Januar 2012: Im Osten
Gulsinat SyrantschiewaIm Osten
Mozart zählt zu den Klassikern, Yannis Orchestra zur Gegenwartsmusik – und kirgisische Ethno-Musik wird es immer geben, da ist sich Gulsinat Syrantschiewa sicher. Die Sängerin aus Kirgistan tritt erfolgreich bei internationalen Wettbewerben auf und füllt im Ausland die Säle – in der Heimat aber finden nicht alle einen Zugang zu ihrer Kunst. Gulsinat hat То4ka-Treff erzählt, warum sie ihre Karriere als Musikerin mit dem Unterrichten verbindet, warum Tickets für ihren Auftritt in Amerika mehr kosten als die für Britney Spears Konzerte, und wie man Ethno-Musik in Europa bekannter machen kann.
Du bemühst dich nicht, dem Geschmack der Masse zu entsprechen. Wie sieht deine Zielgruppe aus?
Akademiker, Kulturschaffende, salonfähige Personen und andere Leute, die meine Kunst mögen. Normalerweise kommen bei uns die Künstler mit 10-12 anderen Sängern und Entertainern auf die Bühne, um zwei Konzertstunden voll zu kriegen. Bei mir ist das völlig anders. Im letzten Jahr hatte ich für mein erstes Solokonzert im Saal der Nationalphilarmonie Kirgistans Lieder aus meinem eigenen Repertoire zusammengestellt und nur diejenigen eingeladen, mit denen ich Duetts singe. Ich habe Weltklassiker auf dem Flügel gespielt, mich darauf selbst begleitet und Romanzen vorgetragen, mit dem Orchester und mit einer Ensemblegruppe gesungen. Das Konzert war auch allein deshalb so ungewöhnlich, weil ein Kinderchor mit 70 Mitgliedern dabei war... kurz: Wir haben es krachen lassen.
Du unterrichtest Klavier und Gesang an der größten Musikschule in Bischkek. Warum arbeitet eine Sängerin als Lehrerin?
Ich halte es für eine Pflicht, mein Wissen an andere weiterzugeben. Musik repräsentiert in erster Linie das Gute – denn sie lässt einfach nicht zu, dass ein Mensch schlecht ist. Ich ziehe selbst eine Tochter groß und möchte, dass sie von Leuten mit gut entwickeltem Musikgeschmack umgeben ist. Aber es ist für mich auch wichtig, eine gefragte Sängerin zu sein. Sich seine Position auf der Bühne zu erhalten, bedeutet, eine Möglichkeit zu haben, an die Leute heranzukommen. Fast alle meine Lieder sind positiv. Und die Musik selbst sollte reinigend, transparent, leicht und angenehm sein.
Wovon träumst du?
Ich würde gerne bei einem Wettbewerb in Europa auftreten, wo der Saal prall gefüllt ist und mir ein millionenfaches Publikum zuhört. Und kein einziger Kirgise weit und breit (sie lacht). Dort würde ich ein paar von unseren lyrischen Liedern singen, die sich heute zur kirgisischen Klassik gemausert haben. Ich wünsche mir, dass unsere Volksmusik in Europa populär wird.
Hast du da keine Angst, nicht verstanden oder nicht angenommen zu werden?
Für das Ausland sind unsere Geschichte, unsere Nationaltracht, ja sogar die Klangfarbe unserer Stimme etwas ganz Einzigartiges. Sie haben dort ihre eigene Musik schon in einem solchen Maße popularisiert – heute weiß doch jedes Kind, wie sich ein Lied auf Englisch anhört. Die Leute im Westen sind verwöhnt, schließlich werden dort mit der Musik alle möglichen Experimente gemacht. Aber hier bei uns, in unserer zentralasiatischen Gesellschaft, gibt es noch so viel zu entdecken! Ich habe das bemerkt, als ich in Russland aufgetreten bin. In meiner Nationaltracht und mit dem typischen kirgisischen Lied zum Komus (ein kirgisisches Volkszupfinstrument, Anm. d. Red.) begann so eine Panik in mir aufzusteigen: Das hier sind doch alles Russen, wie werden die mich wohl empfangen. Aber ich wurde mit großem Beifall aufgenommen. Wenn auch der Text des Liedes nicht verständlich war – dafür habe ich selbst für das dortige Publikum interessant und exotisch ausgesehen.
Und was willst du noch unternehmen, damit sich die Welt für dich öffnet?
