Der Groundhopper
„Positiv verrückt, bin ich dann wohl“, behauptet Markus Baumann von sich selbst. An Wochenenden fährt er zu den Spielen seines Lieblingsteams, dazwischen besucht er den Kreisligakick. Seine Reisen verbindet er stets mit Stadionbesuchen. Egal welche Liga, welcher Verein, welche Stadt, Hauptsache der Ball rollt. Denn Markus ist „Stadionsammler“.
„Abenteuer, Reisen und Fußball!“ bringt Markus seine Leidenschaft auf den Punkt. Für den 24-jährigen Wirtschaftsingenieurstudenten verbinden sich damit unvergessliche Erlebnisse. Groundhopper sind keine gewöhnlichen Fußballfans. Sie sammeln „die atmosphärischen Stätten des runden Leders“ wie andere Briefmarken. Allein der Anblick eines Flutlichtmastes lässt das Herz eines jeden Groundhoppers höher schlagen. Er lebt für das Spiel mit den 22 Kickern. Randale oder fanatische Fanrivalitäten sind ihm fremd. Er versteht sich als unabhängiger Botschafter der Fußballkultur. Gerade darin liegt für Markus der Reiz, sich im Namen des Fußballs immer wieder auf die Suche nach neuen Städten, Ländern, fremden Kulturen und Lebensweisen zu begeben. Dieses spezielle Hobby hat seinen Ursprung wie der Fußball selbst in England. So leiten sich auch die Bezeichnungen „ground“, hier das Fußballfeld, und „to hop“, für das Springen von Spiel zu Spiel, aus dem Englischen ab.
Raus aus dem Ligaalltag
Angefangen hat Markus’ „Mission“ bereits vor fast zehn Jahren: „Zuerst bin ich immer mit meinem Verein, dem Rot-Weiß Erfurt, zu den Auswärtsspielen mitgefahren. Damals wie heute dümpelte der Verein so zwischen Liga zwei und drei. Irgendwann merkte ich, dass man immer gegen die gleichen Vereine in den gleichen Stadien spielt. In den Genuss der großen Erstligastadien oder der kleinen Plätze der unteren Ligen bin ich so nicht gekommen. Um diese Stadien zu sehen, musste ich mich von meinem Heimatverein losreißen. Zuerst bin ich einmal im Jahr woanders hingefahren und dann immer öfter.“ In diesem Jahr hat Markus bereits an die 80 Fußballspiele gesehen. „Jede Woche mindestens eins“, bestätigt er. „Es ist eigentlich egal, ob die erste, zweite oder dritte Liga spielt – Hauptsache irgendwo hin, um Fußball zu sehen. Egal ob das Spiel gut oder schlecht ist“, lautet seine Devise. Denn große wie kleine Stadien hätten ihren Reiz, „in den oberen Ligen sind sie alle modern, groß und berühmt, aber sie unterscheiden sich nicht so sehr“, findet Markus. „Dafür gibt es in den unteren Ligen günstigere Eintrittspreise, man ist näher am Verein. Die älteren Stadien haben ihr ganz eigenes Flair, manchmal mit Holztribünen oder dem Arbeiterviertel direkt hinterm Tor.“ Schmunzelnd fügt er noch hinzu: „Generell kann man auch sagen, dass die Bratwürste oder Steaks in den unteren Ligen besser sind“. Markus kann jedem Fußballplatz etwas abgewinnen, weshalb er auch nicht von einem bestimmten Stadion oder Land träumt: „Die Welt ist so groß, egal ob Südamerika oder Polen – wie es sich ergibt.“
Ein Kreuz, ein Stadion und viele Begegnungen
