Lieblingsmärchen der Brüder Grimm
Wir alle erinnern uns an jene Stunden der Kindheit, in denen uns ältere Geschwister, unsere Eltern oder Großeltern Erstaunliches, Gruseliges, Lustiges und Trauriges aus fernen und gleichzeitig auch nahen Märchenwelten erzählten. In Deutschland sind es vor allem die von den Gebrüdern Grimm gesammelten Märchen, die einen festen Platz in der Erzähltradition einer jeden Familien haben. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung der „Grimmschen Kinder – und Hausmärchen“ haben wir uns für Euch umgehört, welchen Stellenwert die Märchen der Gebrüder Grimm heute haben.
Charlotte Iwaniuk, 30, Fotografin
Natürlich weiß ich noch, wie uns im Kindergarten und in der Schule die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen oder auch als Hörspiele von Kassette vorgespielt wurden. Allerdings kann ich die positiven Erinnerungen, die diese Märchen bei den meisten Leuten wecken, überhaupt nicht teilen: Ob nun „Froschkönig“, „Rotkäppchen“ oder „Hänsel und Gretel“ - wohin man auch sieht, überall nur Schrecken, Grausamkeit und Gewalt. Natürlich ist das nur meine persönliche Meinung, aber ich frage mich wirklich, ob diese Geschichten bei Kindern nicht vielleicht mehr Schaden anrichten als dass sie Gutes tun. In meinem Bekanntenkreis haben wir schon oft darüber diskutiert und ich bin bei Weitem nicht die einzige, die den Grimmschen Märchen kritisch gegenübersteht. Am ehesten gefällt mir noch das Märchen vom Gestiefelten Kater, der durch List und Klugheit den bösen Zauberer bezwingt.
Christoph Sydow, 28, Journalist
Mein Lieblingsmärchen der Gebrüder Grimm ist das „Märchen vom Fischer und seiner Frau“. In ihm geht es um einen armen Fischer, einen verzauberten Prinzen, der als sprechender Fisch auftritt, und um die Frau des Fischers, die in ihren Wünschen immer maßloser wird. Da die gierige Fischersfrau nicht genug bekommen kann, steht sie am Ende der Geschichte wieder mit leeren Händen da. Einerseits mag ich die Moral des Märchens, die den Kindern die Bedeutung von Bescheidenheit und Genügsamkeit vor Augen führt. Auf der anderen Seite mag ich den besonderen, norddeutschen Dialekt, in dem das Märchen geschrieben ist – eigentlich heißt es ja auch „Van den Fischer und siine Fru“.
Andreas Weiß, 27, Student
Werk und Schaffen der Gebrüder Grimm sind ganz klar fester Bestandteil des deutschen kulturellen Erbes, wobei ich in erster Linie aber an das 32-bändige Deutsche Wörterbuch denke, das von den Grimm-Brüdern ab 1838 herausgegeben wurde und erst 1961, also lange nach ihrem Tod, vollendet wurde. Im Werk der Gebrüder Grimm gehört der wichtigste Platz meiner Meinung nach diesem umfangreichen Wörterbuch, neben dem die Märchensammlung doch ziemlich bescheiden aussieht, oder? Zugegeben, ich fand die Grimmschen Märchen zwar immer schön, aber mein eigentlicher Favorit sind eindeutig die Geschichten von Mark Twain über Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Robert Chatterjee, 29, Journalist
„Sechse kommen durch die Welt“ ist ganz eindeutig mein Favorit unter den Märchen der Gebrüder Grimm, wobei ich als Kind besonders von der 70er-Jahre-Verfilmung durch die DEFA, in der DDR war das das Äquivalent zu „Lenfilm“, begeistert war – ein echter Klassiker, wenn Ihr mich fragt. Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Es geht um sechs Kameraden, von denen jeder eine außergewöhnliche Gabe besitzt. Einer der Kameraden läuft schneller als der Wind, ein anderer trifft mit dem Gewehr noch aus kilometerweiter Entfernung, der nächste kann unheimlich schwere Dinge tragen. Die Kameraden geraten in einen Wettstreit mit der Tochter des geizigen, undankbaren Königs und kommen beinahe in einer eisernen Hitzekammer zu Tode. Doch einer der sechs Kameraden versteht sich darauf, durch eine Handbewegung den Winter einziehen zu lassen, so dass der Wettstreit gewonnen und am Schluss alles Gold des bösen Königs weggetragen wird. Dieses Märchen ist eines der unterhaltsamsten und spannendsten aus der Grimmschen Märchensammlung – ständig passiert etwas Unerwartetes, als Kind habe ich immer bis zum Ende mitgefiebert.
Niko Kadjaja, 28, Redakteur
Zur Zeit baue ich mit Freunden ein Unternehmen auf und bin oft im Stress. In Momenten der Anspannung rufe ich mir gerne das Märchen vom Hans im Glück ins Gedächtnis: Hans wird nach vielen Jahren der Arbeit mit einem Goldklumpen entlohnt. Weil er mit dem Gold nichts anzufangen weiß, tauscht er es erst gegen ein Pferd, das Pferd dann gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein und so weiter, bis er am Ende statt des Goldes nur noch einen Stein besitzt. Den Stein schmeißt er dann in einen Brunnen, so dass er am Ende wieder ganz arm ist. Wahres Glück hängt nicht vom Reichtum ab – das ist für mich eine wichtige Einsicht!
Benjamin Lorenz, 27, Berlin
Copyright: To4ka-Treff
Februar 2013













