Pelz: Sondermüll auf Pump
Pelze sind ein beliebtes Accesoire in Kasachstan. Man kleidet sich gerne mit ihnen, ohne zu wissen, wo sie herkommen. Mit vielen Chemikalien behandelt sind sie eigentlich Sondermüll. Warum ein Pelzmantel nicht nur finanziellen, sondern auch gesundheitlichen Ruin bedeuten kann, berichtet To4ka-Autorin Anna Louban aus Karaganda.

Die Neunziger – das waren harte Zeiten in Kasachstan. „Jeder musste sehen, wo er bleibt. Ich zog nach Russland und ließ meine Eltern in der Steppe zurück“, so erzählt es Nurlan P.*. Nurlan sitzt auf dem Sofa und blickt mich mit müdem Blick an. Drei Jahre seien vergangen bis er genügend Geld zusammen hatte, um „die Alten“ gebührend zu besuchen. „Wie geht es Zuhause?“, fragte der damals Dreißigjährige immerzu am Telefon. „Schlecht, mein Söhnchen, schlecht“, ertönte es stets am anderen Ende der Leitung. Also ging Nurlan los und kaufte ein: bergeweise Kartoffeln und Rote Bete, lud Säcke voller Nüsse und Körbe voller Mandarinen in den geliehenen Lada. Nurlan fuhr los, in die Heimat, nach Karaganda. Neben aufkommender Wiedersehensfreude begleiteten ihn Scham und Angst auf seiner Reise: Scham, weil er selbst keinen Hunger litt und Angst davor, seine Liebsten in Armut zu sehen.
Straßen voller schwarzer Lederjacken
Nach etlichen Tagen auf dem Fahrersitz erreichte Nurlan Karaganda. Ein beißender Wind hieß ihn willkommen. Er kniff die Augen zusammen und sah: schwarze Lederjacken. Erneut spürte der Heimkehrer Scham – diesmal jedoch für die ordinären Geschenke, die er brachte. Und Angst, nun jedoch davor, als armer Schlucker zu gelten. Kaum kam der rostige Lada zum Stehen, eilte Nurlans Mutter aus dem Haus und fiel dem Sohn weinend um den Hals. Aus den Augenwinkeln heraus sah er seine Brüder und Cousins zum Auto stürmen. Alle in schwarzen Lederjacken. „So ein Mist“, dachte er.
Dann wurde aufgetischt und alle blickten gespannt zum Heimkehrer. Im Haus war es kalt und feucht. Die Mutter erzählte von Geldnot und Krediten, während Nurlan ungläubig zu den glänzenden Lederjacken an der Garderobe blickte.
Straßen voller Pelze
Karaganda ist bis heute eine sogenannte Kohlestadt, auch die Metallurgie ist seit Ende der Neunziger wieder aufgeblüht. Das brachte tausende neuer Arbeitsplätze – oft zu zweifelhaften ‚alten’ sowjetischen Arbeitsbedingungen – aber auch Staub und Dreck in die Luft, ins Grundwasser, in die Erde. Die Emissionsmenge in der ‚Oblast’ Karaganda überschreitet nationale Richtwerte um bis zu 50 Mal, von den internationalen ganz zu schweigen. Der Durchschnittslohn eines Minenarbeiters liegt unter 200 Euro im Monat. Was in den Neunzigern die Lederjacken waren, sind Pelze heutzutage. Alle sind arm, hieße es immer, aber ein Pelz müsse schon sein. Ein Pelzmantel für die Ehefrau oder Tochter kostet jedoch an die Tausend Euro. Wie kann sich ein Minenarbeiter dies also von seinem geringen Einkommen leisten?
Nurlan erklärt: „Die Menschen machen es den Unternehmen gleich. Unternehmen leihen sich Geld von Banken, um ‚größer’ und bedeutender zu werden. Die Menschen nehmen sich ein Beispiel daran, nehmen Kredite auf. Von dem Geld kaufen sie sich Pelze. Es reicht ihnen nicht, dass sie Gift atmen und trinken – sie klatschen sich Sondermüll auch direkt an die Haut“. Nichts anderes seien Pelze nämlich, mit so viel „Dreck“, wie sie behandelt würden. 
Sondermüll statt Naturprodukt
In Karaganda steht Nurlan mit seiner Meinung nahezu alleine dar. Denn ein Pelz verleiht seinem Träger nicht nur Prestige und Wärme, sondern gilt im Volksmund auch als eines der ursprünglichsten und ‚natürlichsten’ Produkte. Aigul N.* ist Chemikerin und das, was man eine politische Aktivistin nennt. „Sehen Sie, wie hübsch die Pelze glänzen? Wie flauschig sie aussehen? Das alles ist Chemie! Mit einem Naturprodukt hat das kaum noch was gemein.“ Die Pelze enthalten vorzugsweise DDT – ein Insektizid, das nicht nur als krebserregend gilt, sondern bei Hautkontakt auch Einfluss auf den hormonellen Haushalt des Pelzträgers haben kann. Krankheitserregende Schwermetalle würden auch häufig nachgewiesen, erklärt die Wissenschaftlerin. „Nicht selten finden wir auch Formaldehyd“ – eine chemische Verbindung, die bei Hautkontakt ätzend wirkt und das Risiko einer Krebserkrankung drastisch erhöhen kann.
Renaissance des Sondermülls in Europa
Auch wenn das Bewusstsein über die Gefahren solcher Schadstoffe in Westeuropa weiter verbreitet sein mag, erfreuen sich Mäntel, Westen und Mützen aus flauschigem ‚Naturmaterial’ wieder steigender Beliebtheit. Der Pelz erfährt eine Renaissance. Auf den Mailänder und Pariser Laufstegen brillieren Kreationen aus Tierfell und schimmern – eine giftiger als die Andere – um die Wette. Neueste Studien belegen, dass die in Westeuropa gehandelten Pelze – genauso wie ihre östlichen Verwandten – mit Schwermetallen und krebserregenden Stoffen belastet sind. „Ein recht hoher Preis, den der Mensch dafür zahlt, dass er sich mit ‚fremden Federn’ schmückt, finden Sie nicht auch?“, fragt Nurlan, verschränkt die Arme wieder auf dem Bauch und lächelt mich müde an.

Text und Bilder: Anna Louban, ASA-Stipendiatin im EcoMuseum Karaganda, Kasachstan
Copyright: To4ka-Treff
Februar 2012













