Samba mit dem Rollstuhl
Irena Aurich leidet an Multipler Sklerose (MS) und benötigt im Alltag die Hilfe eines Rollstuhls. Ihre Freuden im Leben lässt sie sich jedoch nicht nehmen.
Einen Termin mit Irena Aurich zu vereinbaren ist nicht leicht. Die Tage der 54-jährigen sind vollgepackt. Trotz ihrer MS-Erkankung, von der sie viele Jahre aufgrund von schlechter Diagnostik in der DDR nichts wusste, ist die Dresdnerin aktiv. Freitag ist für Irena dabei ein besonderer Tag. Denn wenn der "Cotton Eye Joe" sich mit Händeklatschen mischt, ist es Zeit fürs Tanzen. Eine perfekte Tanzrunde, passgenaue Drehungen und ein exakter Rhythmus
- aufs Parkett gebracht von der einzigen Rollstuhltanzgruppe Sachsens, in der Irena Mitglied ist. Getanzt wird alles: von den Standardtänzen bis zu den lateinamerikanischen Tänzen, aber auch Disco-Fox, Square-Dance und vier speziell choreographierte Showtänze. Tanzen ist ein Stück Lebensqualität, gerade auch für Irena, die immer schon sportlich war. Volleyball, Wandern, Klettern und Radfahren standen früher auf ihrem Programm.
Erste Symptome in der Jugend

Während ihres Abiturs in der Nähe von Leipzig holte die ehrgeizige Sächsin eine Goldmedaille bei der Spartakiade, forderte immer Höchstleistungen von sich selbst. "Manchmal war ich vielleicht etwas zu ehrgeizig", sagt Irena, die erstmals mit 18 Jahren ein Kribbeln in den Beinen als erstes Krankheitsanzeichen bemerkte, sich darüber allerdings keine Gedanken machte. Nach dem Bauingenieurstudium in Weimar an der heutigen Bauhaus-Universität trat sie eine Absolventenstelle in ihrer neuen Heimat Dresden an und führte dort neue Elemente der Rechentechnik ein. Doch immer öfter bekam Irena im Alltag Schwierigkeiten, fühlte sich eingeschränkt. Auf der Rückreise von einer Rumänien-Tour legte sie in Budapest aufgrund von Beschwerden einen Stopp ein. Doch auch in diesem Zusammenhang wurden - wie schon so oft zuvor - nur Durchblutungsstörungen diagnostiziert. Ruhe fand sie auch in Dresden nicht. Denn als Alleinstehende hatte man in der DDR kam Chancen auf eine eigene Wohnung. Deshalb teilte sich Irena zeitweise mit fünf Erwachsenen und zwei Kindern eine kleine Bleibe, hausierte auf gerade mal neun Quadratmetern mit all ihren Möbeln.
Ihrer Erkrankung tat das alles nicht gut.
Keine MS-Diagnose und Behandlung
Multiple Sklerose war zwar in der DDR als Krankheit bekannt, wurde jedoch von den Ärzten nicht vermittelt. In einer Zeitung las Irena erstmals 1987 von der entzündlichen Erkrankung des Nervensystems, die aufgrund ihrer verschiedenen Symptome auch "Krankheit der tausend Gesichter" genannt wird. "Alles, was ich da las, kam mir sehr bekannt vor, aber meine Ärztin stritt diese Möglichkeit vehement ab".Behandelt wurde Irena weiterhin auf Durchblutungsstörungen - auch, als sie ihren 1988 geborenen Sohn Alf mehrfach fallen ließ und Probleme mit seiner Versorgung offenbarte. Erst nach dem Mauerfall wurde Irena offiziell mit der Diagnose MS konfrontiert. Kurz darauf trennte sie sich vom Vater ihres Kindes.
"Er hatte Angst vor der Zukunft, Angst vor der Krankheit", sagt Irena, die fortan auf sich selbst gestellt war und in ein Loch stürzte. "Auch wenn es mir niemand offiziell gesagt hat, aber ich hatte mit Depressionen zu kämpfen".
Sorgen mit dem Nachwuchs
Ihre Sorgen wurden noch stärker, als Sohn Alf mit 13 begann Drogen zu nehmen und in die falsche Szene abrutschte. Nur durch größte Anstrengungen konnte sie einen Selbstmord ihres Sohnes verhindern, doch die vielen negativen Erlebnisse setzten der sonst so starken Frau zu. Sie war plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen, kämpfte sich aber wieder zurück in die Normalität. "Ich besuche seit 1999 eine Mal- und Kunsttherapie. Wir wollen jetzt einen eigenen Verein gründen. Ich werde dem Vorstand angehören", sagt Irena, die sich auch im Verein "Lebendiges Leben" engagiert und neben vielen sportlichen Terminen zur Rehabilitation eben auch tanzen geht. "Manchmal fahre ich einfach durch die Stadt, um neuen Leuten zu begegnen. Dresden ist sehr behindertenfreundlich", sagt die unternehmungslustige und selbstständige Frau, die dennoch gern Hilfe von anderen annimmt. Nicht nur mit ihrer besten Freundin, die sie beim Malkurs kennen gelernt hat, unternimmt sie Reisen. "Ich sehe die Berge sehr gern. Das erinnert mich an die Zeit, als ich noch selbst klettern war". Wie es um sie stehen würde, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt und auch behandelt worden wäre, kann man heute nur vermuten. Demnächst will Irena ein neues Medikament versuchen, was die Gehfähigkeit verbessern soll. "Ich hoffe, dass ich zu den 20 Prozent gehöre, bei denen es in den Tests angeschlagen hat.Und wenn nicht, dann geht es trotzdem weiter". Unterkriegen lässt sich Irena nach all den Erlebnissen ganz sicher nicht.
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Januar 2012

















