Online-Reaktion
Am 4. Februar haben sich die Einwohner Moskaus zu den Meetings für ehrliche Wahlen in Russland getroffen. Dieses Mal zog die Kolonne der Demonstranten vom Kaluzhskaja- zum Bolotnaja-Platz. Gleichzeitig konkurrierte ein Treffen der Putin-Befürworter mit offiziell 138.000 Teilnehmern am Park Pobedy mit den Kritikern der derzeitigen Machtelite. Der Antiwahlkampf wird dabei maßgeblich von den Veröffentlichungen im Internet gestützt. Während die Fernsehsender die Demonstrationen der Putin-Anhänger deutlich in den Vordergrund rücken, wird von den Onlinezeitungen ein umfassenderes Bild von beiden Ereignissen geliefert. Hier eine kleine Auswahl der populärsten russischen Onlinemedien und ihrer Berichterstattung zwischen Dezember und Februar.
Gazeta.ru
Schon während des ersten großen Meetings am 10. Dezember war Gazeta.ru ein wichtiger Kommentator der Ereignisse, wobei sich die Zeitung traditionell neutral präsentiert. Auch zum Treffen am 04. Februar gibt das Blatt ein sehr umfassendes Bild wider und legt die Meinungen aller Hauptakteure von Michail Prochorow bis zu Jabloko-Gründer Grigorij Jawlinski dar. Schon die Titel sind Mut machend: man werde nicht einfrieren und auch nicht vergeben. Das gleichzeitig stattfindende Treffen der Putin-Befürworter wird in einem eigenen Artikel behandelt und in seiner Sinnhaftigkeit kaum verschönt. So sei eine größere Teilnehmerzahl nur auf Druck ihrer Arbeitgeber angetreten. Andere Demonstranten äußern sich in ihren Interviews durchweg positiv zu Putins Agenda. 
Lenta.ru
Lenta.ru schreibt im Vergleich zu Gazeta.ru stets etwas weitreichender zu den tagespolitischen Themen und widmet ihnen zahlreiche Artikel. Der Blick fällt nicht zuletzt auch auf die Fernsehberichterstattung, die für Lenta.ru einen wichtigen Unterpunkt bei der Behandlung von gesellschaftlichen Ereignissen darzustellen scheint. Schon zum 10. Dezember 2011 wurde sehr ausführlich auf die Möglichkeit eingegangen, dass man auf NTV nicht über die Demonstration am Bolotnaja-Platz berichten würde bis hin zu der Drohung des Nachrichtensprechers Alexej Pivovarov, nicht auf Sendung zu gehen, wenn zu den Protesten nichts gesagt werden würde. 
KP.ru
Das Boulevardblatt KP berichtet überwiegend zu den antiorangenen Protesten der regierenden Partei. Dem Ereignis wurden am 04. Februar insgesamt vier Artikel, einschließlich des Headliners gewidmet. In einem Interview mit Putins Pressesprecher Dmitrij Peskov, äußert sich dieser verwundert über die Rücktrittsforderungen. Die Regierungskritik wird als Meinung der orangenen Minderheit ausgelegt. Die Veranstaltung am Bolotnaja-Platz bekommt bei KP eher eine negative Presse. Die Forderung nach ehrlichen Wahlen sei bereits vergessen worden, lautet der Titel des Headliners zum Thema. In Magadan seien mehr Journalisten anwesend gewesen, als Teilnehmer; in Vladivostok wurde das Meeting nach nur vierzig Minuten und Provokationen der Organisatoren aufgelöst. 
Vesti.ru
Auch wenn es sich bei dem Onlinefernsehsender Vesti.ru um ein staatliches Projekt handelt, finden die regierungskritischen Proteste durchaus ein Echo. Angeboten wird eine Chronik, welche den Ablauf der Ereignisse schildert, aber nur in geringem Maß auf die konkreten Forderungen eingeht. Immerhin wird vom Rücktritt Putins und der Annullierung der Wahlergebnisse gesprochen. Eine kritische Stimme zur Fernsehberichterstattung wird mit dem ehemaligen NTV-Moderator Leonid Parfenov aufgeboten. Die Ansicht der Edinaja-Rossija-Demonstration wird durchaus etwas breiter diskutiert. Neben einer ausführlichen Chronik über die antiorangene Aktion nimmt ein abschließender Bericht die Sichtweisen der Organisatoren unter die Lupe. Bereits im Titel ist die Sprache von einer Rekordzahl von 138.000 Teilnehmern. 
Vedomosti.ru
Die Onlinepräsenz gilt ja generell als eher kritisch und investigativ in der russischen Medienlandschaft, was allein mit der Finanzierung durch die britische Financial Times wie durch das Wall Street Journal zusammenhängt. Interessant war sicherlich die Veröffentlichung der neuen Putin-Doktrin zur Wirtschaftspolitik vom 30. Januar 2012. Hier schildert der Präsidentschaftskandidat und jetzige Ministerpräsident seine ökonomischen Vorhaben und inwieweit sich die Wirtschaftspolitik im globalen Wettbewerb öffnen müsse. Die Reaktionen sind aber durchweg niederschmetternd. Vedomosti lässt zahlreiche Wirtschaftsexperten, Doktoren und Rektoren zu Wort kommen, die Putins Ideen quasi in der Luft zerreißen. „Substanzlos“ und „verlogen“ sind die Worte, die man für den Text des Ministerpräsidenten findet. Die ursprüngliche Veröffentlichung des Artikels schien nur ein Ziel zu haben: ihn anschließend möglichst kritisch zu kommentieren. 
RIA.ru
Von Ria Novosti wären angesichts der Zugehörigkeit zum russischen Staat eigentlich kaum kritische Aussagen zu erwarten. Nichtsdestotrotz genießt die Nachrichtenagentur ein hohes Ansehen und veröffentlicht immerhin weitgehend neutrale Berichte. Der längste Bericht am 04. Februar 2012 fällt dennoch den Putin-Anhängern zu: mit zahlreichen Teilnehmerinterviews ausstaffiert spricht er von einem Verlangen nach Stabilität und vom Kampf gegen die orangenen Revolutionäre. Zum Meeting der Opposition fallen recht emotionslose, neutrale Worte. Einige Interviews zeigen die Einstellung der Teilnehmer, jedoch vermeidet man Losungen wie "Russland ohne Putin" abzudrucken. 
RBC.ru
RBC.ru stellt die Proteste weitgehend wertfrei dar, jedoch fällt ein starker Hang zur Erwähnung Michail Prochorows auf. Was zwischen 10. und 24. Dezember 2011 geschrieben wurde, bezieht sich im Vergleich zu anderen russischen Onlinemagazinen überdurchschnittlich oft auf den Herausforderer Putins und Haupteigentümer der Seite. So wurden mehrfach Artikel über seine Teilnahme an den Treffen, seine Meinung zu den laufenden Ereignissen und seine Präsidentschaftskandidatur veröffentlicht. Von der Demo am 24. Dezember auf dem Sacharow-Prospekt wird sogar ein volksnah in Szene gesetztes Spontan-Interview angeboten. 
Copyright: To4ka-Treff
Februar 2012















