„Abfälle sind Ressourcen“
Altpapiersammlungen, ein bis heute erhaltenes innovatives Erbe der Sowjetzeit, finden in Nowosibirsk immer stärkeren Anklang. Jedoch steht diese nachhaltige Initiative in der drittgrößten Stadt Russlands womöglich schon wieder vor ihrem Ende, da es dort keine Unternehmen gibt, die Altpapier verwerten.
Ein Kugelschreiber für fünf Kilo Altpapier
Frost und Sonne. Ein malerischer Wintertag – es ist der 21. Dezember, 13:30 Uhr. Nachdem ich altes Papier, Zeitungen, unnütze Bücher und Kartonverpackungen in einen großen Sack gefüllt habe, mache ich mich auf den Weg zu einer Altpapiersammelstelle im Sowjetski Rajon.Die Waage zeigt stolze 45 Kilo, für die ich neun Kugelschreiber erhalte – jeweils einen für fünf Kilo. „Toll! Kugelschreiber kann man immer brauchen“, freut sich eine alte Dame, die viel aktiver an der Sammlung teilnimmt als ich. Begeistert eilt sie nach Hause, um noch mehr Altpapier für die nächste Sammlung zusammenzutragen.
Doch womöglich gibt es gar keine nächste Sammlung. In Nowoaltaisk wurde nämlich das örtliche Karton- und Ruberoidwerk, das für die Verarbeitung des Altpapiers von Nowosibirsk zuständig war, geschlossen.
„Die Großstadt Nowosibirsk war völlig abhängig von dem Unternehmen der anderen Stadt und jetzt wurde uns die Möglichkeit, unser unsortiertes Altpapier zu recyceln, komplett genommen. Eine Stadt, in der knapp zwei Millionen Menschen leben, hat ihr eigenes Recycling-Netzwerk verdient, vor allem angesichts der Tatsache, dass es bereits viele verschiedene und auch rentable Technologien in diesem Bereich gibt,“ erzählt Elena Dubynina, eine bekannte Nowosibirsker Ökologin und Mitarbeiterin des „Sibirian Environmental Centers“. Jedoch müssen für die Erstellung eines Sammel- und Recycling-Netzwerks noch entsprechende Gesetze verabschiedet werden. „In unserer Stadt werden bereits riesige Recycling-Werke gebaut, die dann auch für die Sortierung des Mülls zuständig sind. Jedoch ist das ein sehr unbeständiger Bereich, in dem es auch noch viele strenge Auflagen gibt“, fügt Elena hinzu.

Ökologen planen in nächster Zeit eine Meinungsumfrage zum Thema Altpapiersammlung durchzuführen und die Ergebnisse dann der städtischen Administration, der Stadtverwaltung und den Unternehmensvertretern vorzulegen.
Doch es gibt bereits Unternehmen, die in ihrer Produktion recycelte Materialen verwerten. Bevorzugt arbeiten diese Firmen mit Druckereien zusammen und kaufen ihnen Papierschnitzel ab, da diese nicht mehr gereinigt werden müssen und kein Blei enthalten.
Altpapier zu kaufen, beschloss jedoch lediglich ein Unternehmen, „Syrewaja alternatiwa“ (Rohstoffalternative), welches das Papier in den europäischen Teil Russlands transportieren lässt, damit es dort recycelt wird. Im städtischen Recycling-Werk Nr. 2 liegen dahingegen Tonnen von Altpapier herum, die nirgendwohin transportiert werden.
„Die Menschen sind dazu bereit, ihr Altpapier abzugeben“
Es ist 13:55 Uhr. Die Sammelstellen haben nur noch bis 14 Uhr offen. „Wir schließen bald“, meint eine Mitarbeiterin. Doch die Leitende antwortet enttäuschend: „Wozu die Eile? Erinnerst du dich etwa nicht mehr? Letztes Jahr konnte man noch bis 17 Uhr Altpapier bei uns abgeben!“
Die Altpapiersammelaktion, die der Fond „Akademgorodok“ (Akademisches Städtchen) gemeinsam mit anderen Organisationen gestartet hat, ist bereits die vierte ihrer Art.
Das Sammeln von Altpapier wird allmählich für die ältere Generation zur Gewohnheit und für die Jugend zu einem Modetrend. Wie sonst kann erklärt werden, dass unzählige Sammler ihr altes Papier zur Sammelstelle in die Studentenstadt der Nowosibirsker Staatlichen Universität bringen? In nur einem halben Tag brachten die Bewohner des Rajons über 16 Tonnen Altpapier zur Sammelstelle, wo übrigens nur die kühnsten Mitarbeiter tätig sind – einer nach dem anderen sucht in dem nahegelegenen Studentenheim Unterschlupf, um sich aufwärmen zu können.
Aleksandra Sajzewa, die Chefredakteurin der Zeitschrift Academ.Info, hat ihr Redaktionsteam zur Sammelstelle mitgebracht: „Ich habe immer schon Altpapier gesammelt, da ich zehn Jahre eine Schule mit dem Schwerpunkt „Ökologie und Dialektik“ besucht habe. Das hat mich sehr geprägt.“

