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Copyright: fotoliaWie oft verwandeln sich die Social Media in ein Instrument politischer Wirkung? Auf der von der SPbGU unter Mithilfe des Goethe-Instituts organisierten Diskussion setzten sich Experten aus Weißrussland, Deutschland und Russland mit dieser Frage zusammen mit Studenten der journalistischen Fakultät auseinander.

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Wenn du anfängst, in den Social Media zu arbeiten, dann bist du niemandem bekannt, wie auf einer Party in einer fremden Stadt. Doch nach und nach beginnt eine allgemeine Geschichte der Bekanntschaft“, sagt der Journalist und Blogger Richard Gutjahr aus Deutschland. Für Massenmedien sind Twitter und Facebook eine alternative Informationsquelle, die auf der Arbeit unabkömmlich ist, oder eine Möglichkeit der interaktiven Unterhaltung mit den Lesern. Aber für den „Antijournalisten“ Wiktor Malischewski, dessen Blog im Jahr 2010 unter den Top-10 der besten russischsprachigen Blogs auftauchte, sind Social Media und unter anderem auch Blogs, ein Mittel um den Journalismus zu ändern. „Damit du verstehst, wie man Fragen stellt, muss man versuchen sie zu beantworten. Und ich versuche in meinem Blog den Journalisten eins auf die Nase zu geben, darüber zu schreiben, worüber sie schreiben müssen“, erklärt Malischewski. Das Spiel heißt: „Erwisch mich beim zitieren“. Dabei ist die Rolle des Internet-Mediums eine indirekte: Die Journalisten bemerken selbst nicht, wie sie die Fragen der Blogger und Fragen, die bereits in „Facebook“ oder „Twitter“ formuliert wurden, stellen. Wiktor nimmt sich nicht als einflussreicher Publizist wahr. „Wenn die Blogger kleine Schlachten gewinnen, dann zeigt das den Leuten, dass man etwas verändern kann“, sagt er. Der Humor im Blog von Malischewski - das ist für die Leute auch ein Grund zum Lachen - und zum Nachdenken.

Aus dem virtuellen Raum auf die Straße

„Die sozialen Netzwerke haben uns um tausende Jahre zurückgeworfen, als wir noch in Volksstämmen lebten. Jetzt sind wir mit dem Bedürfnis nach einer Gemeinschaft zufrieden, die mit Hilfe von „Gefällt mir“ und der Freundschaft zu seinem Stamm errichtet wird“, überlegt die Journalistin aus Moskau Nurija Fatychowa. „Im Dezember haben die Leute angefangen kleine weiße Bändchen an ihren Avataren zu befestigen und wir entdeckten, dass ein ganzer Stamm mit solchen Leuten existiert“, fügt die Journalistin hinzu. Die Welle der Meetings, die in den letzten Monaten durch Russland ging, ist in hohem Maße das Resultat einer erfolgreichen Organisation der Treffen in den sozialen Netzwerken. So geschah das auch in anderen Ländern: Aus den virtuellen Medien gingen diejenigen, die mit der politischen Situation im Lande unzufrieden waren, hinaus auf die vollkommen realen Plätze und Straßen. Nurija Fatychowa erzählt von ihrer Erfahrung: Indem sie einfach ein „Gefällt mir“ in der Gruppe „Für ehrliche Wahlen“ gesetzt hat, wurde die Journalistin zu einem Treffen mit Leuten eingeladen, die genauso denken. Während der lebendigen Unterhaltung kamen tausende Ideen auf - was kann man wie bei konkreten Aktionen machen. „Wir werden eine politische Kraft“, bemerkt die Journalistin.

Du bist Augenzeuge

Nurija Fatychowa und Richard Gutjahr, Foto: Tatjana Kokorina «Es kann keine solche Situation geben, dass im 21. Jahrhundert ein Regent mit einem Knopfdruck alle Gedanken und Willenskraft ausschaltet. Ich dachte: Wenn das Internet nicht funktioniert, dann werde ich Augenzeuge“, erinnert sich Richard Gutjahr. Auf dem Höhepunkt der arabischen Revolution führte der deutsche Journalist einige Tage lang eine Reportage in Kairo durch. Zum Teil deshalb, weil viele Korrespondenten in jenen Tagen nicht mal draußen auf der Straße waren, sondern sich einige Kilometer vom Tahrir-Platz entfernt befanden. Richard verdiente sich Anerkennung unter den Deutschen Lesern und wurde mit der Auszeichnung „Newcomer des Jahres 2011“ geehrt.

