Wolf liest Jakob Arjouni
Vor kurzem starb Jakob Arjouni, im läppischen Alter von 48 Jahren. Und ich hatte es ihm noch mitteilen wollen: der beste letzte Satz eines Buches, der beste letzte Satz der Welt stammt von ihm.
Angst vorm Fliegen
Ein Aspekt, der die Programmarbeit beim Goethe-Institut so schön macht, ist die persönliche Freiheit. Man kann mit den Projektpartnern zusammenarbeiten, die man mag. Man kann die Themen bearbeiten, die einen beschäftigen. Und man kann die Künstler einladen, die man schon lange bewundert. Ich hätte also – hätte! – Jakob Arjouni einladen können, und mehr als einmal dachte ich darüber nach. Anlässe gab es genug, beispielsweise die „Kriminale“, ein Krimi-Festival, das wir vor knapp zwei Jahren organisierten. Und doch zögerte ich dann stets davor zurück. Jemand hatte mir gesagt, dass Arjouni unter Flugangst litt. Nein, nicht unter dem leichten Unwohlsein beim Start und bei der Landung, wie es wohl jeden von uns mal ergreift. Sondern unter echter, kalter Paranoia. Sozusagen ein klinischer Zustand, in den er geriet, wenn er in der Luft war (oder auch schon davor). Aber Frankfurt–Moskau mit der Bahn? Oder, schlimmer noch, Frankreich-Moskau mit der Bahn?? (Dort wohnte er nämlich die Hälfte des Jahres). Ich sah also immer wieder davon ab. Und jetzt ist es zu spät. Manche Dinge im Leben sollte man eben sofort tun.Der beste letzte Satz
Bekannt geworden ist Jakob Arjouni mit seinen Krimis um den türkischstämmigen Privatdetektiv Kayankaya, der, ganz im Stile von Raymond Chandlers Philipp Marlowe, auch die übelsten Zurichtungen mit einem lockeren Spruch wegsteckt. Und in der Tat beweist Arjouni bei der Adaption des Chandlerschen Kosmos nach Deutschland recht viel Phantasie. Aber Kayankaya fehlt bei allem Sprachwitz am Ende doch die eine Eigenschaft, die Bücher wie Chandlers „The Long Good-Bye“ auch mehr als 70 Jahren nach ihrem Erscheinen noch so eminent lesenswert macht: Marlowes von der sprachlichen Nonchalance kaum verdeckte romantische Trauer um den Zustand der Welt. Das hat Kayankaya nicht, und darum kann ich mich auch nicht mehr recht an die einzelnen Bücher erinnern. Obwohl „Kismet“ oder „Mehr Bier“ oder „Happy Birthday, Türke“ gut sind, keine Frage. Aber trotzdem, diese Bücher von Arjouni sind es nicht, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Doch es gibt da ein anderes von ihm, eines, das nicht in Frankfurt, sondern in Berlin spielt, und das kein Krimi ist, und das eben jene rotzige Melancholie und Romantik der Verzweiflung besitzt. „Magic Hoffman“ heißt es und ist ein wunderbarer Großstadtroman, der eine Geschichte von Freundschaft und Verrat erzählt, vom Verlieren und Wieder-Aufstehen. Und es endet mit dem besten letzten Satz der Welt. Den kann ich hier allerdings nicht zitieren, denn er ergibt nur Sinn im Gesamtzusammenhang des Buches. Dem Leser bleibt also nichts übrig, als mir zu glauben.Erinnerung an Arjourni
Ich habe „Magic Hoffman“ mehrmals gelesen, ich besaß das Buch in einer schönen, weichen Paperbackausgabe von Diogenes. Und je häufiger ich es las, und je zerlesener es wurde, desto wichtiger wurde es für mich. Dann kam vor ein paar Jahren einmal ein Freund nach Moskau zu Besuch. Für den Rückflug bat er um ein gutes Buch. Schweren Herzens trennte ich mich von meinem Magic Hoffman-Exemplar. In der kommenden Woche werde ich den Freund in München wiedersehen. Eigentlich hatte ich nicht vor, das Buch zurückzufordern. Auch wenn mein Freund es sich nur geliehen hatte – es war mir immer peinlich, ihn danach zu fragen. Aber jetzt ist plötzlich Arjouni tot.Vielleicht werde ich den Freund doch fragen.
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April 2013
April 2013















