„Ich erzähl‘ so gerne über Russland“
Am Anfang dieser russischen Geschichte stand ein inszenierter Fernsehfilm, den ein Moskauer Produzent für das deutsche Fernsehen gedreht hatte. Oligarchen, die Rubljowka, KGB-Agenten – in der Reportage war alles drin, „was der deutsche Zuschauer über Russland sehen will“. Der deutsche Journalist Jens Mühling erfuhr davon und staunte derart, dass er sich auf eine lange Reise durch Russland machte, um zu erfahren, wie das Land in Wirklichkeit ist. Vor kurzem ist sein Buch „Mein russisches Abenteuer“ erschienen.
Was für ein Russland wollen denn die Deutschen sehen?
Mir sind zwei Tendenzen aufgefallen. Die einen Deutschen wollen russische Romantik sehen: Taiga, Bären, einsame alte Menschen, die in Sibirien wohnen. Für die Deutschen ist das exotisch, weil es so etwas bei uns nicht gibt. Die zweite Tendenz ist typisch für die ältere Generation. Bei denen ist die Angst vor Sowjetrussland noch sehr präsent, sie erwarten vor allem Schauergeschichten über Terror und Diktatur.
Dir ist ein ungewöhnlich wahrheitsgetreues Buch gelungen. Hat es seine Leser gefunden?
Ja. Es ist natürlich kein Beststeller, denn das Publikum für Russland-Bücher ist begrenzt, aber es verkauft sich ganz gut. Gerade erst hat mich jemand aus dem Verlag angerufen, sie wollen bald in die zweite Auflage gehen.
Erfolgreiche Bücher werden in Deutschland immer mit sogenannten „Lesungen“ begleitet. Bist du schon soweit?
Ja, es gab ein paar Lesungen. Öffentliche Auftritte waren bisher nicht so meine Sache, aber es erwies sich dann als nicht besonders schwierig. Ich lese gewöhnlich das erste Kapitel, in dem ich erzähle, wie es zu meiner Russland-Reise gekommen ist. Danach stellt das Publikum Fragen, und vor diesem Teil hatte ich am Anfang etwas Bedenken. Aber ich erzähle sehr gerne über Russland. Auf jede Frage kann ich mit einer konkreten Geschichte antworten, mit einer Szene aus dem realen Leben.
Welche Frage wird am häufigsten gestellt?
„Stimmt es, dass in Russland so viel Wodka getrunken wird?“
Und was antwortest du?
Ich antworte, dass es stimmt. Aber ich füge hinzu, dass es in Russland im Vergleich zu Deutschland auch mehr Menschen gibt, die überhaupt keinen Alkohol trinken.
Sicherlich hat dich der Wodka während deiner Reise überall hin verfolgt. Wie wird man denn da nicht zum Säufer?
Ich mag russischen Wodka und trinke ihn mit Vergnügen, es ist ein amüsantes Getränk. Natürlich kommt es mal vor, dass man mehr trinken muss, als man will – aber da kann man dann halt nichts machen. Etwas anderes ist es, wenn man von Menschen zum Trinken genötigt wird, die zwar interessant, aber unangenehm sind. Das macht weniger Spaß.
Du weißt jetzt, dass es in Russland nicht nur Bären und Matrjoschkas gibt. Was ist nach deinem Verständnis typisch russisch?
Im Buch erzähle ich viele Geschichten, die mit dem Glauben zusammenhängen. Meine Helden sind Orthodoxe, aber auch Altgläubige, Heiden, Esoteriker und sogar Kommunisten. Der Kommunismus ist ja auf seine Art auch eine Religion, an die viele Menschen einmal sehr streng geglaubt haben. Der leidenschaftliche Glaube an etwas – das ist meiner Meinung nach typisch russisch.
Mit dem Kommunismus ist noch ein weiterer Aspekt meines Buchs verbunden. Er war eine sehr starke Religion, und als er den Menschen verloren ging, fragten sich viele: Wer sind wir nun? Mir ist oft aufgefallen, dass die Russen die Antwort in der Vergangenheit suchen, dass sie an alte Traditionen anknüpfen wollen. Das Land blickt rückwärts, nicht nach vorne. Auch diese Suche in der Vergangenheit ist oft sehr leidenschaftlich, und diese Leidenschaft ist für mich eine typisch russische Erscheinung.
