Gesellschaft & Politik

Zinsen ade: islamische Kreditvergabe in Kasachstan

© Heidi Beha

Nach der privaten Schuldenkrise 2008 tobt nun die staatliche. Das traditionelle Banken- und Kreditsystem schreit nach Reformen. Unternehmen des islamischen Finanzsystems bieten eine Alternative und ihre Produkte werden beliebter – auch in Kasachstan.

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Banker auf Abwegen

Vor zehn Jahren hat Banker Saratkashi Nurpissow aus Kasachstan angefangen den Islam zu praktizieren und aufgehört mit dem traditionellen Banking. Der Mitvierziger gab seinen gut bezahlten, sicheren Job als Leiter der kasachischen Staatskasse in Almaty auf. „Du bist verrückt“, sagten ihm seine Mitarbeiter als er sich plötzlich nicht nur von seinem Arbeitsplatz, sondern gleichzeitig vom konventionellen Bankensystem verabschiedete und sich dem islamischen Finanzsystem zuwendete. „Ich bin nicht wegen der Religion im islamischen Bankensystem tätig, ich sitze hier, weil ich Analysen dazu gemacht habe“, sagt Nurpissow. Er ist überzeugt von der Idee des islamischen Bankwesens, die sich stärker an der Realwirtschaft orientiert. Was damals wie eine Rutsche ins Unbekannte erschien, ist heute aktuell.

Nurpissow ist jetzt seit vier Jahren Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft Fattah Finance, eine Partnerorganisation des malaysischen Finanzunternehmens Amanahraya, das im islamischen Bankensektor tätig ist. In Kasachstan ist Fattah Finance eine Pionierin. Derzeit gibt es eine einzige Bank und eine islamische Versicherungsfirma. Dazu wirtschaften etwa 40 konventionelle Kreditbanken in Kasachstan. Die Bankendichte ist groß und so treffen Finanzkrisen dieses Land stärker als die zentralasiatischen Nachbarländer. Auch dadurch sind Alternativen zum konventionellen Banksystem gefragter als in Kirgistan oder Usbekistan, wo der Islam eine bedeutendere Rolle spielt. „Kasachstan ist für die islamischen Banken das Tor zum zentralasiatischen, aserbaidschanischen und russischen Markt“, sagt Timur Omarow vom Regionalen Finanzzentrum Almaty (RFCA). Das RFCA ist für ausländische und inländische Investoren und für eine funktionierende Finanzinfrastruktur zuständig.

Kreditvergabe im Zeichen der Scharia

Das islamische Bankensystem befolgt den ethischen Kodex der Scharia, welcher Investitionen in Pornografie, Waffen, Alkohol, Glückspiel und Schweinefleischprodukte untersagt. Geld wird außerdem nicht zum Selbstzweck, sondern als Instrument für Transaktionen verstanden. In Anlehnung an Karl Marx dürfen nur Waren gegen Geld und umgekehrt ausgetauscht werden. Darum ist es untersagt, Zinsen zu verlangen. Die Rückzahlung erfolgt in gemeinsam festgelegten Raten und Zeiträumen. Bezahlt man fällige Raten zu spät, muss man eine bei Vertragsabschluss im Einvernehmen vereinbarte Strafe ableisten. Der zu bezahlende Betrag geht nicht an die Bank, sondern an soziale Einrichtungen, an einen behinderten Nachbarn oder an arme Familien. Ob man die Strafe zahlt, ist Gewissenssache.

„Im islamischen System sind die Banken Partner ihrer Kunden“, so Nurpissow. Er meint damit, dass die Banken das Risiko und die Chance auf Gewinn mittragen. Wer ein Geschäft eröffnen möchte und dazu Kapital braucht, wird von islamischen Banken geprüft. Man kann keine Sicherheiten hinterlegen, das Geschäftsmodell muss die Banker überzeugen. Ist diese Hürde genommen, bekommt man kein Bargeld, sondern die Bank kauft in Absprache mit dem Kunden, was dieser für die Geschäftseröffnung braucht oder bezahlt die Dienstleister, wenn beispielsweise ein Haus gebaut werden muss. Wirft das Geschäft Gewinn ab, so bekommen Kunde und Bank den vorher abgesprochenen Betrag anteilig.

Eine andere Form der Kreditvergabe ist Murabaha: Wenn ein Kunde ein Auto kaufen möchte und zu einer islamischen Bank geht. Der Kunde sucht gemeinsam mit der Bank sein gewünschtes Auto aus, die Bank kauft es für beispielsweise 20.000 Euro und verkauft es mit einem Aufschlag an den Kunden für 22.000 Euro. Unternehmen, die mit Zinsen ihr Geld verdienen, dürfen keine Konten bei islamischen Banken eröffnen.

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Islamische Banken auf für Nichtmuslime interessant

Omarow sieht das größte Problem bei der Aufklärung der Menschen, was das islamische Banksystem ist und welche Ziele es hat. „Wir versuchen den Journalisten wie in der ersten Klasse zu erklären, wie das islamische Banksystem funktioniert“, sagt er. Es existieren viele Vorurteile und Ängste vor der Islamisierung durch das alternative Banksystem. Doch nicht nur Muslime wenden sich an islamische Banken. So sind beispielsweise 70 Prozent der Kunden der malaysischen islamischen Banken keine Muslime. Mitarbeiter müssen nicht an den Koran glauben: „Bei den islamischen Banken weltweit sind die Hälfte der Mitarbeiter keine Muslime“, sagt Omarow. In Kasachstan gehören etwa 35 Prozent einer anderen Glaubensrichtung an.

© Heidi BehaNurpiisow von Fattah Finance weiß, dass seine geschäftliche Zukunft nicht nur von Allah, sondern auch von der Politik entschieden wird. So hängt an der Wand seines Arbeitszimmers ein Portrait des kasachischen Präsidenten, daneben ein Bild, auf dem die Koransure 48 auf Arabisch aufgestickt ist. Das Motto von Fattah Finance aber ist westlich und stammt von John F. Kennedy: „Wann, wenn nicht jetzt.“ Der Firmenname „Fattah Finance“ bedeutet übersetzt so viel wie Sieg und Finanzen. Nurpiissow verspricht seinen Kunden also Erfolg. Fattah ist aus dem Arabischen, Finance aus dem Englischen entlehnt. Dies spiegelt die Ausrichtung von Fattah Finance und vielen islamischen Finanzunternehmen wider. Sie funktionieren nach ihren eigenen Gesetzen, aber bislang stets neben dem westlichen Bankensektor. Nur im Sudan und in Iran existiert der islamische Bankensektor alternativlos.

Die Koransure in Nurpissows Arbeitszimmer steht auch für seinen Weg ins islamische Bankensystem: „Wir haben dir offenkundigen Sieg beschieden. Allah wollte dir auf diese deine frühere und deine spätere Schuld vergeben, seine Gnade an dir vollenden und dich einen geraden Weg führen.“ Nurpissow hat lange Zeit im konventionellen Bankensektor gearbeitet, dann nahm er sich eine Auszeit. Er sagt, dass er dabei erkannt hat, dass das Bankgeschäft mit den Zinsen nicht gut für die Gesellschaft ist. Diese Erkenntnis treibt ihn an.

Autoren: Alla Gawrilowa, Abduraschid Schoraev und Heidi Beha
Copyright: To4ka-Treff
Januar 2012

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