Sich nach Ägypten in solchen Bedingungen zu begeben ist eine rechtmäßige Entscheidung für einen Menschen, der die Journalisten dazu aufrief, ihre Journalistenausweise zu verbrennen, um sich aus der „Seifenblase“ zu befreien, die sie dabei stört, das Geschehen ohne Verzerrung wahrzunehmen. Wiktor Malischewski unterstützt darin den deutschen Blogger: „Ein Journalist, der einen Ausweis hat und eine Protestaktion beleuchtet, versteht nicht immer welche Gedanken der Mensch empfindet, der gerade dorthin geht. Deshalb sind auch Reportagen von Protestaktionen bei Bloggern interessanter und emotionaler als bei Journalisten“.

Dass sich durch eine ausgiebige Nutzung der Social Media jeder als Journalist erweisen kann, - in dem er zum Beispiel zum Augenzeugen von Ereignissen wird und darüber schreibt - beunruhigt die Experten nicht im Geringsten. Für Nurija Fatychowa bedeutet das nur, dass die Latte für Qualitätsjournalismus höher gelegt wird, während Richard Gutjahr meint, dass die Aufgabe eines Profis in diesem Fall darin besteht, Informationen zu überprüfen und ihre größtmögliche Ausbreitung zu gewähren.

Über Strafe ohne Verbrechen

Foto: Tatjana Kokorina«Und sobald bei mir ein Gefühl aufkommt, das mich erdrückt, höre ich einfach auf zu schreiben - denn das ist kein Bloggen“, teilt Wiktor Malischewski seine Erfahrung mit. Die Moderatorin der Diskussion - die Korrespondentin des Bayrischen Radios in Russland Pauline Tillmann - schlägt dem weißrussischen Blogger vor über die letzte europäische Diktatur zu reden, wie man Weißrussland manchmal nennt. Muss man in Wirklichkeit nicht Konsequenzen befürchten, wenn man für die Anstiftung zum Aufruhr in „Twitter“ (so geschehen in England) hinter Gitter geraten kann?

Die Experten sind sich sicher: Dieser Angst muss man sich nicht ergeben. Nurija Fatychowa sieht keinerlei Bedrohungen ihrer aktiven Tätigkeit in den Netzwerken: „Bei uns kannst du reden und schreiben über was du willst und musst dich nicht davor fürchten, dass hinter dem Rücken die Polizei auftaucht oder man dich nach Sibirien verbannt“. Der Blogger Malischewski, der sich auch nicht davor fürchtet, das zu schreiben was er will, hat seine eigene Richtlinie: „Gegen alles“. Unter seine kritische Feder kommen sowohl die Regierung als auch die Opposition. Natürlich ist der Blogger in jedem Falle gefährlicher als der Journalist: Über ihm gibt es keine Aufsicht.

Was hat den größeren Effekt?

Copyright: fotolia«Im Raum der Social Media ist der Journalist sein eigener Redakteur, er wählt selbst die Form, es ist ja kein Massenmedium“, sagt Nurija Fatychowa. Auf die Frage aus dem Saal: „Welche Beitragsform übt mehr Einfluss auf das Publikum aus: ein kurzer Tweet oder ein langer Eintrag im „LiveJournal“?» - jeder muss das selbst beantworten. Richard Gutjahr, der sowohl aktiv in dem einen wie auch in dem anderen Format schreibt (und sogar während der Diskussion Notizen in „Twitter“ hinterlässt), meint: „Twitter ist wie eine Kalaschnikow - schnell und hart“. Wiktor Malischewski fügte hinzu, dass ein Tweet sich als einflussreicher erweist, weil er mehr zitiert wird, aber sein Leben ist von kurzer Dauer. Dagegen lebt in den Blogs ein Beitrag bedeutend länger - bis zur nächsten Diskussion. Und gerade eine qualitative Unterhaltung bleibt ein Privileg der Blogs.

Die Social Media werden alle bedeutender in der heutigen Welt. Die personifizierten Social Media verwischen Grenzen und versprechen Gedanken der Freiheit. Und es scheint, dass diese neue Welt tatsächlich wundervoll ist.

Darina Gribowa, St.Petersburg

Übersetzung: Fabian Erlenmaier

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Mai 2012

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