Zu den Sammelstellen kommen auch viele Studierende, was ein gutes Zeichen ist. Sie begreifen, dass es notwendig ist, Müll zu sortieren: „Ich muss zugeben, dass sich in letzter Zeit alles radikal verändert hat. Jetzt haben wir die Möglichkeit unseren Müll abzugeben. Früher, also vor fünf Jahren, konnte man das nicht. Doch bald wird es das nicht mehr geben, was aber nicht an den Menschen hier liegt. Wir sind dazu bereit, unsere alten Zeitungen zu den Sammelstellen zu bringen. Es liegt an unserer Industrie. Sie ist so organisiert, dass es für sie einfacher ist, ganze Wälder abzuholzen, anstatt Altpapier wiederzuverwenden“, erklärt Aleksandra.
„Abfälle sind Ressourcen“
Anna Polkownikowa, eine Studentin aus Nowosibirsk, die das Presse-Zentrum „Selenaja planeta“ (Grüner Planet) leitet, hat letztes Jahr eine Altpapiersammlung in ihrer Schule organisiert: „Das Projekt, das wir „Geben wir dem Papier ein neues Leben“ nannten, organisierte ich zusammen mit den Mitarbeitern der Bibliothek. Wir sammelten zirka 3000 Tonnen Altpapier und erhielten dafür 4000 Rubel. Wir hängten auch regelmäßig eine Liste aus, auf der stand, wer am meisten Papier und alte Bücher abgegeben hatte. Diese Aktion erfreute sich großer Beliebtheit“, erzählt Anna. „Und das Erstaunliche dabei ist, dass die Menschen bis heute ihr Altpapier zu uns bringen.“
Vor einigen Jahren rief auch die Firma MEGA-Nowosibirsk eine tolle Initiative ins Leben: Damals erhielt man für fünf Kilo Altpapier Gutscheine, die man gegen Preise wie Batterien und Toilettenpapier eintauschen konnte. Jene, die am meisten Altpapier abgaben, konnten sogar Hauptpreise gewinnen. Ewgeni Iwanow, der PR-Manager der Firma MEGA-Nowosibirsk, erzählt, dass sie damals in nur zwei Monaten 75 Tonnen Altpapier sammeln und dadurch 375 Bäume vor ihrer Abholzung retten konnten. „Das gesammelte Altpapier wurde recycelt und in der Herstellung von Karton, Servietten, Toiletten- und Verpackungspapier wiederverwendet.“

Ähnliche Aktionen finden auch in Krasnojarsk, Abakan und Irkutsk statt. Laut Elena Dubynina gibt es bereits viele Menschen, die dazu bereit sind, ihren Müll zu sortieren. Man muss nur noch Recycling-Werke errichten, was nicht so schwer sein dürfte. „Es ist an der Zeit zu erkennen, dass unsere Rohstoffe begrenzt sind, dass wir mit ihnen nicht so verschwenderisch umgehen dürfen. Und was unsere Abfälle betrifft, so sind diese auch Ressourcen. Wenn wir sie schon erzeugen, dann müssen wird für sie auch die Verantwortung tragen. Wir dürfen unser Geld nicht einfach sinnlos verprassen, denn auch Abfälle sind Geld. Außerdem dürfen wir unseren Kindern keine tickende Zeitbombe hinterlassen. Denn eben sie müssen dann für unsere Fehler die Konsequenzen tragen“, mahnt die Ökologin.
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Februar 2012











