Protest

Miss deine angestaute Wut und schäme dich

© Georg SudiDeine Worte sind nicht deine Worte. Du bist wie sie alle. Nichts in dir ist anders. Doch noch ist es nicht zu spät – denn ich bin da. Du musst mich nur sehen, erkennen. Miss deine angestaute Wut und schäme dich.

© Georg Sudi

Stell dich vor dem Spiegel hin und schäme dich. Was siehst du? Einen Sohn des Volkes, eine Tochter der Revolution? Nein. Du siehst nur dich. Du bist nichts. Du willst nichts werden. Taten bestimmen dich. Doch du tust nichts. Du handelst nicht. Du bist zufrieden, zufrieden mit dem, was du hast. Mit dem, was du bist. Du bekommst deine Bröckchen, jeden Tag. © Georg SudiDu isst schweigsam und gehorsam. Du befolgst. Du lässt alles mit dir geschehen. Nichts in dir schreit nach Gegenteiligem. Nichts in dir ruft nach Freiheit. Du bist angepasst. Miss den Grad deiner Andersartigkeit und schäme dich. Lass deine perfekten Schultern hängen, denn sie sind nicht perfekt. Schließe deine Augen, lass das Schwarz auf dich wirken. Du bist nichts. Du bist wie die anderen. Du bist stumm, obwohl du sprichst. Deine Worte verändern nichts. Deine Worte klingen nach nichts. Es sind Worte, die zuvor schon gesprochen wurden, von anderen. Deine Worte sind nicht deine Worte. Du bist taub, obwohl du hörst. Das, was du hörst, hast du schon von anderen gehört, und hören andere von dir.

Wende dich ab von deinem Spiegelbild.

Lass deine Augen geschlossen. Denke über dich nach. Was veränderst du? Was tust du? Was wirst du in deinem Leben noch erreichen? Was macht dich anders? Wo bist du individuell? Welche Eigenschaften besitzt du, die andere nicht besitzen? Öffne deine Augen und schäme dich. Du bist nicht du. Du bist keine eigenständige Person. Du bist wie sie alle. Trostlos und verloren. Du hast nie gekämpft. Du hast nie darüber nachgedacht, zu kämpfen. Du bist nie aufgestanden. Du bleibst lieber sitzen. Du bleibst lieber sitzen und gehorchst. Lässt dir Dinge, Sachen, Geschichten einflößen. © Georg SudiDie Alltäglichkeit rumort in deinem Körper, bis sie wieder aus dir sprudelt, doch sie gibt dir kein Leben, sie ertränkt dich, nimmt andere aufs Korn. Du bist schuldig.
Geh zum Fenster und schäme dich. Nichts in dir ist wütend. Nichts in dir protestiert. Du isst. Du trinkst. Du stirbst. Schweigsam und gehorsam. Dich interessieren andere Dinge nicht. Du lebst dein Leben. Eine heile Welt. Du bist ein unbeschriebenes Blatt. Du wirst nie beschrieben werden. Nie wird man eine Geschichte über dich hören. Nie wird man über dich sprechen. Du lässt andere Dinge nicht an dich heran. Die Faulheit in dir obsiegt. Nichts in dir schreit nach Gerechtigkeit. Du bist ungerecht. Du tust Ungerechtes. Mit jedem Schritt, jedem Atemzug, stirbt in dir die Möglichkeit, etwas zu tun. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, wird das Alltägliche, Angepasste, schrecklich Schöne in dir stärker. Du gefällst dir. Du gefällst anderen. Du gefällst uns allen. Denn du bist gleich, gleich wie alle anderen. Du bist du und doch wir.

Öffne das Fenster und schäme dich.

© Georg SudiBlicke hinaus. Was siehst du. Welches Grau gefällt dir am besten. In welchem Grau fühlst du dich am wohlsten. Wann hattest du zuletzt die Möglichkeit, Farbe zu geben? Wann branntest du vor lauter Bedürfnis, zu malen. Farben zu versprühen. Wann hast du das letzte Mal Farben gesehen. Buntes erlebt. Rot genossen, Blau gespürt, Grün vollzogen. Doch du bist grau. Nichts in dir ist anders. Du bist gleich. Du bist du und doch wir. Lehne dich aus dem Fenster. Denk nach. Aktiviere deinen Körper. Lass deinen Geist kreisen. An wen denkst du? Was denkst du? Nichts habe ich getan, denkst du. Nichts werde ich tun, denkst du. Tust du. Mit jedem Atemzug, mit jedem Schritt, indem du nichts tust, wirst du gleicher, vergisst du dich, entfernst du dich von der Freiheit. Nichts in dir will protestieren. Nichts in dir ist anders. Nichts in dir wird jemals anders sein. Sieh dich doch an. Blicke auf deine Hände und schäme dich. Was für Hände. Was haben sie vollbracht? Wie haben sie an einer anderen Welt mitgearbeitet? Wie haben sie geholfen, eine andere Welt zu bauen, zu erschaffen, zu erträumen? Deine Hände haben nichts getan. Sie haben zerstört, indem sie ruhten. Du hast deine Hände versteckt. Du versteckst sie auch jetzt noch.

Streck deine Hände aus.

© Georg SudiWeit aus dem Fenster. Umarme mich. Spüre mich. Werde wütend. Werde anders. Ich bin da. Du musst mich nur erkennen. Ich bin die Folge deiner Wut. Protest.Stell dir selbst die richtigen Fragen, schleudere die anderen Antworten von dir. Die kennt doch jeder. Die sagt doch jeder. Sie sind nicht richtig. Du weißt selbst, welche richtig sind. Denk nach. Fühle. Werde etwas. Protestiere. Bilde dir eine eigene Meinung. Nimm mich als Anlass, zu werden. Zu wachsen. Du kannst noch anders. Noch. Öffne dich. Sehe. Sprich. Denke. Lebe. Ergänze. Lerne den Eifer kennen. Fühle mit. Werde empathisch. Du bist du. Wir sind wir. Doch wir können anders. Du kannst anders. Wir haben eine eigene Meinung. Ich habe und du hast. Ich bin und du bist. Ich kann werden und du kannst werden. Lass uns das © Georg SudiLeben mit Farbe füllen. Lass uns aufstehen und die Tür öffnen. Lass dich mitreißen. Spring über deinen Schatten. Wir sind wütend. Werde auch du wütend. Besiege deine Scham. Schmecke Individualität, wahre Eigenheit. Protestiere.Nichts kann dir passieren.
Maximilian Tonsern, 20, Berlin

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August 2012

    Humboldt: Protest 2.0 „Time for Revollusion“

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