Flucht

Flucht nach vorne: Junge Chinesen in der Welt verstreut

© Jon Wick, CC-BY 2.0Noch vor 60 Jahren flohen Menschen aus China – unfreiwillig, aus Kriegsgründen. Nur zwei Generationen später ist es unter jungen Leuten zur Mode geworden ins Ausland zu gehen. Manche kommen zurück, doch viele bleiben weg.


Die 27-jährige Kuratorin und Journalistin Jiajia Wang bewegt sich selbstbewusst durch Paris. Sie spricht fließend Französisch, kleidet sich elegant, wie es in der Stadt üblich ist, hat an einer des besten französischen Universitäten studiert und ist mit einem Diplomaten verheiratet – wenn es ein Musterbeispiel guter Integration gibt, dann sie. Gleichzeitig ist sie auch ein Musterbeispiel für eine moderne Gruppe junger Chinesen, die zunehmend ins Ausland gehen.

Was sie lockt, sind die guten Universitäten, Arbeits- und Lebensbedingungen in Europa und Amerika. Sie „fliehen“ nicht aus ihrem Heimatland China – es ist eher eine Flucht nach vorne, auf der Suche nach den besten Jobs und oft auch dem höchsten Gehalt.

© Jon Wick, CC-BY 2.0
China boomt, aber vielen jungen Leuten reicht das nicht, Europa lockt.

Über 400.000 verlassen China jährlich

Den verschiedenen Ländern sind dabei klare Rollen zugeordnet: „Wer sich für Kunst und Kultur interessiert, kommt nach Europa, wer wirklich Geld verdienen und Wirtschaft studieren möchte, geht nach Amerika. Für naturwissenschaftliche Fächer ist England der erste Anlaufpunkt”, erklärt der junge Chinese Lei Xu, der selbst in Frankreich Literatur studiert.

Besonders in den letzten zehn Jahren ist die Zahl junger Chinesen, die ins Ausland gehen, konstant gestiegen und liegt nun bei über 400.000 pro Jahr. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie im Ausland bleiben: Auch auf dem chinesischen, hart umkämpften Arbeitsmarkt ist der Abschluss einer amerikanischen oder britischen Top-Uni viel wert.

Die chinesische Regierung macht sich trotzdem Sorgen über diesen „Braindrain“, also der Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte. Chinesische Medien rechnen gerne vor, dass noch 1,5 Millionen Chinesen im Ausland sind, die dort eigentlich nur studieren wollten. Die Zahl der Rückkehrer wächst in den letzten Jahren wieder etwas, zusammen mit der chinesischen Wirtschaft. Oft sind es aber gerade die besonders gut qualifizierten Studenten, die lieber in Amerika oder Europa bleiben.

© karmacamilleeon, CC BY-NC-ND 2.0
Amerika und Großbritannien sind die Topziele junger Chinesen.

Vom Fliehen-Müssen zum freiwilligen Auslandsaufenthalt

Dass junge Chinesen so selbstbewusst ins Ausland gehen, ist allerdings noch nicht lange so: China hat im letzten Jahrhundert enorme Veränderungen durchgemacht, die auch die Auswanderer in den jeweiligen Zeiten geprägt haben.

Im Gegensatz zum heutigen Drängen in andere Länder steht die große Flucht von 1949: Die Kommunisten hatten den Bürgerkrieg in China gewonnen und die Verlierer, die Nationalisten, flohen kollektiv nach Taiwan. So entstand die heutige Republik China auf der Insel im Westpazifik.

Unter den Flüchtenden war auch der Großvater von Jiajia Wang. Für seine Arbeit als General in der Armee der Nationalisten hatten er und seine Frau ihre wenige Jahre alte Tochter, Jiajias Mutter, bei Freunden in Shanghai gelassen. Nie hätten sie erwartet, dass sie ihr Heimatland für immer verlassen müssten und dass es aus politischen Gründen bis in die 1980er Jahre nahezu unmöglich sein würde, zurückzukehren – Jiajias Mutter hat ihre leiblichen Eltern jedoch nie wiedergesehen.

© Adrien Sifre, CC BY-NC-ND 2.0
Der Louvre – nach Frankreich kommt, wer sich für Kultur interessiert.

Die Selbstverständlichkeit des Reisens

Jiajias Situation, zwei Generationen später, war dagegen luxuriös: Sie wuchs in der Zeit des chinesischen Wirtschafstaufschwungs auf und ging als Kind trotz der vielen Geschäftsreisen ihrer Eltern vor allem in China zur Schule. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der Reisen ins Ausland behandelt wurden, prägte sie. Nach ihrem Bachelor in Kunst und Literatur stand für sie fest, dass sie nicht in China bleiben würde – es erging ihr wie mittlerweile 60 Prozent der jungen Leute mit „Topnoten“.

Mittlerweile lebt Jiajia seit fast zehn Jahren in Paris und hat auch weiterhin nicht vor, nach China zurückzukehren. Wozu auch? Ab 2015 wird sie für ihren Beruf zwischen New York und Paris hin- und herjetten. Vergleichbare Möglichkeiten in China müsste sie sich erst aufbauen.

In China hält vor allem die Familie

Ganz anders sieht das Lei Xu, der auf jeden Fall nach dem Studium heimkehren wird. Auch er lebt in Paris und arbeitet an seiner Doktorarbeit zu französischer Literatur. Doch anders als für Jiajia sind die Jahre in Frankreich für ihn eher Mittel zum Zweck: „Ich habe nach dem Studium schon Französisch in Shanghai unterrichtet, aber für eine ähnliche Stelle an einer Universität musste ich ins Ausland gehen.”

Auf die Frage hin, ob er sich vorstellen könnte, in Frankreich zu bleiben, lacht er verlegen. Sicher, er liebt das Land und seine Kultur. „Aber ich kann doch meine Eltern nicht alleine lassen. Immerhin bin ich ihr einziges Kind und irgendjemand muss sich um sie kümmern.”

So sind Lei Xu und Jiajia Wang die zwei Gesichter der jungen chinesischen Auswanderer: Sie alle streben nach Top-Unis und den besten Jobs, nach Bildungsmöglichkeiten, die ihnen China noch nicht zu bieten hat. Während manche diese Gelegenheiten voll ausschöpfen, bleiben andere durch ihre Familie an China gebunden.

Aber gemeinsam ist beiden Gruppen, dass für sie Auslandsaufenthalte so selbstverständlich sind. Das wäre für ihre Eltern, und ganz zu schweigen von ihren Großeltern, undenkbar gewesen.
Katharin Tai, 20, Le Havre

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September 2014
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