Erzähl' mal!

Regen

© colourbox.com

© colourbox.comEin dicht gedrängter Menschenkranz, der sich an die Wände des Metro-Ausgangs presst. Wie sich herausstellte, regnete es. Das war gestern – ich stieg irgendwo im Nordosten Moskaus aus und hatte noch einiges zu erledigen. War in Eile, hatte Angst, zu spät zu kommen, stapfte mit der Beflissenheit einer Pionierin über die Rolltreppe nach oben und rannte die Stufen bis zum Ausgang hoch.

Und dort stieß ich auf ein Knäuel aus Menschen und eine Behinderung in Form von Regen. Mein ganzes angespanntes Wesen war entrüstet, und ich versuchte, mir schnell einen Notfallplan auszudenken, was ich jetzt tun sollte.

Ich hatte keinen Schirm dabei (der war zwar vorgestern den ganzen Tag über mein Begleiter gewesen, aber geregnet hatte es natürlich nicht), an den Füßen hatte ich Chucks aus Jeansstoff und in den Händen eine Papiertüte mit Dokumenten. Dieses Mal wollte ich unter keinen Umständen nass werden, noch dazu war es kühl und windig. Ich rief einen Freund an, der mir hätte helfen können; er sagte, dass er zwar nur zwei Metrostationen von mir entfernt wohnt, aber gar keinen Schirm hat. So machte es also keinen Sinn, auf Hilfe zu warten. Und plötzlich sah ich ein, dass ich mich beruhigen und entspannen musste.

Und genau das habe ich dann auch gemacht. Was soll´s? Eine Minute später stand ich schon da und sah dem Regen zu – und den Leuten, die dem Regen zusahen. Ich sah mir an, wie sich das Wasser bewegt: in der Luft, auf dem Dach, ablaufend und hinab gleitend; wie es in freudigen Tropfen auseinanderstiebt, mit dem erschöpften Asphalt zusammenprallt, empor springt und sich mit dem dünnen Fluss ringsherum vereinigt.

Eine hübsche, rundliche Frau von etwa fünfzig Jahren, ganz in Weiß – in einem Spitzenkleid und einem leichten weißen Schal, mit einem nach östlicher Manier um den Kopf gewundenen Tuch, stand in meiner Nähe. Dann drehte sie sich zu mir um, lächelte als Antwort auf mein Lächeln und ging los – über ihr der offene, nasse Himmel. Eine Gruppe Schülerinnen in Uniform rannte kreischend zu der Wand, an der wir standen – all diejenigen, die der Regen unverhofft überrascht hatte.

Mittlerweile machte ich mir keine Sorgen mehr, zu spät zu kommen. Die ganze Hektik, die noch vor ein paar Minuten in mir und um mich herum gewesen war, war plötzlich nicht mehr da. Es fiel mir leichter, zu atmen und zu denken. Ich begriff, dass ich nirgendwo hinhetzen muss, und dass das einzig Wichtige, das wirkliche Bedeutung hat, meine Harmonie, mein Lächeln und meine Zufriedenheit sind. Zehn Minuten später war der Regen vorbei. Er hatte ganz plötzlich aufgehört, und der Himmel wurde hell und tief blau. Die Sonne machte sich daran, die saubere Erde zu bescheinen; und mir, die ich durch die blinkenden Straßen Moskaus ging, lächelte sie zu.

Olga Kasatschkowa, 22,
Sprachwissenschaftlerin, absolvierte Moskauer Staatliche Linguistische Universität,
schreibt Gedichte und Essays, interessiert sich für Journalistik

Übersetzung: Anna Brixa

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Dezember 2009

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