Nachtschwärmer

Augenblick, verweile doch, du bist so schön

© Pauline TillmannAlkohol. Lust. Exzess. Stille. All das ist Nacht. All das und noch viel mehr…

Laut Wikipedia bezeichnet man die Nacht als „den Teil eines Tages zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang“. Astronomisch gesehen ist es die Zeit völliger Dunkelheit. Für die meisten Menschen ist die Nacht die Zeit des Schlafes. Aber nicht für alle. Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die nachts arbeiten müssen. Krankenschwestern, Taxifahrer, Moderatoren, Bäcker, Go-Go-Tänzer. Sie alle machen die Nacht zum Tag. Sie passen sich dem neuen Rhythmus an.

Und dann gibt es noch diejenigen, die gar nichts müssen und einfach nur wach bleiben. Weil die Nacht anders ist als der Tag. Joseph Eichendorff schrieb in seinem bekannten Gedicht „Mondnacht“:

„Es war, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst. Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht, es rauschten leis‘ die Wälder, so sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“

Die Nacht faszinierte neben Eichendorff auch Goethe

Die Nacht faszinierte nicht nur Joseph von Eichendorff, viele Dichter und Schriftsteller widmeten sich dem Phänomen der Nacht. Denn die Nacht ist Teil unseres Lebens. So wie der Tod. Viele Menschen sterben in der Nacht, ob es mehr sind als tagsüber, das weiß keiner. Schließlich gibt es darüber keine Statistik. Aber es gibt Bücher wie „Mit der Nacht kommt der Tod“ und Hörspiele mit dem Titel „Die Nacht der Todes-Ratte“. Die Nacht vereinigt aber nicht nur Gruseln und Herzklopfen sondern vor allem Party und Drogen – und nicht selten Ruhe und Stille. So kam auch Wolfgang von Goethe seinerzeit nicht daran vorbei und philosophierte in seinem „Wandrers Nachtlied“:

„Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch; die Vöglein schweigen im Walde. Warte nur! Balde ruhest du auch.“

© Pauline Tillmann

Das bekannteste aller poetischen Ergüsse über das Phänomen der Nacht ist natürlich „Stille Nacht, heilige Nacht“. Es wurde als Weihnachtslied in Österreich komponiert und zum (immateriellen) UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

„Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.“

In jeder deutschen Kirche wird dieses Lied gegen Ende der Christmette am 24. Dezember gesungen. Und es ist jedes Mal anrührend. Denn hier ist die Nacht ganz nah. Die Lichter werden gelöscht und die Finsternis nur von einzelnen Kerzen vertrieben. Sie symbolisieren Jesus als Licht der Welt. Nach christlicher Lesart kam er an Heiligabend in die Welt, um die Menschheit zu retten. Als der Stern über Bethlehem davon verkündete war es laut Bibel: Nacht.

Von Freizeitstress zu Entschleunigung

Der Leitstern 2012 lautet „Entschleunigung“. Früher gab es „Freizeitstress“, heute soll man „qualitativ Zeit miteinander verbringen“. Auch nachts. In der Praxis heißt das nicht selten: Nur etwas trinken gehen ist zu wenig. Es muss schon der Besuch im Dunkelrestaurant sein oder im Winter-Wunder-Varieté. Das Angebot „ die Nacht zum Tag zu machen“ ist riesig, und es wächst von Jahr zu Jahr und von Woche zu Woche. Das Sprichwort „die Nacht zum Tag zu machen“ besagt ja nichts anderes als dass man keinen Unterschied merkt, ob es jetzt nachts oder tagsüber ist. Doch das ist nicht ganz ungefährlich. Denn unser Körper merkt es sehr wohl. Und wenn wir unseren Biorhythmus dauerhaft durcheinanderbringen dankt er es uns mit Schlafstörungen, nicht selten auch mit Übergewicht, Diabetes oder Alzheimer. Und von Schlafstörungen ist in Deutschland jeder vierte Mensch betroffen. Das sind mehr als 20 Millionen. Aber: Schlaf ist ein Grundbedürfnis, genauso wie Essen und Sex.

Auf der anderen Seite: Schlafen ist nicht alles. Denn die Nacht birgt etwas Geheimnisvolles. Das komplett zu verschlafen wäre frevelhaft. Nicht selten ist es die Zeit, die ein Leben für immer verändern kann. Der Grund dafür ist einfach: Nachts ist man oft mutiger als tagsüber. Man traut sich – zum Beispiel jemanden anzusprechen. Oder völlig fremden Menschen zuzuprosten. Die Nacht ist Abenteuer und verheißt Großes. Manchmal kann sie das einhalten, manchmal nicht. Klar ist, dass sich die Menschen nachts nicht verstellen müssen. Die Maske fällt, spätestens wenn das dritte Bier fließt. Wenn man feiern geht, ist die Stimmung ausgelassen, die Tanzfläche voll und in der Luft liegt Erotik. Maximaler Spaß ist das oberste Ziel. Und das ist völlig in Ordnung. Denn der Mensch ist nicht nur rational und kontrolliert. Auch nicht die Deutschen. Der Mensch ist – egal ob Russe oder Deutscher – auch triebgesteuert. Nicht selten ist er auf der Suche nach Bestätigung, nach Begegnung und Nähe. In der Nacht findet man all das. Und noch viel mehr. Deshalb wird die Nacht immer öfter zum Event: „Nacht der Wissenschaften“, „Nacht der Museen“, „Nacht der Filmmusik“, „Nacht der offenen Weinkeller“ und „Nacht der Perlen“, um nur einige Beispiele zu nennen. In Nürnberg gibt es sogar die „Blaue Nacht“, in der die bayerische Stadt einmal im Jahr in tiefes Blau getaucht wird.

Auf russischer Seite wirbt St. Petersburg mit ihren weltberühmten „Weißen Nächten“, in denen es dämmert aber nie richtig dunkel wird. Die ganze Stadt verwandelt sich in eine einzige Partymeile und die Menschen feiern bis zum Morgengrauen durch, ohne auch nur eine Sekunde an Schlaf zu denken. Russen und Touristen leben in diesen beiden Juni-Wochen ganz nach Goethes Faust: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ Denn: Wach bleiben lohnt sich.

Pauline Tillmann, 28, Freie Korrespondentin in St. Petersburg

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Januar 2012

    Frage des Monats

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    Noch eine Woche zu leben. Was würdest du tun?

    Eine perfekte Nacht habe ich...

    … mit Freunden auf Parties, in Discos oder bei Konzerten. Tanzen, tanzen, tanzen!
    … zu Hause, mit meinem Buch in meinem Bett.
    … wenn ich philosophierend bei Rotwein in meiner Lieblingskneipe versacke.
    Nacht? Perfekt? Ich muss doch da immer arbeiten...

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