Irgendwann einmal werde ich weit genug sein, um den genialen Instrumentalisten Yanni Chrisomallis anzuschreiben. Wissen Sie, wie der sein Orchester zusammengestellt hat? Über das Internet! Da sind sowohl Volksinstrumente als auch klassische und Popinstrumente vertreten. Die SängerInnen sind so facettenreich und unverbraucht. Und ihn würde die kirgisische Musik beeindrucken. Viele verstehen sie schließlich deshalb nicht, weil sie die Musik nie auf die Weise gehört haben, wie sie uns von unseren Vorfahren überliefert worden ist. Wir stilisieren sie für unser Publikum, machen sie moderner, geben irgendwelche Parodien zum Besten. Aber schließlich gibt es in unserer Kultur so viel Wahrhaftiges, Unverfälschtes. Wenn man sich zum Beispiel unser Epos „Manas“ hernimmt: Da kommen so ergreifende Themen vor, die könnte man einfach nehmen und einen Film daraus machen. Und gleichzeitig beschäftigt sich die ganze Welt mit Fantasy und dreht „Avatar“.
Schreibst du auch selbst Musik?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Zeit dafür. Dazu muss man in Trance verfallen; man braucht eine Art Inspiration, um dazusitzen, nachzudenken und etwas zu komponieren. Aber im letzten Jahr habe ich mit meinem Instrument irgendwie so vor mich hin musiziert, und es ist eine interessante Melodie dabei herausgekommen. Ich habe sie mit dem Interpreten Gulschigit Kalykow im Duett gesungen, und dieses Lied, „Sujuu bagy“, ist dann ein Hit geworden. Daran sieht man, dass mal niemals Angst haben sollte, eine Sache zum ersten Mal zu machen.
Und in den anderen Ländern Zentralasiens, in Usbekistan oder Tadschikistan, hat sich dein Ruhm bisher noch nicht verbreitet?
Das weiß ich nicht (sie lacht)... müsste man sich mal angucken. Wir zum Beispiel kennen die Lieder von usbekischen Interpreten sehr gut. Vielleicht haben es auch unsere Piraten-CDs bis zu ihnen geschafft, und wir werden da „aufgelegt“. Dafür weiß ich aber genau, dass wir in Amerika gehört werden. 2010 hatte mich die kirgisische Diaspora, dorthin eingeladen. Ich bin in vier Staaten aufgetreten. Auf den Konzerten waren Usbeken, Kasachen, viele Russen, Amerikaner, Kalmücken – na ja, und die meisten waren natürlich Kirgisen. Als ich das Lied „Bischkek“ gesungen habe, saß der halbe Saal mit Tränen in den Augen da… Aber es gibt auch lustige Erinnerungen. In New York hatte unser Konzert im Restaurant „Astoria“ stattgefunden. Am gleichen Tag gab auch Britney Spears ein Konzert – natürlich im Stadion. Die Tickets für unser Konzert kosteten 70 Dollar, und die für Britney Spears 50. Darüber haben sogar die Zeitungen geschrieben.
Gulsinat verwendet nicht ausschließlich kirgisische ethnische Kompositionen, sondern auch Lieder in russischer Sprache. Natürlich sind sie mit ihrer Heimat verbunden – Zentralasien. Das Lied „Im Osten“ ist kein unbekannter Song. Bereits in den 80er Jahren wurde er von der Gruppe VIA „Jalla“ gesungen. Die kirgisische Sängerin hat dem Lied neues Leben eingehaucht.
Schenk´ den Tee ein, Teehausdiener,
statt des kräftigen Weines
Ich mache dann für euch Musik
und die gefällt hier allen
Was ist schon im Osten, im Osten
der Himmel ohne den Mond
Was ist im Osten, im Osten
das Leben ohne Teestube
das Leben ohne Teestube
Die Teeschale geht im Kreis herum
Die Ältesten schauen auf die Welt
und freuen sich über Gast und Freund
Hier gibt´s ein Festessen, aber kein Göttermahl
Was ist schon im Osten, im Osten
der Himmel ohne den Mond
Was ist im Osten, im Osten
das Leben ohne Teestube
Was ist schon im Osten, im Osten
der Himmel ohne den Mond
Was ist im Osten, im Osten
das Leben ohne Teestube
Und auch wenn´s hier manchmal eng wird
- Eine Teestube ist kein Wunderland -
Damit aus diesem Lied ein Lied wird
sing´ es mit uns mit:
Tschai-cha-na-cha-na tschai
Tschai-cha-na-cha-na tschai
Tschai-cha-na-cha-na tschai
Tschai-cha-na-cha-na tschai
Was ist im Osten, im Osten
das Leben ohne Teestube
Was ist schon im Osten, im Osten
der Himmel ohne den Mond
Was ist im Osten, im Osten
das Leben ohne Teestube
das Leben ohne Teestube
Übersetzung: Anna Brixa
Copyright: To4ka-Treff
Januar 2012











