Geheimnisvolle Interkulturalität
Deutsche Studenten über die Notwendigkeit Kommunikation zu lernenWie viele Worte sind schon über die Freundschaft der Völker, über die Notwendigkeit des Austausches von kulturellen Werten gesagt und wiederholt worden… und dazu noch dieser rätselhafte Begriff „interkulturelle Kommunikation“, über den alle sprechen ohne den Fachbegriff, irgendetwas entfernt mit Toleranz verbundenes zu meinen. Deutsche Studentinnen, die nach Tomsk gekommen sind um die die russische Sprache zu lernen, erzählen über die ersten Schwierigkeiten in Russland, was es für sie bedeutet „tolerant zu sein“ und warum es notwendig ist andere Länder kennenzulernen.

„Viele Deutsche denken über Sibirien, dass es dort immer dunkel, kalt ist … und es kein Essen gibt.“ erzählt Charlotte Schenk, Studentin der deutschen Universität Chemnitz. „fast jeder unserer Bekannten fragte: Um Gottes Willen, warum ausgerechnet nach Sibirien? Was habt ihr dort verloren? Bleibt hier, hier ist es warm und es scheint die Sonne.“ Aber Tomsk, stellte sich heraus, ist eine sehr schöne Stadt mit vielen Jugendlichen. Das gefällt mir.“
„Hier kümmern sich alle um uns“ schmunzelt ihre Freundin Amelie Stelzner.
Charlotte, Amelie und Anna Maryse Kremel sind nach Tomsk gekommen um Russisch zu lernen. Unter unseren neugierigen Blicken schreibt Charlotte sorgfältig russische Buchstaben auf ein Blatt: „У меня есть брат. Ему двадцать лет“ (Ich habe einen Bruder. Er ist 20 Jahre alt).
„ Bei nur einer Schwester sagt man auf Russisch „одна сестра“, bei mehreren „сестер “, stimmt’s? Bei nur einem Bruder „брат “, bei mehreren „братьев“? Klasse.“ schlussfolgert sie, nicht eine Minute vergessend Russisch zu üben.
Erster Stock und schicke Frauen
„Das erste, was uns in Russland sofort aufgefallen ist, waren die Wohnheime, in denen in einem Zimmer mehrere Personen wohnen. In Deutschland ist das anders, jeder kann einzeln in einem Zimmer wohnen. Das ist doch undenkbar – mit mehreren Personen in einem Zimmer zu wohnen. Für den Urlaub ist das in Ordnung. Und dennoch: in Deutschland ist es ungewöhnlich zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer zu wohnen“ sagt Anna Maryse. „Auch sehen hier die Frauen schick aus. Gute Schuhe, Schmuck … manchmal fühlen wir uns hier ganz wie …“ „Touristen“ ergänzt Amelie und die Mädchen lachen.Fast alles in Tomsk ist für die Studentinnen ungewohnt. Anna Maryse glaubt, dass wenn sie etwas länger in Russland leben, sie dann über tiefere Unterschiede in der Kultur sprechen können. Bis jetzt bemerken sie nur, dass zwischen Deutschen und Russen eine Vielzahl kleiner Unterschiede existiert. Manche davon gefallen ihnen sogar, z. B. dass der erste Stock in Russland auch erster Stock genannt wird und nicht wie in Deutschland Erdgeschoss, was in Russland der 0 Stock wäre.
„Kommunikation als Fachrichtung“
Zu Hause in Deutschland studieren die Mädchen Europastudien, Wirtschaftswissenschaften und interkulturelle Kommunikation – eine Fachrichtung, die ursprünglich in Deutschland entstanden ist.Anna Maryse schmunzelt. „Interkulturelle Kommunikation ist genau das, womit wir uns gerade beschäftigen. Ein Austausch von Kenntnissen über Ähnlichkeiten und Unterschiede in Kulturen. Ich denke, dass wenn wir nach Deutschland zurückkehren, wir viel mehr über Sibirien erzählen können. Ich würde sogar sagen, dass das ein Schritt zum besseren Verständnis zweier Kulturen sein wird.“
„Ich glaube, es geht hier auch um den Nutzen dieser Fachrichtung, nicht wahr? Im Grunde ist sie sehr wichtig, weil die Kommunikation zwischen den Ländern selbst schon einen Austausch an Erfahrungen hervorbringt. Vor allem können Studenten und Schüler, die diese Fachrichtung studieren, auf der ganzen Welt herumreisen, Sprachen lernen. Das ist doch super, oder nicht? Mir scheint, dass man „Interkulturelle Kommunikation“ als Fachrichtung anbieten sollte, denn sie ist die Lehre über unterschiedliche Nationen, über die Besonderheiten in der Kommunikation mit Vertretern verschiedener Länder. Zum Beispiel bereiten sich vor einem Treffenzwischen Japanern und Amerikanern beide Vertreter vor, bringen mehr über die Gewohnheiten des anderen in Erfahrung und kommunizierten ganz anders als erwartet.
„Fällt es euch selbst schwer mit Ausländern zu kommunizieren?“ „Das hängt davon ab, wie offen ein Mensch für den Kontakt ist. Das ist das wichtigste.“ antwortet Anna Maryse ohne groß zu überlegen, „Wenn die Person bereit ist zu kooperieren, dann ist es natürlich leichter. Aber wenn sie sich überhaupt nicht für die Kultur interessiert, in der sie sich befindet, dann ist es viel schwieriger einen Kontakt aufzubauen.“
Gute deutsche Dinge
Ein Streitpunkt ist die Erhaltung der eigenen Traditionen in einem fremden Land. Ist das notwendig?„Das Recht seine Gewohnheiten zu verteidigen hat Sinn, aber nur in den Fällen, wenn einem eine solche Notwendigkeit bewusst wird.“ sagt Charlotte. „Das heißt, wenn ich Deutsche bin, aber meine Familie mich nach Afrika bringt, dort jedoch weiterhin mit mir auf Deutsch spricht und bestimmte Bräuche befolgt, so verbindet mich das mit meinen Wurzeln, mit meinen Vorfahren. Andererseits nimmt ein Großteil der Emigranten in Deutschland vom Land nur die „guten deutschen Singe“, z. B. das deutsche Geld, die deutsche Arbeit, Infrastruktur … aber sie selbst sprechen weiterhin nur auf Türkisch und leben nur nach türkischen Gewohnheiten. Das ist absolut falsch.“
Das Fremde – das Richtige
Toleranz ist so ein trickreiches Wort, das jeder anders versteht. Duldsamkeit? Höflichkeit? Eigentlich bin ich tolerant, aber beimTreffen mit einem Ausländer empfinde ich etwas anderes. .. heißt das, dass hier schon von Toleranz keine Rede sein kann? Amelie und Charlotte denken lange über diese Definition nach.„Ich denke, Toleranz ist wenn du die Ereignisse in einer fremden Kultur nicht als etwas Falsches wahrnimmst. Wenn du zugibst, dass in jeder Kultur alles so ist, wie es sein soll. Wenn das was ich oder meine Familie, Freunde machen richtig ist, dann heißt das, dass das was Vertreter eines anderen Volkes machen, auch kein Fehler sein kann. Überhaupt ist das wirklich eine schwierige Frage.
„Und kann man einem Menschen beibringen tolerant zu sein? Und wenn ja: wie?“ Die Studentinnen gucken sich gegenseitig an. „Man muss sie für ein halbes Jahr in ein anderes Land schicken.“
Übersetung: Xenia Fix
Copyright: To4ka-Treff
Mai 2012













