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Warum weniger mehr ist

Wir sind von einer viel zu großen Anzahl an Dingen und Menschen umgeben, und uns belasten viel zu viele Verpflichtungen und Vorhaben. Um diesem Chaos zu entgehen, muss man eigentlich gar nicht so viel tun: weltweit ist man schon zu der Einsicht gekommen, dass es an der Zeit ist, Sachen zu vereinfachen. Wie das funktioniert – fand To4ka-Treff heraus.



Wie wär´s damit – sich einmal von außen zu betrachten und dann auf die nutzlosen Sachen zu verzichten, die einem kein Spaß mehr machen? Das ist doch gar nicht so schwer. Denn das Überflüssige werde durch das Notwendigste ersetzt, meinen die Wissenschaftler. Sowohl in Russland als auch in Deutschland gewann dieser Trend, Vereinfachung des alltäglichen Lebens, mittlerweile eine starke Position. So entstand sogar ein spezieller Begriff dafür: Lifehack. In den Internetforen und Online-Communitys tauschen die Lifehacker untereinander ihre Tipps und Tricks aus, die ihnen helfen, mit dem Wichtigsten sparsam umzugehen: mit der Zeit, dem Geld und den Nerven. Vereinfachung in Allem ist wieder in. Differenzen bestehen nur in der jeweiligen Herangehensweise: Ob man nun eher wie ein Hipster oder wie ein Hippie minimalisiert.

Leichter als leicht

„Früher haben alle ihre Jeans bemalt, sich Frisuren und Make-Ups ausgedacht“, erzählt Aleksej, der Inhaber eines Ladens für Kleidung und Accessoires in Moskau. „Alles musste damals was Besonderes sein: Wenn es ein Auto war, dann unbedingt eins mit Airbrush-Lackierung oder mit „interesanten“ Scheinwerfern, wenn es Kleidung war, dann aber die aus einer Luxusboutique, wenn eine Wohnung – dann mit einer seltenen japanischen Vase in einer Zimmerecke. Das Ganze hatte irgendwie einen Hauch von Wettbewerb, von Prahlerei… Heute, um modisch zu sein genügt es immer öfter einer einfachen Jeans und eines T-Shirts, einer Plastikbrille, eines Fahrrads und einer Matratze anstelle von Bett auf dem Boden.

Aleksejs Kollegen aus der Modebranche geben zu: „Zeitungen und Fernsehen sind mit Nachrichten über globale Erwärmung, Schadstoffe in der Atmosphäre und die aussterbenden Tierarten gefüllt. Komplizierte Abläufe in der Herstellung und Verarbeitung von Kleidung sollen nun durch einfache und umweltbewusste Technologien ersetzt werden.“

Jährlich bringen angesehene Designer sowie Kleidungsläden aus dem Massenproduktionsbereich spezielle Kollektionen heraus, die aus Recycling-Materialien hergestellt wurden. Eine der bekanntesten Anhängerinnen der neuen Tendenz der Einfachheit ist Stella McCartney, die durch ihre Vorliebe für eine anspruchslose, aber gleichzeitig elegante Kleidung bekannt wurde. Außerdem verwendet die weltweit bekannte Designerin, Vegetarierin und Tierschützerin für ihre Kollektionen keine teuren Materialien, wie Pelz oder Leder und bemüht sich somit, umweltfreundlichere Trends zu setzen. So steht zum Beispiel auf dem Ärmel einer Jacke, die sie für Adidas entwarf: „Geeignet für sportliche Vegetarier.“

Die Gadgets-Hersteller streben von Jahr zu Jahr danach, Mobiltelefone, Player und Computer zu vereinfachen. Vielleicht ist die Produktion der Firma Apple auch deswegen so beliebt, weil ein schönes Design für jeden erschwinglich sein soll. Du drückst einen Knopf, streichst einmal mit dem Finger über das Display, und alles funktioniert ganz von selbst.

Auf den Straßen haben sich die Fahrräder spürbar ihren Platz erobert. Zudem ist ein Fahrrad umso besser, je einfacher seine Konstruktion ist und je weniger es wiegt. Diejenigen, die diesem Trend folgen haben sich schon lange Trekkingräder oder Mountainbikes angeschafft. Mit ihrem minimalistischen Aufbau und der einfachen Handhabung bilden sie nicht nur eine Konkurrenz für Motorräder, sondern selbst für Autos. Gleichzeitig füllen sich auch Wohnungen nicht nur mit Buffets im Barockstil, die man von den Vorfahren vermacht bekam, sondern mit funktionellen und praktischen IKEA-Regalen.

