Protest

Aufstehen!

© Sophia AltEine Demonstration im russischen Kazan, eine andere im deutschen Frankfurt am Main. Obwohl sich manche Themen ähneln, zeigt sich jeweils ein ganz anderes Bild. Auf der einen Seite Studenten, die beim Demonstrieren um ihren Studienabschluss fürchten müssen, auf der anderen Seite Demonstranten, die selbstbewusst die Polizei verhöhnen. Ein Streifzug durch die Demonstrationskultur in Russland und Deutschland.

© Sophia Alt

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2011, zwei Uhr nachmittags. Der Platz des Tausendjährigen Bestehens der Stadt Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan in Zentralrussland, ist umstellt mit Absperrgittern, überall stehen Polizisten mit Fellmützen auf dem Kopf. Um auf die Demonstration zu gelangen, muss ich durch eine Sicherheitskontrolle, wie man sie von Flughäfen kennt. Meine Tasche wird geöffnet, der Inhalt kritisch durchsucht, ich werde abgetastet. Ein komisches Gefühl. Es ist kalt, minus zehn Grad, doch weder die Kälte, noch die zahlreichen Polizisten halten die Menschen davon ab, in Scharen auf den Platz zu strömen.

In vielen Städten in ganz Russland demonstrieren an diesem Tag tausende Menschen. Es sind die größten Demonstrationen, die das Land seit dem Ende der Sowjetunion erlebt. Die eindeutig manipulierten Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011, die Korruption im ganzen Land und die damit verbundene Chancenungleichheit machen die Menschen wütend.

„Wir müssen jetzt anfangen, für unsere Zukunft zu kämpfen!“

© Sophia Alt„Wenn du willst, dass dein Vertrag am Jahresende verlängert wird, dann weißt du, wo du dein Kreuz setzen musst", wurde uns bei der Parlamentswahl gesagt. "Ich kann doch nicht einfach meinen Job aufs Spiel setzen! Demokratie herrscht nur da, wo man es sich leisten kann“, beschwert sich Boris. Boris ist 34 Jahre alt und trägt einen Faschingshut. „Bewaffnet“ ist er mit einer großen Trommel, er will laut sein, spricht schnell. Seine Augen wandern rastlos hin und her, er gestikuliert mit seinen Armen. Ich spüre seinen Ärger. Ärger auf die Regierung, die ihre Versprechen nicht hält. Ärger auf die Presse, die nicht frei berichtet. Ärger auf die Menschen, die bei Wahlen für Geld ihre Stimme verkaufen. Er fügt hinzu: „Jetzt habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr andere für meine Situation verantwortlich machen kann und will. Ich muss selber entscheiden, was richtig oder falsch ist und dann für meine Sache einstehen – und das tue ich hier. Ich kämpfe nicht für mehr Geld, sondern für die Zukunft meines geliebten Landes, meiner Kinder und meiner Enkel.“

Auch die Redner, die mit kälteroten Nasen in das Mikrofon rufen, sehen das ähnlich wie Boris. „So geht es nicht weiter, wir müssen jetzt anfangen, für unsere Zukunft zu kämpfen!“ lautet die Grundaussage dieses Nachmittags.

Die etwa eintausend Demonstranten sind friedlich, beinahe verhalten – vielleicht weil sie sich nicht trauen, vor den über 200 Polizisten richtig wütend zu werden. Sie halten weiße Luftballons, das Zeichen der oppositionellen Bewegung, und Schilder mit Parolen. Für manche steht viel auf dem Spiel: Wenn Eduard, der 21 Jährige Ingenieurswissenschaftsstudent mit den langen Wimpern und der Nikolausmütze, auf der Demo gesehen wird, dann fällt er durch seine nächste Prüfung im Studium. Eine Drohung, die für mich unvorstellbar klingt. Für Eduard und seinen Kommilitonen ist sie der Preis für ihre eigene Meinung.

Die Masse ist sich ihrer Macht bewusst

© Sophia AltEin ganz anderes Bild dagegen in Frankfurt am Main: Sonnenschein, Seifenblasen, laute Musik. Es ist Samstag, 19. Mai 2012, das Wochenende der „European Days of Action“, Aktionstage gegen die Macht der Banken, gegen Faschismus und für mehr Toleranz, für eine bessere Welt. „Es kann doch nicht sein, dass wir Papier, von dem irgendwann mal jemand behauptet hat, es sei wertvoll, über die Rechte von Menschen stellen“, empört sich Liana über den Stellenwert von Geld in der Politik. Liana hat lange braune Haare, trägt einen pinken Zauberstab und Seifenblasen mit sich. Sie ist Politikstudentin und heute hier, um ihren „Dienst für die Demokratie zu tun“, wie sie sagt.

Die Demonstration in Frankfurt ist nicht nur größer, als die in Kazan – sie ist vor allem lauter, die Menschen haben weniger Berührungsängste. Ich werde sofort von der Stimmung der Masse mitgerissen, ein fremder Arm hakt sich bei mir ein und plötzlich höre ich mich selber in einer mir bis dahin eher unbekannten Sprache „Siamo tutti antifascisti!“ rufen. Wir sind alle Antifaschisten. Wir, das sind Italiener, das sind Deutsche, das sind Griechen. Wir, das sind Menschen, die es satt haben von einer Regierung vertreten zu werden, die Gewinnmaximierung vor das Wohlergehen ihrer Bürger stellt. Menschen, die mehr Solidarität und Toleranz im Alltag, mehr Transparenz und Mitbestimmung fordern.

Während der endlos erscheinende Demonstrationszug am Main entlang zieht, schließen sich immer mehr Menschen an – aus Neugier, aus Engagement für eines der vielen vertretenen Themen, aus einem spontanen Impuls heraus. Die Hemmschwelle, an der Demonstration teilzunehmen, ist sehr viel geringer als in Russland. Keine Absperrgitter, keine Sicherheitskontrollen. Und die Polizei? Ist mit über 5000 Einsatzkräften, einer Menge Schlagstöcke und Pfefferspray präsent und versucht, die Demonstranten einzukesseln und abzuschrecken. Die Demonstranten skandieren „Für die Banken steht ihr da, Marionetten, hahaha“ und versuchen, sie so ins Lächerliche zu ziehen. Keine Spur von Verlegenheit, die Masse nutzt ihr Recht auf Versammlungsfreiheit, ist sich ihrer Macht bewusst.

Die Proteste gehen weiter

© Sophia AltIn Russland beginnen Demonstranten gerade erst, ein Bewusstsein für diese Macht zu entwickeln. Noch immer drohen Demonstranten Gefängnis- und Geldstrafen. Außerdem gab es bislang kein Thema, das die Menschen so aufrüttelte, dass sie von Moskau bis hinein ins tiefe Sibirien dagegen auf die Straße gingen.

Mit den Wahlmanipulationen hat sich so ein Thema gefunden. Die Proteste der Opposition gehen weiter und man hat den Eindruck, dass man sich nicht mehr alles gefallen lassen will. Und auch wenn Putin den vorhersehbaren Einzug in den Kreml geschafft hat, ist dies noch lange kein Grund, aufzugeben. Die Struktur eines Landes ändert sich nicht in ein paar Monaten.
Das weiß auch Boris, der in Kazan mit seiner Trommel demonstriert: „Jeder Einzelne muss verstehen, dass Demokratie nur durch die Menschen funktioniert, dass jeder selbst für sich, seine Zukunft und sein Land verantwortlich ist und dass er handeln muss. Wenn die Menschen verstanden haben, dass sie etwas bewirken können, dann haben wir gewonnen.“
Sophia Alt, 18, Schotten

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August 2012

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