Du hast zwei Jahre in Moskau gelebt, als du bei der „Moskauer Deutschen Zeitung“ gearbeitet hast. Hast du dich wohl gefühlt?
Ich mag Moskau sehr! In erster Linie wegen seiner wahnsinnigen Energie. Obwohl ich weiß, dass viele die Stadt genau deswegen hassen.
Während du die berüchtigte russische Seele enträtselt hast, hat es dich bestimmt dazu gedrängt, russische Filme anzusehen. Sind sie für einen Ausländer verständlich, der Russland allgemein gut kennt?
Mir hat zum Beispiel „Ironie des Schicksals“ sehr gefallen – aber er ist viel zu lang, und an vielen Stellen, wo die Russen lachen, verstehe ich den Humor leider nicht. Er ist sehr spezifisch.
Und das heutige Kino?
Ich bin ein großer Fan von Renata Litwinowa! Mir gefällt ihre Affektiertheit, auch wenn ich weiß, dass sie vielen auf die Nerven geht. Den Film „Himmel, Flugzeug, Mädchen“ empfehle ich allen meinen deutschen Freunden.
Was empfiehlst du den deutschen Zuschauern noch?
Von den populäreren Filmen: „Wächter der Nacht“. Da wird ein sehr stimmiges, interessantes und schönes Bild von Moskau geschaffen – teilweise sowjetisch, teilweise futuristisch.
In Berlin gibt es „Russisches“ in Hülle und Fülle. Verkehrst du mit Russen, gehst du in ihre Lokale?
Ja, natürlich! Ich bin sehr froh, dass es hier so viele Zuwanderer gibt – das gefällt mir sehr an Berlin. Ich habe früher im Bezirk Schöneberg gewohnt, dort gibt es eine große russische Gemeinde, in der ich viele interessante Leute kennengelernt habe. Bis heute kaufe ich dort regelmäßig in einem russischen Lebensmittelladen ein, um mich mit dem Besitzer zu unterhalten.
Und kaufst du dort etwas, an das du dich in Russland gewöhnt hast?
Manchmal Bonbons. Ehrlich gesagt war ich von der russischen Küche nie besonders beeindruckt, ich sehne mich nicht nach Tiefkühl-Pelmenis. Warum viele von euch von Buchweizengrütze begeistert sind, ist mir ein absolutes Rätsel! Okroschka und Blinis – das ja! Aber allgemein überrascht es mich, dass es in so einem riesigen Land so wenige regionale Unterschiede in der Küche gibt. Wohin man auch fährt, sei es in eine Kantine in Krasnojarsk oder ein Restaurant in Petersburg, überall der gleiche Olivier-Salat und Kiewer Buletten. Ich schätze, das ist ein Überbleibsel der sowjetischen Vergangenheit.
Gibt es in deiner Berliner Wohnung „russische“ Spuren?
Ich habe viele russische Ikonen. Sie stehen auf der Fensterbank. Und an den Wänden hängen Fotos aus Russland. Eine Aufnahme liegt mir besonders am Herzen, ein deutscher Freund von mir hat sie in Uljanowsk gemacht. Er hat ein Lenin-Denkmal von unten fotografiert, so dass nur der Himmel zu sehen ist, und Lenins Arm, der in die lichte Zukunft weist. Es kommt mir zwar nicht ganz richtig vor, dass Lenin direkt neben den orthodoxen Ikonen steht, aber visuell gefällt mir das Bild wirklich sehr.
Was hast du deinen Freunden und Bekannten als Souvenirs aus Russland mitgebracht?
Diese kleinen, billigen Ikonen, die in den Kirchen verkauft werden. Hinter jedem Heiligenbild steckt eine absolut interessante Geschichte, die Teil des Geschenks ist.
Wer ist denn die Johanna, der das Buch gewidmet ist?
Johanna ist meine Freundin. Wir sind schon 13 Jahre zusammen. Sie spricht auch Russisch, weil sie in Kiew gelebt und dort im Goethe-Institut gearbeitet hat.
Xenia Maximowa, 29, Moskau
Copyright: To4ka-Treff
Mai 2012















