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Das Amphi Festival: Gothic-Party am Rheinufer

Der Sommer ist in vielen europäischen Ländern die Zeit der Musik-Open Airs, und in Deutschland haben es die Anhänger der Gothic-Subkultur besonders gut getroffen. Im verbleibenden Teil des Jahres bereiten sich die Goths auf ihre festivalen Reisen vor und entwerfen Outfits, die jede Phantasie sprengen. Manche ziehen Festivals mit hauptsächlich musikalischer Ausprägung vor, und anderen steht eher der Sinn nach kulturell-unterhaltsamen Formaten. Aber ob nun Gothic-, Folk- oder historischer „Anstrich“: Die Anhänger der Schwarzen Szene fahren mit großen Koffern, in die Reifröcke, Schuhe mit 20-cm-Plateauabsätzen und ein schwerer „mittelalterlicher“ Umhang hineinpassen, kreuz und quer durch die Bundesländer.



Mitten im Sommer in Köln: Herzlich Willkommen zum Amphi Festival - The Orkus! Open Air, das seit 2005 veranstaltet wird. Entstanden war es, wie üblich, aus der Initiative von ein paar Enthusiasten heraus, denen ein Gothic-Festival im Westen des Landes bisher gefehlt hatte. Vor acht Jahren hatte das Amphi noch in Gelsenkirchen stattgefunden, doch seit 2006 hat es beständig in Köln seine Zelte aufgeschlagen. Jahr für Jahr fahren mehr Gäste aus den unterschiedlichsten Ländern auf das Festival (dieses Jahr waren bei mehr als 16.000 Zuschauern die Tickets lange im Voraus ausverkauft), und ebenso bekannte Bands, deren Namen dunkle Herzen ganz besonders hoch schlagen lassen. Die Organisatoren hatten sich Mühe gegeben, es sowohl den Anhängern von Klassikern des Gothic-Rock als auch denen Recht zu machen, die gerne zu Dark Electro-Rhythmen oder zu den Tönen mittelalterlicher Dudelsäcke tanzen. Aber jetzt mal alles der Reihe nach.

21. Juli, mittags. In Latex und Spitze gekleidete Menschen versammeln sich am Kölner Dom und machen sich in Schwärmen über die Hohenzollernbrücke hinweg an das andere Rheinufer auf – zum Tanzbrunnen, wo sich ihnen drei Bühnen, Standreihen mit beliebten Händlermarken und handgearbeitete Souvenirs sowie ein Strand mit Blick auf das Stadtsymbol boten.

Flaneure im Korsett und Tanz auf Befehl des Diktators 

Der Programmstart entspricht genau dem Zeitplan: Um 12.00 Uhr kommen die Berliner Rocker „The Wars” auf die Hauptbühne. Ihnen fällt eine verantwortungsvolle Aufgabe zu – die finstere Menge auf ein gemeinschaftliches Festivalgefühl einzustimmen. Doch das Volk kommt erst verhalten zusammen. Erst einmal scheint es so, als ob das Publikum hier einfacher wäre als das, was Jahr für Jahr in Leipzig auf dem Hauptereignis des Gothic-Jahres zusammenströmt: dem Wave Gotik Treffen. Doch dann stellt sich heraus, dass es unter dem Strich gesehen jedenfalls keinen Mangel an ungewöhnlichen Outfits gab. Und das Experimentieren mit Genderrollen liegt offensichtlich gerade im Trend: Androgyne Jünglinge werden immer öfter von kräftigen Männern in Strumpfhosen und Korsetts verdrängt. 

Auf der Straße fand ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und ein Fest der alternativen Selbstverwirklichung statt – unter dem Dach des Staatenhauses, einer weiteren Festival-Location, versorgte die deutsche EBM-Formation „Tyske Ludder” die Cyber-Goths mit einem Stückchen vom Paradies. Sich die giftfarbenen, in der Dunkelheit leuchtenden Röhren auf Klamotten und Frisuren anzugucken, war lange noch nicht die interessanteste Aktion auf der Bühne. Später war es schon unmöglich, in der Menge der Tanzenden jemanden auszumachen: „Nachtmahr”, das österreichische EBM/Industrial-Projekt von Thomas Rainer, verschob das Gravitationszentrum von den Verkaufsständen weg und hin zur Tanzfläche. Dem Appell „Der Tanzdiktator will euch tanzen seh'n!“ waren nicht nur die „alte Armee“, sondern auch die „Neueinberufenen“ voller Vergnügen gefolgt.

