Sprachführer

i-Apfel statt Apple

© Niklas Schenck In Zentralasien verliert die russische Sprache immer mehr an Bedeutung. Vier Jugendliche aus Zentralasien über ihre Beziehung zum heimischen Zungenschlag.

Rawshan Jormatow, 19, Duschanbe, Tadschikistan 

© Niklas Schenck Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat Tadschikistan mittlerweile alles: Unabhängigkeit, Grenzen, eine eigene Flagge und eine eigene Sprache. Die ist schon ziemlich alt. Früher haben wir arabische Buchstaben gehabt, während der Sowjetunion wurde alles auf Kyrillisch umgestellt.

In unserer Sprache fehlen noch viele moderne Wörter, zum Beispiel in der Medizin, in Politik und Technik. Deshalb müssen wir neue Wörter erfinden. Und manchmal sind wir dabei ein bisschen zu eifrig... Überall in der Welt heißt die Computermarke Apple zum Beispiel einfach nur Apple, nur bei uns wird er übersetzt: Айсеб – i-Apfel.

Inzwischen haben wir schon viele moderne Wörter auf Tadschikisch, aber in der Umgangssprache, vor allem in den Städten, benutzt man sie selten. Ins Ausland fliegen wir immer noch mit dem russischen „Самолет“ und nicht mit dem tadschikischen „Тайера“. Und zur Bushaltestelle sagen wir das russische Wort „Остановка“ und nur manchmal das tadschikische Wort „Истгох“.

Übrigens: Zu Hause mit meinen Eltern spreche ich vor allem auf Usbekisch, denn wir haben usbekische Wurzeln. Das kommt zu dem ganzen Sprachgemisch also auch noch dazu. Mir macht das Spaß / Я очень рад/ Ман хеле хурсанд хастам /Мен жудахам хурсандман !

Ilja Sokolow, 22 Jahre, Astana, Kasachstan 

© Niklas Schenck Meine Muttersprache ist Russisch. Kasachisch habe ich in der Schule und an der Uni gelernt, aber diese Sprache liegt mir nicht. Ich weiß nicht, ob ich hier studiert hätte, wenn es an der Universität nur Kurse auf Kasachisch gegeben hätte. Falls ich einmal Probleme mit der Sprache bekommen sollte, würde ich in ein anderes Land umziehen. Aber dann wäre da natürlich die Frage, wo überhaupt meine Heimat ist…

Mein Vater hat im Innenministerium gearbeitet. Er spricht auch vor allem Russisch, musste dann aber Kasachisch lernen, weil in Zukunft alle Dokumente auf Kasachisch sein sollen. Er hat einen kostenlosen Kurs in seiner Arbeitszeit zusammen mit seinen Kollegen besucht.

Meiner Meinung nach könnte die kasachische Sprache eine internationale Rolle spielen, zumindest in den zentralasiatischen Staaten. Aber dafür muss sie zuerst in Kasachstan wichtig sein. Das Problem dabei: Die Sprache darf nicht dazu führen, dass Leute aus Kasachstan auswandern, weil sie kein Kasachisch sprechen. Sonst verlieren wir wichtige Fachkräfte. Wie das Problem mit der Staatssprache gelöst werden soll, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass jeder zumindest Grundkenntnisse in Kasachisch haben sollte.

Maruf Eshpulotov, 18, Samarkand, Usbekistan 

© Niklas Schenck Es gibt zwei sehr bekannte Musiker: Sogdijana und Schachsoda. Sie gefallen mir sehr. Ihre Texte sind auf Usbekisch, aber eigentlich können sie nur Russisch sprechen. Auf Konzerten reden sie zum Beispiel mit ihren Fans auf Russisch. Das finde nicht so gut, denn die meisten können nicht besonders gut Russisch. Ich auch nicht. Usbekisch ist meine Muttersprache. Russisch ist für mich eine Fremdsprache, so wie Deutsch oder Englisch. Ich zum Beispiel spreche besser Deutsch als Russisch. Meine Eltern dagegen können fließend Russisch.

Ich bin sehr froh, dass ich seit meiner Geburt Usbekisch lerne und mit lateinischen Buchstaben schreiben kann. Denn so muss ich mich nicht erst an eine neue Schrift gewöhnen, wenn ich eine neue Sprache lernen will – wie Deutsch. Auch meine Eltern können die Schrift inzwischen gut lesen. Aber leider gibt es in Usbekistan Leute, die lateinische Buchstaben nicht so gut lesen können. Das ist vor allem für die älteren Leute schwierig, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Aber die jungen Usbeken sind stolz auf ihre Sprache und ihre Buchstaben – wie ich.

Timur Bandishoev, 32, Duschanbe, Tadschikistan 

© Niklas Schenck Tag für Tag wird die russische Sprache in Tadschikistan auf den zweiten Platz verdrängt. Das muss so sein, weil ein unabhängiges Land seine eigene Staatssprache haben muss. Für mich ist das aber nicht so einfach: Ich spreche nämlich kein Tadschikisch, denn meine Ausbildung habe ich noch während der Sowjetunion gemacht, auf Russisch. Als die Unabhängigkeit kam, war ich schon erwachsen – Tadschikisch habe ich also nie wirklich gelernt. Am Anfang war das kein Problem, mit Russisch konnte man alles machen. Aber seit ein paar Jahren habe ich wirklich Probleme. Zum Beispiel hat ein Radiosender einen Reporter gesucht, und ich hatte ein Vorstellungsgespräch. Aber sie haben mich nicht genommen, weil ich kein Tadschikisch spreche. Auch eine zweite Stelle, beim Fernsehen, habe ich nicht bekommen, weil in meinem Lebenslauf das Tadschikische fehlt. Zum Glück spricht meine Frau aber sehr gut Tadschikisch - sie hilft mir beim Übersetzen von Dokumenten.

Autoren: Ilja Sokolow, Maruf Eshpulotov, Timur Bandishoev und Rawshan Jormatow

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Januar 2012

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