Top-Thema: Narrenzeit

Kölle Alaaaf – Und ich bin mittendrin

Karen Haak

Wenn Köln Karneval feiert, schütteln die meisten Deutschen angesichts des jecken Wahnsinns nur verwundert den Kopf. Aber wer sich einmal auf das Abenteuer Karneval einlässt, den packt schnell das Fieber. Eine Innenansicht aus der Hauptstadt der Narren.

Ich bin ein Karate-Hase. Und es ist Weiberfastnacht, kurz vor 11.11 Uhr. Hunderte Jecken stehen auf dem Alter Markt von Köln und fiebern der Eröffnung der tollen Tage entgegen. Und ich bin mittendrin, mit Karateanzug und rosa Häschenohren. Eben ein richtiger Karate-Hase. Die ganze Stadt ist geflutet von Cowboys, Märchenfeen und gruseligen Gestalten. Ich wusste nicht genau, wo der Alter Markt ist. Aber ich bin einfach dem Menschenstrom gefolgt und automatisch zur Eröffnungsparty gekommen.

Karen HaakUnd hier ist schon schwer was los: Clowns tanzen wild mit Krankenschwestern und Leichtmatrosen, die Jecken auf der Tribüne schunkeln sich warm, eine Biene mit geschmücktem Kinderwagen bahnt sich einen Weg durch die Menge. Im Kinderwagen liegt ein kleiner Pirat und schläft. Mir ist völlig unverständlich, wie jemand bei dem Krawall noch schlafen kann. Die Band auf der Bühne stimmt Viva Colonia an. Es gibt viele Karnevalslieder, aber das Viva Colonia der Höhner ist wohl das Lied, das das kölsche Lebensgefühl in den Karnevalstagen am besten ausdrückt. Und außerdem ist der Text so einfach, dass jeder ihn beim zweiten Hören schon mitsingen kann. Das tun dann auch alle auf dem Alter Markt und die Stimmung hat ihren Höhepunkt erreicht. Der erste von vielen Höhepunkten der nächsten Tage.

Der Karnevalist braucht Pausen

Um 11.11 Uhr fällt der Startschuss für die tollen Tage. Luftballons steigen in die Luft und Konfetti rieselt von den Tribünen. Spätestens jetzt haben alle Kneipen und Brauhäuser der Stadt die Türen weit geöffnet. Und die Jecken lassen sich nicht lange bitten. Kölsch, der rheinische Ersatz für richtiges Bier, fließt in Strömen und es wird Halver Hahn, also Käse mit Brötchen, serviert. Obwohl mein Kostüm mit Pullover und Shirt unter der Karatejacke warm halten sollte, bin ich ziemlich durchgefroren. Die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt und die Sonne scheint ohne Kraft. Ich beschließe, für einen Mittagsschlaf nach Hause zu gehen. Der Tag soll noch lang und anstrengend werden. Solche strategischen Pausen sind für jeden Jecken wichtig, um das Treiben sechs Tage lang durchzustehen.

Am Abend ist der ehrwürdige Dom zu Köln ist das Zentrum der Riesenparty. Gelassen schaut er auf die tanzende, lachende und singende Menge zu seinen Füßen. Er kennt das schon. Schließlich hat der Karneval eine lange Tradition in Köln. 1823 gründete sich das sogenannte Festordnende Komitee, das die Session organisiert. Zumindest versucht das Komitee, die Narren zu organisieren. Denn was ich am Abend von Weiberfastnacht sehe, wirkt wenig geordnet.

Karen HaakDie engen Straßen sind vollgestopft mit buntem Volk. Es scheinen noch viel mehr Menschen unterwegs zu sein als am Vormittag. An jeder Ecke gibt es Live-Musik. Die Spielmannszüge stellen sich am liebsten in der großen Halle des Hauptbahnhofs auf, der direkt gegenüber vom Dom liegt. Damit ist die Bahnhofshalle der größte Partysaal der Stadt. Und von den Bahnsteigen strömt immer noch mehr jeckes Volk, das aus dem Umland nach Köln zum Feiern kommt.

Eine Parodie auf die Preußen

Je später der Abend wird, desto mehr Flaschen von Wein, Sekt und Bier sammeln sich um die Mülleimer oder kullern auf der Straße. Mancher fröhliche Clown hat sich beim Alkohol überschätzt und wird am Karnevalsfreitag mit einem mächtigen Kater kämpfen müssen. So mancher betrunkene Jeck muss sogar ins Krankenhaus. Das Problem, dass an den tollen Tagen viel, vielleicht zu viel Alkohol fließt, ist bekannt. Mancher Außenstehende reduziert deshalb den Karneval auf hemmungsloses Trinken und wilde Partys. Aber was den Karneval wirklich ausmacht, sind seine Traditionen. Und es ist Tradition vor Beginn der Fastenzeit noch einmal ordentlich zu Feiern. „Vom Saufen bis zum umfallen ist aber nichts überliefert“, sagt Klaus.

Klaus ist einer von den roten Funken, der ältesten Karnevalsgesellschaft Kölns. Ich treffe Klaus am Karnevalssamstag auf dem Neumarkt. Dort haben die roten Funken ihr sogenanntes Funkenbiwak aufgeschlagen. Klaus ist einer der Funken-Soldaten. Seine Uniform ist rot und weiß und soll an die preußischen Soldaten erinnern, die im 19. Jahrhundert in Köln patrouillierten. Mit ihrem Lager auf dem Neumarkt nehmen die Funken das militärische Gehabe der Preußen auf die Schippe: Aus den Holzgewehren ragen Blumen und anstatt einer Parade gibt es einen Tanz zu sehen.

Am Ende brennt eine Strohpuppe

In diesem Jahr hat das Funkenbiwak einen prominenten Gast: Die erste chinesische Karnevalsprinzessin ist aus Peking angereist. Hong Mei trägt ein Kostüm aus der chinesischen Staatsoper und hat sichtlich Spaß. „Ich liebe Karneval. Cologne Alaaaf“, ruft sie der Menge auf dem Neumarkt zu. Die chinesische Variante des Kölner Schlachtrufs kommt gut an bei den Jecken.

Karen HaakDas ganze Wochenende wird gefeiert. Aber der absolute Höhepunkt ist der Rosenmontagsumzug. Mehr als eine Million Menschen sind in der Stadt, um den Zug zu erleben. Wie ein bunter Wurm schlängelt sich der Zug durch die Innenstadt und die Narren stehen reihenweise am Rand. Wer hier steht, will nicht nur die Tanzgruppen und Festwagen sehen, sondern auch Kamelle fangen. Kamelle sind Süßigkeiten, die von den Prunkwagen in die Menge geworfen werden.

Am Veilchendienstag darf noch einmal kräftig gefeiert werden. Doch da ist Karneval schon fast vorbei. Das Ende der tollen Tage markiert die feierliche Verbrennung des Nubbels. Der Nubbel ist eine Strohpuppe, die für alle kleinen und großen Sünden der vergangenen Tage verantwortlich gemacht wird. Indem der Nubbel gegen Mitternacht verbrannt wird, werden auch alle Sünden ausgelöscht. Danach gibt es kein Kölle Alaaf mehr und keine Karnevalsmusik. Die Fastenzeit hat begonnen. Und nach sechs Tagen Karate-Häschen werde ich wieder zur Studentin.

Denn jetzt heißt es überall: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“

Karen Haak; 22
studiert Wirtschaft, Politik und Journalismus in Köln

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2009

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