Raus aus dem Touristenklischee!
Reise- und Erfahrungsberichte für das InternetDu hast einen Auslandsaufenthalt in Zentralasien oder Deutschland hinter dir? Du möchtest von einer Reise nach Russland berichten? Dann los! – doch interessante Erlebnisse allein machen noch keinen guten Reisebericht aus. Einige Tipps für Texte, die nicht nur deine Oma und der Nachbar - aus Sympathie - interessant finden.

Weniger ist mehr
Wenn du einen Erfahrungsbericht schreibst, möchtest du wohl möglichst viele Erlebnisse darin unterbringen. So wie du deinen Freunden und deinen Kollegen nach der Rückkehr von einer Reise oder einem Auslandsaufenthalt wahrscheinlich ganz viel auf einmal erzählst. Für deine Freunde ist jedes Detail interessant und im Gespräch macht es nichts, von einem Thema in das nächste abzuschweifen. Deine Leser kennen dich aber zum größten Teil nicht persönlich.
Gerade im Internet werden zu lange Texte nicht gelesen. Daher schreibe bitte nicht mehr als 5000 Zeichen inklusive Leerzeichen. Wichtig für die Lesbarkeit sind auch Zwischenüberschriften, die den Text gliedern.
Die Websitebesucher lesen deinen Text nicht deinetwegen, sondern weil das Thema sie interessiert. Deshalb ist es wichtig, dass dein Text ein Thema hat. Versuche, einen oder mehrere außergewöhnliche Aspekte auszuwählen und dich auf sie zu konzentrieren.
So ist ein Artikel über das Nachtleben in Kiew, über das Problem, auf einem Seminar mit verschiedensprachigen Teilnehmern zu kommunizieren, über Trampen in Norddeutschland oder über Obdachlose in München viel interessanter, als eine bloße Aufzählung aller Ereignisse während der Reise.
Deine eigene Sichtweise
Insbesondere
touristische Reiseprogramme unterscheiden sich nämlich oft nicht besonders
voneinander. Dass du den Kreml
besichtigt hast, in der Tretjakowskaja Galereja warst und Bliny gegessen hast,
war für dich ein Erlebnis – aber ist es für den Leser spannend, das zu lesen? Für
dich war der Höhepunkt deiner Berlinreise ein Gruppenfoto vor dem Brandenburger
Tor – doch wären für den Leser deine persönlichen Erfahrungen mit Kreuzberger
Imbissbuden nicht interessanter? Allgemeine Fakten über das Dresdner Opernhaus
stehen im Reiseprospekt und auf Wikipedia.Was du erlebst, unterscheidet sich vielleicht nicht so sehr von dem, was andere erleben. Interessant ist hingen deine eigene Sichtweise, dein individueller Zugang. Sichtweise – neben lesen wollen die Websitebesucher auch etwas sehen. Fotos lockern nicht nur das Textlayout angenehm auf, sondern helfen dem Leser auch, deine Erlebnisse nachzuvollziehen. Bitte schicke sie uns getrennt vom Text, im Dateiformat JPG und nicht verkleinert zu. Und es müssen nicht immer Gruppenfotos oder Selbstportraits mit berühmten Sehenswürdigkeiten im Hintergrund sein. Versuche lieber Fotos auszuwählen, die zu deinem Thema passen und die Fantasie des Lesers anregen.
Es ist nicht alles „klasse“
Ein Reisebericht ist eine gute Gelegenheit, einen klaren Kopf zu bekommen und die Erlebnisse zu reflektieren. Stimmt die Formulierung, dass „alles ganz toll war“, wirklich? Darüber solltest du dir Gedanken machen. Zum guten Journalismus gehört auch, dass man Dinge kritisch betrachtet. Selbst, wenn es insgesamt „klasse“ war – gab es nicht auch Situationen, die du als seltsam oder schwierig wahrgenommen hast? Die Tatsache, dass nicht alles perfekt lief, macht eine Reise einzigartig. Im Nachhinein können auch unangenehme Situationen wichtige Erfahrungen sein. Lasse deine Leser an ihnen teilhaben! Falls wirklich „alle“ Erfahrungen „klasse“ waren, kann niemand außer dir selbst viel damit anfangen: „Das Workcamp an der Nordsee war eine gute Erfahrung“ – was genau hast du dabei erfahren? „Wladiwostok ist eine interessante Stadt“ – inwiefern interessant? Versuche, konkret Situationen und Orte zu beschreiben, anstatt Wertungen abzugeben, die wenig aussagen.Achtung, Klischee!
Apropos Wertungen: Was du siehst, ist nicht alles. Selbst wenn du längere Zeit in einem anderen Land warst, wirst du dir kein vollständiges Bild von diesem Land machen können. Schon gar nicht über die womöglich mehreren Millionen unterschiedlichen Einwohner. Das ist nicht schlimm. Du solltest dir dessen aber bewusst sein. Und deinen Lesern deutlich machen, dass es um deine Eindrücke geht. Gar nicht mal nur bei negativen Aspekten. „Russen sind gastfreundlich“ – alle Russen, oder deine Freunde Marija und Oleg? „Die Deutschen sind im Allgemeinen ordentlich.“ – kann man das wirklich so sagen? Manchmal häufen sich bestimmte Eindrücke, sodass du das Gefühl hast, dass bestimmte Klischees vielleicht– wenigstens größtenteils- zutreffen. So gibt es wahrscheinlich in Jerewan wirklich mehr Stöckelschuhträgerinnen als in Berlin. Klischees können witzig sein und als interessanter Einstieg in ein Thema dienen – wenn du mit ihnen spielst, nicht selbst auf sie hereinfällst. Aber es ist unglaublich schwer, „witzig“ zu schreiben. Was als launiger Bericht über die modische Situation in der Stadt Almaty für deine Freunde lustig ist, kann als Text saublöd klingen.
Du solltest dir auch die Frage stellen: Sind diejenigen Leute interessant, die Klischees zu entsprechen scheinen, oder es sind es vielleicht gerade diejenigen, die davon abweichen?
Womit wir wieder bei der Besonderheit des Themas wären. Versuche nicht die Sachen fortzulassen, die nicht ins „Gesamtbild“ passen. Überraschungen machen einen Beitrag interessant.
Nils Fandrei
Copyright: To4ka-Treff
September 2011







