Juli 2012: Margeriten
Igor Rasterjaew Margeriten
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Er ist nicht unbedingt der Typ, der einem auf der Straße auffallen würde. In einem schwarzen T-Shirt, Jeans, Sneakers, die Hände in den Hosentaschen läuft er langsam die Petersburger Flusspromenade entlang und erzählt eher ungern über sich selbst. Umso freudiger beantwortet er Fragen, die mit dem kleinen Dorf im russischen Süden Rakovka zusammenhängen. Igor Rasterjaew ist schon knapp zwei Jahre lang der ungeschlagene russische YouTube-Star, seit sein Lied über die Mähdrescherfahrer („Kombajneri“) innerhalb kürzester Zeit über 2 Millionen Klicks einholte.

Der 31-jährige Schauspieler ist seitdem zwar immer noch auf der Bühne des Musik-und Dramatheaters „Buff“ zu sehen, aber mindestens drei Mal im Monat auch in Klubs im ganzen Land und der GUS. Anfang Juli konnte man ihn auf der Hauptbühne des größten russischen Rockfestivals „Naschestwie“ hören und sehen. Dort wollte die Begeisterung der knapp 200.000 Besucher kein Ende nehmen, als Igor mit seiner Tschajka-Harmonika ans Mikrofon trat. Die Songs aus seinem ersten Album „Der russische Weg“ singen alle mit. Es ist Patriotismus mal anders – weit entfernt von Staatssymbolik, Hymnen und Militärparaden. Ehrliche, fast schon wehleidige Texte, in denen es um die heruntergekommenen Dörfer Russlands geht, die brach liegende Landwirtschaft, die einfachen Menschen, „über die sonst niemand singt“. Darüber, was für ihn Patriotismus ist, seinen Werdegang und die überraschende Popularität sprach Igor Rasterjaew in einem Interview.
Igor, wie kommt es, dass ein Schauspieler aus einer Petersburger Künstlerfamilie auf einmal über Mähdrescherfahrer singt?
Seit meiner Kindheit fahre ich in das Dorf Rakovka am Fluß Medwediza bei Wolgograd. Mein Vater ist Kosake und seine Familie hatte dort einst viele Höfe. Heute ist davon fast nichts mehr übrig, aber in dem Dorf lebt immer noch ein Teil unserer Verwandtschaft, die ich immer im August besuche. Ich habe dort viele Freunde, für die ich schon immer gerne gesungen habe. Früher stand ich da vor dem einzigen Dorfladen und habe Rockklassiker mit Gitarre zum Besten gegeben. Irgendwann hat mir mein Onkel dann seine Harmonika in die Hand gedrückt. Als ich mit dem Studium an der Theaterhochschule angefangen habe, hat mir ein Kommilitone dann seine Harmonika geschenkt. Mittlerweile habe ich fünf. Ich hab immer wieder Lieder gedichtet, darüber, was ich sehe, was mich bewegt. Und das war eben mehr das Leben einfacher Menschen, die in einfachsten Verhältnissen trotzdem glücklich sind, aber mit vielen Problemen in Berührung kommen.Darüber singst du in deinem Hit „Mähdrescherfahrer“ – wann hast du dieses Lied komponiert und warum hast du beschlossen, dieses Lied das bei YouTube der Öffentlichkeit zu präsentieren?
Ich habe das vor fast vier Jahren geschrieben und seitdem immer wieder Freunden vorgespielt. Einer, Ljöcha Ljachow, kam dann auf die Idee mich währenddessen mit seiner Handykamera aufzunehmen. Das war vor fast zwei Jahren. Dann hat er das ins Internet gestellt und mir gesagt: „Hej, du bist jetzt auf YouTube!“ Ich saß währenddessen wie immer auf der Couch, da bin ich besonders gerne, und habe gesagt: „Toll, was ist YouTube?“ Und nach einem halben Jahr kam auf einmal dieser regelrechte Boom und wahnsinnige Klickzahlen, warum auch immer fanden die Internetuser mein Lied toll. Sofort kam die Anfrage, ob ich nicht ein Konzert geben möchte. Dummerweise habe ich zugesagt und dann erst bemerkt, dass ich ja eigentlich nur meine „Mähdrescherfahrer“ singen kann. Da musste ich mich schnell hinsetzen und aus allen Texten und Melodien, die ich komponiert hatte, vollwertige Songs schreiben.