Der Grundsatz „less is more“ lässt sich sogar auf das Essen übertragen. Die Begeisterung für natürliche, eigens erzogene Lebensmittel und selbstgekochtes Essen steigt stets an. Wenn sich Restaurants früher einmal darum bemühten, einander in der Kompliziertheit ihrer Gerichte zu überbieten, so ist es heute ausreichend, ein Kotelett mit Püree oder einen Salat anzubieten – und schon stehen die Feinschmecker Schlange.

Hinter all dieser scheinbaren Einfachheit steckt aber ein nicht geringer finanzieller Aufwand, um all die Materialien und Stoffe für Kleidung, Möbel und Einrichtungsgegenstände sekundär zu bearbeiten, um die Arbeit einer ganzen Armee an Designern, die sich um die Leichtigkeit all dessen, was wir in den Händen halten, bemühen, zu finanzieren und schließlich um eine umfassende Werbekampagne für die Vereinfachung der Umwelt durchzuführen. Letztendlich sind wir bisher ja nur „zähneknirschend“ dazu bereit, alles Unnötige aus unserem Leben zu entfernen.

Die Einfachheit eines klaren Verstands

Viele gehen dabei noch weiter: Den Hippies ähnlich wechseln sie von einer materiellen auf eine geistige Vereinfachung. Angesagte Postulate der letzten Jahre bestehen darin, keinen besonderen Komfort anzustreben, weder Vergnügen, noch Erfolg oder Macht hinterher zu rennen und das Bewusstsein von den allgemein geltenden Prinzipien zu befreien. In Russland kann eine solche Entscheidung nicht nur elendig, sondern sogar demütigend wirken, doch in Europa vereinfachen immer mehr junge Leute ihr Leben anhand dieser radikalen Methodik.

Die 26-jährige Susanne aus Deutschland wollte sich ihr Leben gleich nach ihrer Volljährigkeit vereinfachen, denn die auf einmal auf sie zukommenden „Erwachsenenprobleme“ hinderten sie daran, ihre Freiheit zu genießen. Sie begann öfter aufs Land zu fahren, nicht nur um Urlaub zu machen, sondern auch während der Wochenenden, was ihr dabei half, sich besser auf sich selbst und auf ihrem Unterbewusstsein zu konzentrieren. „Nach einiger Zeit ist mir klar geworden, dass mir eigentlich alles Materielle fremd ist“, gibt die Leipzigerin zu. „Ich brauche kein Mobiltelefon und keinen Computer, ich mache gern Handarbeiten. Dadurch verdiene ich zwar nichts, aber ich kann damit leben. Jetzt baue ich sogar mein eigenes Gemüse und eigene Beeren an." Susannes Freund arbeitet auch von Zuhause aus, allerdings am Computer – er ist Programmierer und ist noch nicht bereit sich auf einige Annehmlichkeiten der Zivilisation zu verzichten.

Als Vegetarierin setzt sich Susanne für Tierrechte ein und trägt daher keine Lederschuhe oder Lederkleidung. Um die Umwelt zu schonen, benutzt sie keine Papiertücher, kauft keine in Cellophan, Plastik oder Folie verpackten Produkte und bevorzugt Lebensmittel aus dem Wochenmarkt oder direkt vom Land.

Die Vereinfachung des alltäglichen Lebens scheint manchmal unmöglich zu sein. Die Anzahl der Sachen, die wir besitzen, und die Menge täglicher Aufgaben kann sehr groß sein. „Aber das Wichtigste ist, den eigenen Kopf von der inneren To-Do-Liste und dem emotionalen Ballast zu befreien“, meint Susanne. Ihrer Meinung nach bedeutet Vereinfachung nicht immer weniger zu besitzen und weniger zu machen. Vereinfachung kann auch mit etwas Bedeuterem zusammenhängen: mehr Zeit, mehr Spaß und Freude, und generell mehr an Allem, was unser Leben bereichert.

Text und Foto: Marta Uchowa

Übersetzung: Kristina Kim

Copyright: To4ka-Treff
Мai 2012  

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