Wolfs Welt der Bücher

Wolf liest Sacharow

Bonner, Sacharow und Kalistratowa 1986  © M.A.Kallistratova et al. Diese Geschichte ist eine ambivalente. Sie spielt zu Beginn der 80er Jahre, als der kalte Krieg noch in vollem Gange war. Noch einmal zur Erinnerung einige Ereignisse aus dem Kontext, denn alles scheint schon wie im Mahlstrom der Zeit verschwunden: 1973 beendet Amerika offiziell den Krieg in Vietnam, der über 58.000 Amerikanern und nach vorsichtigen Schätzungen fünfunddreißigigmal (!) so vielen Vietnamesen das Leben kostete. Im gleichen Jahr putscht sich General Pinochet in Chile mit Hilfe der USA an die Macht, worauf der demokratisch gewählte Präsident Allende im Angesicht der nahenden Truppen der Junta Selbstmord begeht. 1975 beginnt und vier Jahre später endet die rural-kommunistische Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha – Ergebnis: über 2 Millionen Tote. 1979 marschieren sowjetische Truppen in Afghanistan ein, im folgenden Jahr boykottieren fast alle westlichen Mächte als Reaktion darauf die olympischen Spiele in Moskau. 1980 wird die Solidarnosc-Bewegung auf Druck der UdSSR gewaltsam niedergeschlagen. Und im Januar des gleichen Jahres wird Andrej Sacharow in die Verbannung nach Nizhni Nowgorod, damals Gorki geschickt.

Bonner, Sacharow und Kalistratowa 1986  © M.A.Kallistratova et alFreiheit für Sacharow

Es war eine hässliche und binäre Zeit: entweder war man dafür oder dagegen. Dann geh doch rüber, wurde häufig genug denen entgegengeschleudert, die sich damit nicht abfinden wollten, Brücken bauen wollten, Heinrich Böll beispielsweise. Böll war auch einer der Autoren, die auf Sacharows Text Razmyshlenieo progresse, mirnom sushestvovanii i intellektualnoj svobode antworten, der 1969 auf Deutsch unter dem schönen Titel Wie ich mir die Zukunft vorstelle erschien. Doch 1980 ist Sacharow in der Verbannung, und verschiedene Menschenrechtsgruppen in Ost und West bemühen sich um seine Rückkehr. In der seriösen, wenn auch deutlich konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird ein Aufruf veröffentlicht, Unterschriften für Sacharow zu sammeln. Ich war damals zehn und hatte von weltanschaulichen und politischen Fragen noch wenig Ahnung, aber Freiheit für Sacharow, das verstand ich oder glaubte es zumindest, und so forderte ich unter der angegebenen Adresse Listen an und begann, in dem Stadtviertel, in dem wir wohnten, ebenfalls Unterschriften zu sammeln. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Leute unterschrieben, einige Listen kriegte ich sicherlich voll, woran ich mich aber insbesondere nicht erinnere, ist: fragten mich die Leute eigentlich, in wessen Namen ich da sammelte? Ich jedenfalls fragte es mich nicht.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (und das, was sich dahinter verbirgt)

© 356px-SakharovUnivStPetersburg - Wilson44691 [cc wikipedia]Organisator der Unterschriftensammlung war die so genannte Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Dieser Verein wurde von Leuten gegründet, denen der politisch neutrale Ansatz von Amnesty International ideologisch nicht in den Kram passte. Man kopierte zwar deren Methoden, beispielsweise die Konzentration auf beispielhafte Fälle, fokussierte dabei aber ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa. Vietnam, Chile, Südafrika – all das interessierte diese selbsterklärten Menschenfreunde nicht, denn der eigentliche Zweck dieser trüben Organisation war es, die Überlegenheit des Kapitalismus zu beweisen. Für diese Leute hatte ich mich als Zehnjähriger also ohne es zu wissen vor den Karren spannen lassen, und natürlich ahnte ich damals auch nicht, dass zwei Jahre später Sacharow selbst eine Ehrenmitgliedschaft in der IGFM ablehnen und sogar mit rechtlichen Schritten gegen sie drohen würde, weil die IGFM seinen Namen ohne sein Einverständnis im Briefkopf führte.

Sacharow heute

Die Gesellschaft existiert noch heute, und was für dubiose Allianzen sie schmiedet, kann inzwischen jeder im Internet nachlesen. Mein Interesse für Sacharow wurde durch diese Episode in meinem Leben übrigens nur erhöht, und heute ist das Sacharow-Zentrum in Moskau ein regelmäßiger Partner für Projekte des Goethe-Instituts. Auch persönlich verbindet mich viel mit Mitarbeitern dort. Man sollte eben immer genau schauen, mit wem man es zu tun hat.

PS: Der oben erwähnte Text von Andrej Sacharow ist übrigens immer noch sehr lesenswert, und zwar nicht nur als zeithistorisches Dokument. Gute Gedanken halten länger.

Wolf Iro

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Dezember 2011

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