Heiterkeit mit Dudelsack – und die Klassiker des Gothic Rock 



Ebenfalls auf der Hauptbühne kam es dann zu einem mittelalterlichen Rausch! Der 50-minütige Auftritt der deutschen Folker „Corvus Corax” hatte die Menge grundlegend durchgeschüttelt. Eine Gruppe Wikinger in Kilts hatte unter Zuhilfenahme von authentischen Dudelsäcken, Pfeifen und Instrumenten, deren Namen wohl nur Spezialisten kennen, selbst die Leute mit den höchsten Absätzen zum Herumhopsen angeregt. Es schien so, als würde hier dem Bacchus die Ehre erwiesen und getanzt, bis man umfällt – und am Tag darauf besteigen dann unsere Helden ihre Schiffe und entdecken andere Welten.

Gegen 20 Uhr verdichtete sich die Luft regelrecht in Erwartung der Headliner des Abends: die Briten „Sisters of Mercy“. Diesen „Kult-Schwestern“, die schon seit über 30 Jahren dunkle Seelen erfreuen, hat die Gothic-Subkultur viel zu verdanken. Andrew Eldritch, nach wie vor Frontmann der Band, wird auch als „Patenonkel“ des Gothic Rocks bezeichnet, obwohl sich der intelligente Musiker immer gegen diese Etikettierung gesträubt hat. Als auf der vollgenebelten Bühne die ersten Töne von „Kiss the Carpet” von der Platte „The Reptile House” aus dem Jahr ´83 zu hören waren, waren die Reihen der Zuschauer schon so dicht gedrängt, das sie wie ein einziger Organismus wirkten. Die Goths der „ersten Stunde“ mit grauen Haaren an den Undercuts sangen mit jungen Batcavern in zerfetzten Strumpfhosen, „Old School“-Lederjacken und 50 Zentimeter hohen Irokesen und mit ihren Idolen zusammen. Nach dem Konzert war es für diese Generationen, die dadurch in das London der 80er eingetaucht waren, gleichermaßen schwierig, die Tanzrhythmen des modernen Dark Electro mitzumachen. Also ging für viele der erste Tag hiermit zu Ende.

Tag II: Kinder, Cover und Knipsen mit den Stars

Morgens kamen diesmal schon mehr Leute – oder vielleicht kamen auch nur alle rechtzeitig, um nicht den Auftritt der Elektro-Band „Solar Fake” zu verpassen. Sven Friedrich schenkte der Menge sein bezauberndes Lächeln, sprang auf der Bühne herum, versetzte damit die Fotografen in Action und erfreute seine Fans danach noch mit einer Song-Premiere.


Während des Gigs der deutschen Gruppe „Stahlzeit: A Tribute to Rammstein” konnte man keine völlige Eintracht feststellen. Doch selbst skeptisch eingestellte Zuschauer (wieso sollte man auch auf der Hauptbühne nur eine „Kopie“ dieser guten Band spielen lassen?) zollten der Fire-Show ihren Tribut, und bei „Mutter“ und „Sonne“ übertönte der Chor der Zuschauer sogar die Musiker selbst. Im Staatenhaus wechselten sich zu dieser Zeit die Elektro-Gruppen ab, und die Autogramm-Sessions wurden nach strengem deutschen Reglement durchgeführt. Kinder in schwarzen Hemden und mit Totenköpfen bedruckten Shorts bauten am Strand Sandburgen, und die Spaziergänger im angrenzenden Tanzbrunnen-Park fotografierten die Freaks, die Schlange standen, um Sandwiches zu erwerben. 

Die letzten Stunden – und die Hoffnung auf ein Wiedersehen

Mit dem Sonnenuntergang vermischte sich die Familien-Wochenendidylle mit Konzertfieber: Die zuletzt auftretenden Gruppen, „And One” und „Project Pitchfork”, zogen so ziemlich alle Gäste zu den Bühnen und brachten das Festival mit lauten Tönen zu Ende. Um Mitternacht verwandelte sich die Kutsche aber nicht in einen Kürbis zurück, und fast alle Aschenputtel machten sich zum dritten Schauplatz auf – ins Theater – um dort den DJs noch lange Arbeit zu machen und die eigenen Tanzkünste unter Beweis zu stellen. Auf der Bühne tanzte eine Gothic-Lolita mit ihrem Begleiter Salsa, in der Nähe vollführte ein Typ mit Cyber-Atemschutzmaske einen Tecktonik, und im Saal marschierte ein bunt gewürfeltes Publikum durcheinander… 



Am nächsten Morgen hasteten kleine Häufchen verschlafener Goths mit Koffern durch Köln und nickten einander in Zügen mit diesem traurigen Lächeln zu, das einen an die Schichtwechsel im Ferienlager erinnert. Denn man trennt sich ja schließlich für ein ganzes Jahr. Aber was soll´s! So hat man wenigstens Zeit, sich auf die nächste Saison vorzubereiten – zumal die Organisatoren ihre Fans jetzt schon mit dem Plakat für das Amphi 2013 erfreuen.

Text und Fotos: Polina Mandrik
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: To4ka-Treff

August 2012

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