdrücke hält Gustavo seit Jahren in einem Buch fest – in ordentlicher Schrift reihen sich abgeschriebene Zitate und Passagen Seite um Seite aneinander. "Der Anfang war schlimm, mein Kopf war kaputt. Aber es macht Spaß und es ist eine Herausforderung." Mittlerweile hat er sich auch ein Wörterbuch gekauft.
Warnung vor Deutschland
Zwei Deutschlandreisen liegen hinter Gustavo, die seine Auswanderungspläne bestärkt haben: "Ich habe sieben Jahre lang eisern gespart und habe 15 Jahre auf meine erste Reise gewartet." Bevor er im März 2008 zum ersten Mal nach Deutschland flog, habe ihn eine Bekannte noch gewarnt, dass nicht alle Deutschen so freundlich seien wie die in Lateinamerika. Doch Gustavos Begeisterung ist ungebrochen: "Ich habe verschiedene Orte besucht, wo ich Brieffreundschaften habe und das hat mir die Tür Deutschlands geöffnet."
Von der Lehrerin in Leipzig bis zur Biologin in München: Durch den Besuch seiner sechs Brieffreunde und -freundinnen, denen er regelmäßig geschrieben hatte, um Deutsch zu lernen, reiste er in einem Monat quer durch Deutschland. Eine Zufallsbekanntschaft verhalf ihm sogar zu einem zweiten Besuch: "Ich hatte eine ältere Frau auf der Straße kennengelernt und als ich nach Argentinien zurückkam, habe ich ihr einen Brief geschrieben. Sie hat den Brief an ihre Gemeinde weitergeleitet, die haben mir geschrieben und mir Anfang 2009 zusammen ein Flugticket nach Deutschland geschenkt, ich habe bei ihnen gewohnt und viele Leute kennengelernt."
Für Gustavo ist Heimat kein Ort, sondern Menschen, die ihn verstehen: "Deshalb kann ich nicht sagen, Argentinien ist meine Heimat. Ich habe das Gefühl, dass ich in Deutschland Heimat finden kann." Argentinien sei zwar ein schönes Land, "aber was ich in Deutschland gespürt habe, ist super gewesen und hat meine Erwartungen übertroffen – nicht nur das Land, die Leute, auch die Ordnung, die Sauberkeit auf den Straßen, der Respekt."
Auch dass die deutschen Tugenden nicht für alle gelten, erfuhr Gustavo auf seiner Reise - er selbst fühlt sich zu "70 bis 80 Prozent" deutsch. "Ich vertrete sozusagen deutsche Tugenden – Pünktlichkeit ist für mich sehr wichtig, Sauberkeit und Ordnung auch, aber nicht überextrem. Und da ich hier in Argentinien geboren wurde, kann ich viel spontaner sein als die Deutschen." Auch die deutschen Fahrradwege gefallen Gustavo – in Buenos Aires wurde er schon zweimal angefahren. Am schlimmsten findet er das Wetter, aber auch der Kälte kann der ausgebildete Sportlehrer und Fußballtrainer Positives abgewinnen – da könne man wenigstens joggen gehen, ohne zu schwitzen.
Gustavo Schönfeld will die Kleinstadt Hurlingham bei Buenos Aires verlassen, sobald er Arbeit gefunden hat; er möchte wenigstens eine Zeit lang in Deutschland leben, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Er ist sich bewusst, dass seine Vorstellung und die Wirklichkeit voneinander abweichen könnten: "Ein Fan kann nicht erkennen, was gut oder schlecht ist. Es ist wie alles – was im Ausland ist, scheint schöner als hier."
Sonja Peteranderl, 26,
reist gerade durch Lateinamerika und schreibt über deutsche Kultur im Ausland und soziale Projekte.
Copyright: to4ka-treff
November 2009
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November 2009










