Fest aus der Vergangenheit

Nostalgie nach Unzerstörbarem. Papa rasiert sich mit dem brummenden Elektrorasierer. Mama nimmt aus dem Briefkasten die „Smena“, den „Juny Naturalist“ und die „Vesely kartinki“. Im Zimmer spielt ein Plattenspieler eine Schallplatte ab… Nach dieser Vergangenheit sehnen sich viele Ukrainer. Doch die Nostalgie nach der UdSSR bedeutet mehr als nur Einkaufsnetzte und Tscheburaschka mit Gena. Man denkt an diese Zeit zurück, wie man an das reale Beispiel der Stabilität und Sicherheit des morgigen Tages denkt.
Wodka durch die „Hintertür“

Das erste, woran sich die Ukrainer aus dem sowjetischen Leben erinnern, sind die erschwinglichen Warenpreise. Für ein paar Kopeken konnte man sowohl günstig essen, als auch unbedingt nötige Waren kaufen. „Gewöhnlich mochte ich es zum Mittagessen in der Kantine ein Glas mit Smetana zu kaufen“, sagt der 57-jährige Juri Mamenko. „Sie war billig, aber so lecker!“
Die Produkte wurden gemäß dem staatlichen Standard GOST hergestellt. Man konnte ohne weiteres eine genießbare Ware erwerben und musste keine Zeit verschwenden, um die Zutaten auf dem Etikett zu studieren. Es gab keinen Überfluss von Nahrungszusätzen und Farbstoffen. Eine Wurst wurde - so wie es auch sein sollte - aus Fleisch hergestellt und nicht aus irgendetwas Ähnlichem. Richtig ist, dass die Ladenregale oft leerstanden und vieles unter der Ladentheke verkauft wurde. „Eine Schachtel Konfekt und eine Flasche Wodka waren unmöglich aufzufinden“, erzählt die 54-jährige Galina Gorban. „Zu den Feiertagen haben wir eine solche Ware durch eine Bekannte besorgt, eine Freundin, die in einem Laden arbeitete. Solche „Hintertüren“ halfen auch anderen aus der Patsche.“
Daran erinnert sich die Frau mit einem Lächeln, als sei es ein fröhliches Abenteuer gewesen.
Das Wichtigste, was einem die UdSSR gab, war Sicherheit für die Zukunft. Gewährleistet wurde dies durch stabile Löhne, auch wenn diese niedrig waren. „Die Zahlung an die Wohnbaugesellschaften überstiegen keine 50% vom Minimallohn“, sagt die 48-jährige Irina Drobotenko. „Man konnte sie immer bezahlen und musste dabei keine Not leiden!“.
Fleisch unter dem Pelz
Die offenen Grenzen in den Sowjetrepubliken erlaubten es, sich tatsächlich frei zu fühlen. Manche reisten in die DDR aus, um zu arbeiten, während sich dort die sowjetischen Truppen befanden. „Ich habe etwa zwei Jahre in Deutschland als Krankenschwester gearbeitet“, erinnert sich Galina. „Zum ersten Mal habe ich dort Pampers und Steckkissen für Babys gesehen. In der Ukraine gab es so etwas noch nicht. Der Stoff für Kinderkleidung fühlte sich angenehm an. Das war ungewöhnlich für uns. Doch qualitätsmäßig waren die sowjetischen Sachen den Importen nicht unterlegen.“
Die gesamte Produktion in der Sowjetunion wurde selbst durchgeführt. Fabriken und Kolchosen arbeiteten aktiv. Die heimischen Werktätigen und Arbeiter wurden so besungen und gepriesen, wie man konnte. Der Sowjetmensch wurde stets mit willensstarken Gesichtszügen abgebildet. Das war ein nachahmenswertes Beispiel: der nichttrinkende Arbeitsmensch mit seinen festen moralischen Prinzipien. Die Leute hat das aber allgemein nicht davon abgebracht, sie selbst zu sein. Zum Beispiel wurde von Zeit zu Zeit gepfuscht oder am Arbeitsplatz geklaut. An den Eingangsportalen der Fleischfabriken wurden Fleischstücke unterm Pelzmantel herausgetragen, die am Gürtel festgebunden waren. Danach wurden sie erfolgreich an Freunde und Bekannte verkauft.
Doch jetzt sind viele ukrainische Fabriken geschlossen. Unter ihnen auch diejenigen, die für die ganze Sowjetunion von Bedeutung waren. „Stellen Sie sich vor, allein die Fabrik in meiner Provinzstadt produzierte Berge an Wachs für die ganze Sowjetunion!“, lächelt Galina. „Jeder arbeitete und wusste, dass er einen Teil seiner Arbeit in die Entwicklung des Landes hineinsteckt.“
„Budget“-Zeit
Die kommunistische Partei hatte ihre „Kultur“ und Lebensprinzipien eingebürgert. Die kleinen Oktobristen, die Pioniere und dann der Komsomol… Alle Studenten wurden aus dem staatlichen Budget finanziert und konnten ungehindert ihrem Fach nachgehen. Damit kamen keinerlei Schwierigkeiten auf. Nach dem Ende des Studiums versuchten dann manche sich mit voller Kraft gegen die Arbeitszuteilung zu wehren. Sich weigern war jedoch nicht erlaubt: Jeder Absolvent musste 3 Jahre abarbeiten. Dabei konnte man in jeden Winkel der UdSSR geschickt werden, was nicht immer mit den Plänen der Studenten vereinbar war. Doch Arbeitslosigkeit war nicht gestattet. „Während man früher die Nichts-Tuer verfolgte und sie „gebrandmarkt“ hat, pfeift die Regierung heutzutage auf alle“, meint Galina Gorban.
Die Arbeiter bekamen eine Wohnung im Wohnheim. Für die Kinder gab es, angeschlossen an die Fabriken und Unternehmen, Horte zu erschwinglichen Preisen und mit guter Ernährung. Die Ordnung wurde dabei stets beibehalten. Der öffentliche Transport funktionierte gut, es gab keine Staus auf den Straßen. Und natürlich waren praktisch alle Informationen aufschlussreich, selbst das Minimum an Werbung. Für die Erwachsenen gab es morgendliche Gymnastik und intellektuelle Sendungen, die Allerkleinsten bekamen Zeichentrickfilme mit einer Moral und „Spokojnoj notschi, malysch!“. Und an die Olympiade der 80er Jahre mit dem ergreifenden Himmelsflug des olympischen Teddybären erinnert man sich bis heute.
Aus dieser Zeit blieben auch die Demonstrationen am 1. Mai. Die Menschen liefen in Scharen zu Musik mit Luftballons in den Armen durch die Straße. „Nur damals gab es die Wahrnehmung eines wirklichen Fests“, erinnert sich Juri. „Danach hab ich etwas Ähnliches nicht mehr empfunden.“
Journalistin aus die Ukraine
Übersetzung: Fabian Erlenmaier
Copyright: To4ka-Treff
Dezember 2011













