Knipsend durch Russland

Joseph Diener ist schweizer Fotoreporter. Er hat für eidgenössische, deutsche (unter anderem Frankfurter Allgemeine Zeitung) und französische Zeitschriften gearbeitet. Ein Jahr lang unterrichtete er Reportagefotografie am Unabhängigen Deutsch-Russischen Institut für Journalistik und Publizistik Rostow am Don. Er war mehrmals in Russland, zeigt sich ganz begeistert von Land und Leuten, wünscht sich immer wieder nach Russland zu kommen und will irgendwann einmal Wladimir Putin fotografieren.Herr Diener, erzählen Sie bitte über die Fotoprojekte, die Sie in Russland gemacht haben.
Erst habe ich für die Neue Zürcher Zeitung zwei Geschichten fotografiert. Die eine Geschichte handelte von Schweizer Bauern, die nach Kaluga bei Moskau ausgewandert sind, die andere von der Bedeutung der Don Kosaken im heutigen modernen Russland. Danach fing ich an Menschen zu fotografieren, die mich besonders beeindruckten und interessierten. Abschließend porträtierte ich Menschen in ihren Küchen.
Für mich ist das Fotografieren auch immer ein Kennenlernen. Ich versuche dabei etwas wesentliche einer Person festzuhalten. Wobei eine Fotografie natürlich immer eine Reduktion und Abstraktion darstellt. Mir ist es aber immer wichtig, dass sich die abgebildete Person in dem Bild wiedererkennt, dass Sie sagen kann: "Ja, so bin ich." Ich versuche nie etwas in eine Person zu projizieren, was nicht ist.
Was für ein Wissen über Russland würden Sie gern mit Ihren Fotos an die Menschen vermitteln, die noch nie in unserem Land waren?
Das Russland-Bild ist bei uns stark geprägt von der Geschichte. Natürlich auch vom Kalten Krieg. Man liest bei uns in den Zeitungen viel über Russische Politik. Dabei gehen die Menschen, die Russen, so wie sie im Alltag leben, oft vergessen! Ich habe in Russland eine äußerst herzliche Gastfreundschaft erlebt. Ich habe Menschen mit unglaublich spannenden und bewegten Lebensgeschichten angetroffen, die mich tief beeindruckt haben. Viele Menschen haben den Krieg mit all seinen Grausamkeiten erlebt, sie haben den Zusammenbruch der UdSSR miterlebt, haben ein Leben lang hart gearbeitet und ließen sich doch nicht unterkriegen. Sie blieben stark. Ich möchte den Betrachtern meiner Bilder etwas von der Großartigkeit dieser Menschen vermitteln.
Was ist Ihrer Meinung nach das beste Bild, das Sie in Russland gemacht haben und warum?
Die Frage nach dem bestem Bild lässt sich nur schwer beantworten, weil ich hauptsächlich Menschen porträtierte. Die Bilder sind mir so wichtig wie die Menschen, die darauf abgebildet sind.
Man sagt, dass Bilder mehr als tausend Worte sagen. Aber wo liegen die Grenzen der Fotografie?
Die Fotografie hält Augenblicke fest, die uns entgehen solange der Film läuft. Die Fotografie gibt einem kleinen Moment, einem winzigen Zeitabschnitt, ein unglaubliches Gewicht und eine große Bedeutung. Gleichzeitig wird dieser eine Moment aus dem Zusammenhang gerissen, was auch eine Gefahr in sich birgt. Es kann ein falscher Eindruck entstehen. Es gibt Ikonen der Fotografie, die ohne begleitenden Text nicht zu Ikonen geworden wären. Ein gutes Beispiel hierfür ist das berühmte Bild von Robert Capa, das einen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg zeigt, der von einer Kugel getroffen fällt. Das Bild hat sich in die Köpfe von Millionen Menschen eingeprägt. Dass der Soldat aber von einer Kugel getroffen wurde kann man auf dem Bild nicht erkennen, das steht im Text. Ohne diesen erklärenden Text, wäre das Bild nie zu dem geworden, was es ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Bild mehr sagt als tausend Worte, doch oft hilft ein Bild die tausend Wort zu verstehen.
Wen oder was möchten Sie in Russland noch fotografieren?
Noch viele interessante Menschen. Und: Ich habe in meiner Zeit in Berlin alle wichtigen Staatsoberhäupter der damaligen Zeit fotografiert. Den Russischen Präsidenten konnte ich leider nie fotografieren. Wladimir Putin würde ich auch gerne fotografieren.
Alle Fotos: Joseph Diener
Copyright: To4ka-Treff
Februar 2012
















