Deutsch-russischer Konstruktivismus
„So einen schönen Rock will ich…!“, „Mein Traummantel!“, riefen Zuschauer während die neue Kollektion der jungen deutschen Designerin Alexandra Kiesel in St. Petersburg vorgeführt wurde. Auf den ersten Blick gewöhnliche Sakkos erwiesen sich als bis auf die Schulterblätter gekürzt, bis zu den Hüften gehende Blusen schwangen oberhalb der Taille. Hat die Kleidung den Zuschauern vielleicht deshalb so gut gefallen, weil die Designerin ihre Kollektion dem russischen Konstruktivismus gewidmet hat? To4ka-Treff hat mit Alexandra über Modethemen gesprochen und herausgefunden, warum man ihre Sachen jahrzehntelang tragen kann.
Alexandra, du hast erst vor kurzem deinen Abschluss an der Uni gemacht. Wie gelang es dir, so schnell Erfolg zu haben und wie schwer ist es allgemein für eine junge Designerin, auf dem heutigen Markt zu überleben?
Ich glaube, dass es heute nicht nur auf dem Designermarkt schwer ist, Erfolg zu haben, sondern in jedem Bereich. Ehrlich gesagt, ich hatte Glück. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nachdem ich 2010 mein Diplom erhalten habe (Alexandra hat die Kunsthochschule Berlin-Weißensee absolviert, Anm. d. Aut.), gelang es mir ins Finale von „Createurope“ zu kommen und den Wettbewerb zu gewinnen, den Marc Jacobs durchgeführt hat, Creative Director bei Louis Vuitton. Es erschienen Veröffentlichungen in der deutschen Presse. Dabei musste ich weiterhin als Dozentin an einer Hochschule arbeiten, um ein festes Gehalt zu bekommen
Warum hast du dich dazu entschieden, eine Kollektion zu machen, die auf dem russischen Konstruktivismus basiert?
Ursprünglich habe ich eine Einladung vom Goethe-Institut erhalten, mit meiner Kollektion nach Russland zu kommen. Mir schien es interessant, meine „Baukasten-Kleidung“ mit Ideen der russischen Konstruktivisten zu verbinden. Besonders erstaunt haben mich die Entwürfe für Arbeitskleidung von Warwara Stepanowa, die Frau von Alexander Rodtschenko (ein sowjetischer Künstler, einer der Begründer des Konstruktivismus, Anm. d. Aut.). Ihre Arbeiten hatten mit ihren Farben, Formen und Oberflächen großen Einfluss auf meine letzte Kollektion.
Erzähl ein bisschen mehr über die Idee der „Baukasten-Kleidung“
In der Mode wiederholt sich alles, Ideen kommen und gehen, deshalb kann man sie herauspicken, vermischen und sie für etwas Neues ausgeben. Jede Saison erklären Designer zu einer neuen Kollektion unmögliche Entscheidungen, obwohl die Kleidung immer noch aus den gleichen gut bekannten Elementen besteht. Ich habe mich dazu entschieden, keine saisonalen, sondern thematische Kollektionen aus Elementen zu machen, die man miteinander kombinieren kann. Die erste Kollektion war der Bauhaus-Kunst gewidmet, die zweite jungen Künstlern und die dritte dem Konstruktivismus. Man kann sich verschiedene Elemente kaufen und aus ihnen ein Puzzle nach seinem eigenen Stil zusammenbauen.
Aber kann man seinen Stil nicht auch aus gewöhnlichen Sachen zusammenstellen?
Es gibt zwei Tendenzen auf der Welt: Massenproduktion von Kleidung, von der es scheinbar viel gibt, die sich aber einander ähnelt und der zunehmende Wunsch sich irgendwie von diesem Einheitsbrei abzusondern. Die Leute in Deutschland haben den endlosen Gang durch die Geschäfte bereits Leid. Die Kleidung ist in der Regel minderwertig und hält nicht länger als eine Saison. Die Baukasten-Idee gewinnt ihr Gesicht durch das Kostüm, zu dem man nach und nach Details hinzufügt. Man muss die Sachen nicht wegschmeißen, man kann sie liebgewinnen. Man kann sie auch nach einem Jahr oder nach zehn Jahren noch anziehen, wenn man die Figur hält. Man muss das Leben der Dinge verlängern.
Warum war die Vorführung eine Performance und keine gewöhnliche Modenschau?
Erstens ist eine Performance die geeignetste Variante für eine Vorführung konstruktivistischer Arbeit. Zweitens wollte ich das, was man eine Modenschau nennt, in acht Minuten packen, um die Flüchtigkeit dieser sogenannten Modetendenz zu zeigen. Die Performance beginnt ab da, wo die Models gepudert werden, dann fahren sie, wie am Fließband, auf einem Band hinaus und danach kommen Arbeiter und umwickeln die Kleidung der Models mit Packpapier, um sie abzutransportieren, weil es nicht mehr modern ist. Darin steckt etwas, was nicht richtig ist. Das wollte ich zeigen.
Ist Design für dich Kunst oder ein angewandtes Handwerk?
Das ist schwierig eindeutig zu beantworten. Während des Studiums hatte ich einen Skulptur-Kurs und seitdem nehme ich Kleidung dreidimensional war und nicht nur als Skizze. Einerseits, wenn ich eine skulpturale Wahrnehmung von Kleidung habe, dann liegt darin bereits etwas von Kunst. Andererseits mache ich Kleidung, die man tragen können muss. Jedes Kleid und Element eines Kostüms wurde aus einem skulpturalen Blickwinkel durchdacht und gefühlt. Es ist wichtig, dass es harmonisch, natürlich und bequem ist.
Die Models trugen, wie es sich gehört, hohe Absätze. Und wie stehst du zu Absätzen im Leben?
Die Models sollen standartgemäß 12cm-Absätze tragen. Aber ich habe natürlich bemerkt, dass praktisch jede Frau in Russland Absätze trägt! Sogar jetzt, wo tiefer Winter ist! Das ist unglaublich unpraktisch, aber schön! Ich trage selbst keine Absätze, sie sind unbequem. Außerdem sieht das im alltäglichen Leben wie eine Absage an die Emanzipation aus.
Verkaufst du deine Kleidung schon?
Ja, ich habe Boutiquen in deutschen Städten und in Bukarest und Mailand wurden Geschäfte eröffnet.
Hast du nicht über Russland nachgedacht?
Das russische Publikum hat zum ersten Mal diese Kollektion gesehen. Für mich ist das die erste Aufführung im Ausland, Kiesel betritt die internationale Arena! Und für mich ist es interessant, wie das russische Publikum reagieren wird. Interessant, es danach mit den Reaktionen der Deutschen zu vergleichen. Über ein Geschäft muss man auch nachdenken. Mir hat man erzählt, dass Frauen im Saal gesagt haben: „So einen schönen Rock will ich!“. Das heißt, es funktioniert!
Wioletta Rjabko, 25, Sankt-Petersburg
Übersetzung: Fabian Erlenmaier
Copyright: To4ka-Treff
Februar 2013
