In jeder Spielzeit wird für Groundhopper ein Anschriftenverzeichnis mit nahezu allen Vereinen und Stadien der Welt vom Agon Sportverlag herausgegeben. Darin hakt Markus die bereits besuchten Plätze ab, um nicht die Übersicht zu verlieren. Seine betagte Ausgabe aus der Saison 2004/05 ist mit Kreuzen durchsät. Nahezu alle oberklassigen Stadien in Deutschland hat er bereits gesehen, zudem Spiele in halb Europa besucht – von Nordirland bis in die Ukraine, von Dänemark bis nach Kroatien. Von einem Spielbesuch des italienischen Viertligisten AC Chiari berichtet Markus: „Ich war schon weit vor Anpfiff am Stadion und der erste Gast an der Tageskasse. Ich wurde gleich herzlich von der Verkäuferin in gebrochenem Deutsch begrüßt und ich habe mich daraufhin in gebrochenem Italienisch bedankt.“ Nach dem Ticketkauf suchte er nach einem Vereinsvertreter, um ein kleines Andenken zu kaufen. Plötzlich landete er mitten im Büro des Präsidenten, so schien es ihm. Nach einigem hin und her mit italienischen Wortfetzen und Zeichensprache hielt ihm der ältere Herr einen Wimpel des Klubs entgegen: „Als ich meinen Geldbeutel zücken wollte, winkte der Präsident energisch ab und machte mir deutlich, dass das ein Geschenk sei!“
Das schlimmste was passieren kann, ist die Spielabsage
Im rauen Norden hatte er dagegen weit weniger Glück: „Das war in England während meines Erasmussemesters. Da bin ich vier Stunden zu einem Spiel hingefahren und als ich dann vorm Stadion stand, sagte mir der Mitarbeiter: Tja, das Spiel fällt aus! – Ich hatte dann auch keine Lust mehr die Stadt anzugucken und war den restlichen Tag total frustriert.“ Dass schlechte und gute Erlebnisse nicht nur auf dem Platz selten weit auseinander liegen, erfuhr Markus bei einem Spiel bei Celtic Glasgow. Die erste Halbzeit dümpelte eher dahin, die Stimmung war dementsprechend schlecht, sodass er zur zweiten Halbzeit den Platz wechselte und dort sogleich ins Gespräch mit seinen Sitznachbarn kam: „Wir redeten natürlich über Fußball.“ Von der Frage, ob er denn die BSG Sachsenring Zwickau kenne, und diesem speziellen schottischen Kenntnissen zeigte er sich erstaunt. Dazu sei gesagt, dass Celtic Glasgow vor mehr als 30 Jahren im Europapokal mal gegen Zwickau gespielt hat... Als die Jungs dann fünf Minuten vor Abpfiff los wollten und sich verabschiedeten, hängte einer der Fans Markus plötzlich seinen Celtic-Schal um und meinte: „Der ist für dich.“ „Ich konnte nur noch ein kurzes ‚Danke, Kumpel!’ herausbringen, ehe sich unsere Wege wieder trennten und ich sprachlos dastand.“ Heute hängt der Schal in seinem Zimmer. Beim Anblick denkt Markus zurück an vergangene Abenteuer, an seine Reisen und den Fußball – und an das nächste Spiel.
Name: Markus Baumann
Alter: 24 Jahre
Position: Wasserträger
Schuhgröße: 45
Persönlicher WM-Tipp: Österreich
Lieblingsverein: FC Rot-Weiß Erfurt
Spiel des Lebens: 26.5.2009, Landespokalfinale, Erfurt-Jena 3:2
Alter: 24 Jahre
Position: Wasserträger
Schuhgröße: 45
Persönlicher WM-Tipp: Österreich
Lieblingsverein: FC Rot-Weiß Erfurt
Spiel des Lebens: 26.5.2009, Landespokalfinale, Erfurt-Jena 3:2
Marco Fieber, 24,
studiert Politikwissenschaft und Kaukasiologie in Jena
Copyright: to4ka-treff
Juni 2010
studiert Politikwissenschaft und Kaukasiologie in Jena
Copyright: to4ka-treff
Juni 2010











