Demokratie 2.0

„Entschuldigung, sprechen Sie Technik?”

Um das Internet kommt niemand mehr herum, weder im Alltag, noch in der Politik. Aber oft sprechen Netzpolitiker eine ganz eigene Sprache – warum ist es so schwierig, sie zu verstehen? Und warum ist es wichtig?

© By Leena Snidate / Codenomicon (http://heartbleed.com/heartbleed.svg) [CC0], via Wikimedia Commons

Iswienietje Poschalusta? Entschuldigung bitte, ich verstehe kein Wort. Veronika und Dascha aus St. Petersburg sitzen mir gegenüber. Veronika gestikuliert wild und redet aufgeregt von „Uglowaja Podatscha” und “Scholtaja Kartotschka”. Ich kann zwar Schwedisch, Japanisch, Französisch und noch eine Handvoll anderer Sprachen, aber Russisch bleibt mir ein Rätsel. Ein Glück, dass Viktoria mir erklärt worum es geht – das Spiel zwischen Bayern München und Real Madrid am Vorabend. Ach so.

Ähnlich ratlos waren andere Menschen wohl, als sie davon hörten, wie vom „GitCommit für den Heartbleed Bug bei OpenSSL” geredet wurde. Während Programmierer und Systemadministratoren laut dazu aufriefen, sämtliche Passwörter zu ändern, wurden die meisten Internetnutzer ähnlich stumm wie ich, wenn um mich herum Russisch gesprochen wird. Keiner verstand so genau, was es mit diesen Begriffen auf sich hat oder warum das Thema unsere Datensicherheit direkt berührt (kleinerdrei.org). Ganz offensichtlich braucht auch „das Internet” einen Dolmetscher.

Wer sich viel mit Technik beschäftigt, wirkt auf andere oft so, als würde er eine Fremdsprache benutzen. An sich nichts Ungewöhnliches, schließlich hat jeder wissenschaftliche Bereich seine eigenen Fachbegriffe – wer sich nicht gründlich in die Materie eingearbeitet hat, versteht so viel wie ich von einem Gespräch auf Russisch.

Und wenn unsere Politiker einfach Russisch reden würden?

Dass ich bestimmte Fremdsprachen nicht spreche, ist in unserer Demokratie aber kein Problem. Unverständnis technischer Themen hingegen kann dazu führen, dass politische Diskussionen unter Ausschluss der Betroffenen stattfinden. Denn die Internetnutzung ist längst integraler Bestand unseres Alltags geworden: Studierende nutzen Wikipedia, um ihre Präsentationen vorzubereiten, Liebende flirten über Facebook Messenger und jeder, der Onlinebanking benutzt, verschickt sämtliche Informationen, mit denen man Beträge im sechsstelligen Bereich von seinem Konto abbuchen könnte, verschlüsselt über das Internet.

Begriffe wie „ACTA” oder „Netzneutralität” schafften es in den vergangenen Jahren bis in die deutschen Mainstreammedien. Doch dass diese Themen viel diskutiert werden, heißt noch lange nicht, dass auch alle die Diskussion verstehen. Aber wie sollen die Wählerinnen sich dann zu diesen Themen eine Meinung bilden und entscheiden, wen sie in den Bundestag und das Europaparlament wählen wollen? Woher sollen sie wissen, ob sie den Netzneutralitätsentwurf der Grünen oder den der CDU besser finden, wenn es am technischen Verständnis hapert?

Es gibt also einige Vokabeln zu lernen, um eine Unterhaltung zu führen. Die Europapolitikerin der Piratenpartei Julia Reda gibt sich viel Mühe, Netzthemen herunter zu brechen und Menschen zu erklären, warum sie diese Themen für wichtig hält. Trotzdem stößt sie immer wieder auf das gleiche Problem: „Wenn wir Netzpolitik machen, befinden wir uns oft noch auf der erklärenden Ebene und können nicht richtig diskutieren. Ich denke, wir müssten vielen Leuten die Angst vor technischen Themen nehmen und die Vermittlung technischer Grundlagen in unser Bildungssystem integrieren – egal, ob ich jetzt Politik oder Informatik studiere.“

Comics und Videos als Übersetzungshilfen

Ein Wissenschaftler, der sich mit diesem Vermittlungsproblem zwischen Technik und Medien beschäftigt, ist Caspar Mierau. Er sieht das Problem nicht primär beim fehlenden Wissen der Leserschaft, sondern hält manche Kanäle schlicht für inkompatibel: „Netzpolitik lässt sich im Fernsehen kaum darstellen. Dort wird zu jeder Information ein Bild benötigt – bei Internetthemen lenken diese Symbolbilder aber oft ab.“ Lachend erzählt Mierau, dass er die immer gleichen Aufnahmen eines Bildschirmes, der sich in der Sonnenbrille eines vermeintlichen Hackers im Kapuzenpulli spiegelt, nicht mehr sehen könne.

Diese Schwierigkeit, technische Zusammenhänge mit dem Massenmedium Fernsehen darzustellen, hat jedoch zum Erstarken alter Formate wie Radio und der Entdeckung neuer Vermittlungsformen geführt – zum Beispiel interaktive Grafiken oder kurze Comics (xkcd.com). Viel Potential für netzpolitische Dolmetscher steckt auf Youtube: Viele Youtuber sind es gewohnt, Themen für ein großes Publikum und möglichst einprägsam, aber gleichzeitig in möglichst kurzer Zeit aufzubereiten. Ein Beispiel für so eine erfolgreiche Kooperation ist ein Video des Nutzers manniac, mit dem er in zehn Minuten sein Verständnis eines Überwachungsstaates erklärt (Überwachungsstaat - Was ist das?).

Und genau so kann Übersetzungsarbeit auch bei technischen Themen funktionieren. Aus Interesse fragte ich auch auf dem to4ka-Workshop einmal nach, wer denn schon einmal vom Heartbleed Bug gehört hatte. Die Antwort: vier von zwölf Teilnehmern. So setzten wir uns nach unserer ersten Redaktionskonferenz einmal zusammen in die Küche und ich erklärte so gut wie möglich das Problem und warum jetzt alle ihre Passwörter ändern sollten. Und mit etwas Zeit und Geduld für Nachfragen hatten am Ende auch alle das Gefühl, endlich verstanden zu haben, was passiert war. Vielleicht würde das auch bei der Netzpolitik helfen: Interesse, Geduld und etwas Kaffee.
Katharin Tai, 20, aus Le Havre ist fremdsprachenbegeistert und übersetzt auch bei Technikkongressen.

Copyright: To4ka-Treff
Juni 2014
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