Wie erklärst du dir diesen Erfolg und wie reagieren deine Freunde, über die du singst, auf deine Popularität?
Die freuen sich natürlich für mich und darüber, dass Menschen aus der Hauptstadt jetzt mal zu Texten über ihr Leben tanzen. Ich finde übrigens, da muss man nicht unbedingt dazu tanzen, für manche mögen es wirklich lustige Lieder sein, ich persönlich finde sie ernst und traurig. Warum meine Lieder aber erfolgreich geworden sind, weiß ich nicht, da muss man die Leute fragen, die sie hören. Ich bekomme natürlich Feedback, im Internet, bei Konzerten – viele benutzen im Zusammenhang mit meiner Musik das Wort „Ehrlichkeit“. Es ist traurig, dass solche Basiswerte und eigentlich, wie ich finde, selbstverständliche Dinge wie Ehrlichkeit, solch eine Euphorie und Begeisterung auslösen. Das zeigt, wie wenig davon im Alltag noch übrig geblieben ist.Trotz deiner Popularität unterschreibst du keine Verträge mit Record Labels. Alle wollen sie dich haben, und du willst keinen – warum?
Erstens, weil ich im Theater arbeite. Jeder Producer ist daran interessiert, Geld zu verdienen. Er hat auch im Grunde das Recht darauf, denn es ist sein Job und dem Künstler gibt er ja dann auch die Möglichkeit zu verdienen. Aber ich bin mit meinem jetzigen Lebensrythmus zufrieden. Maximal vier Konzerte im Monat, damit ich nicht die Nase voll habe davon. Und die Thematik der Lieder, die ich singe, fordert das auch. Ich singe über Soldaten, den Krieg, die Dorfbevölkerung, die im Grunde die Lebensmittelreserve des Landes schafft ohne dafür wirklich belohnt zu werden – darüber kann man nicht non-stop singen, von der Hochzeit, zur Trauerfreier und zum Klubkonzert. Jeden Tag. Das sind nachdenkliche, ernste Geschichten, die ich erzähle. Wenn ich ein Popstar wäre, dann würde ich mir einen Producer holen und gerne ständig auf der Bühne rumhüpfen und Geld verdienen.Findest du selbst, dass du patriotische Musik machst? Und was ist für dich überhaupt Patriotismus?
Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, was Patriotismus ist und ob man mich als patriotischen Sänger bezeichnen kann. Ich glaube, das entscheidet jeder für sich…(wird nachdenklich). Aber letzten Sommer, da bin ich mit dem Motorrad an verlassenen Dörfern vorbeigefahren. Um mich rum waren überall riesengroße, verwilderte Felder. Da sind mir die Tränen übers Gesicht geflossen. Vielleicht ist das Patriotismus?Vielen Dank fürs Interview.
Den ganzen Tag fliegen über den Himmel
irgendwelche Flugzeuge.
Sie bringen zum Urlaub auf Pattaya,
wahrscheinlich, irgendjemand.
Und ich gehe auf freiem Feld
zu Fuß über Unkraut
zu meinen wegen Alkoholismus verstorbenen
Freunden Waska und Roman.
Einige meine Kameraden liegen
auf einem dieser Dorffriedhöfe,
wo der warme Wind auf dem ovalen Foto
ein Liedchen über gepantschten Wodka singt.
Diesen Weg haben sich
die Kinder selbst ausgesucht,
aber dennoch hat sie jemand, bei Gott,
dazu angeregt und reingelegt.
Um keine Arbeit, kein Zuhaus,
um die Flaschen und Gläschen
um anstelle von Wasja und Roma –
dort nur Kornblumen und Margeriten wären.
Einige meine Kammeraden liegen
auf einem dieser Dorffriedhöfe,
wo der warme Wind umweht erstaunt
blaue Kreuze, die an Namen erinnern.
Doch alle Worte sind nutzlos,
und verbessern nichts.
Es bleibt nur auf die eiserne Dose
einen Strauß Margeriten zu legen.
Sie sollen dort ruhig stehen,
und auch die schönsten sein,
die auf dem Dorffriedhof
des Landes Russland stehen.
Der Song wurde To4ka-Treff für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt
Copyright: To4ka-Treff
Juli 2012









