Halbzeitpause

Der Wassermacher

Mit „Viva con Agua de St. Pauli“ gründet der ehemalige Fußballprofi Benjamin Adrion 2005 ein offenes Benefiz–Netzwerk mit dem Ziel, die Trinkwasserversorgung weltweit zu verbessern. Ein Trainingslager in Südamerika ist Anlass für das soziale Engagement. Seinen Klub weiß er hinter sich. Die Fans auch.

© Viva con AguaTo4ka hat mit dem Wassermacher über sein Engagement und die WM gesprochen.

Benjamin, was ist „Viva Con Agua“? Wie würdest du euer Projekt beschreiben?
„Viva Con Agua de St. Pauli“ (VcA) setzt sich für sauberes Trinkwasser ein, macht sich stark für Trinkwasserprojekte und sammelt Spendengelder. Immer in Zusammenarbeit mit größeren Organisationen wie der Welthungerhilfe oder Helvetia, die dann vor Ort ihre Partner haben. So kommen unsere Spendengelder auch wirklich an. Das ganze läuft meist eher auf unkonventionelle Art und Weise: weniger über Spenden, sondern vielmehr auf kreative Art und Weise. Vor allem über lustige Aktionen, verrückte Ideen. Weniger über den Zeigefinger, sondern vielmehr auf der „Top Profit“ Ebene.

Wie funktioniert euer Fundraising und was meinst du mit kreativen Ideen und „Top Profit“ Ebene?
Natürlich kann man einfach Geld sammeln oder online auf unserer Homepage spenden. Aber ob das jetzt Becher sind, die auf Festivals gesammelt werden oder von denen sich „Die Ärzte“ (deutsche Punk-Rockgruppe) auf der Bühne bewerfen lassen, um das Pfand danach zu spenden: Jeder, der uns unterstützt, soll das Gefühl haben, Spaß und soziales Engagement verbinden zu können. Das ist eigentlich der Kern der Idee...
Ganz cool waren bspw. auch die Aktionen von Hebammen, die für jede Wassergeburt 5 Euro spendeten, oder der Wasserlauf von Hamburg nach Basel mit einem komischen Holzfahrrad. Es gibt tausende von Ideen! „Top Profit“ meint einfach, dass die Leute Spaß haben bei den Aktionen, die auch gleichzeitig noch für einen guten Zweck sind.

Wie ist Viva Con Agua aufgebaut und vernetzt?
Unser Büro ist hier in Hamburg. An sich ist das aber ein offenes Netzwerk mit über 1500 Ehrenamtlichen. Diese sind dezentral organisiert in „Zellen“ in vielen deutschen Städten und mittlerweile auch in der Schweiz.

… und die organisieren dann ihre Aktionen selbst…

Ja, und danach spenden sie das Geld. Aber wir sind hier als Koordinierungsstelle für den Know-how Transfer da, beispielsweise für größere Aktionen. Wenn jemand Unterstützung braucht, vernetzen wir die Gruppen oder fahren bei Bedarf selbst vorbei.

Wie kam denn die Idee zur Gründung? Was hat VcA mit Fußball zu tun?

Das war im St. Pauli Trainingslager auf Kuba. Zunächst war das eigentlich mehr `ne  „Schnapsidee“. Es ging darum, 50 000 € für Kuba zu sammeln. Dann kam der Gedanke, dass man gerade als Fußballteam sich sozial engagieren könnte und sollte. Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt ist überhaupt ein großes Thema. Dazu die anstehende WM 2010 in Afrika. Aus dem offenen Netzwerk des St. Pauli und dessen Fans kam dann die Dynamik – ich hätte nie gedacht, dass daraus ein so großes Projekt entstehen würde!

Und der Bekanntheitsgrad des legendären Kiez-Clubs hat dabei geholfen…

Auf jeden Fall! Zunächst ging vieles über die Sportredakteure, die 7 Tage die Woche die Zeitungen füllen müssen. Wir waren bekannt, die Idee kam im Trainingslager und der Verein stand dahinter. Es ist ja mittlerweile schon fast so etwas wie ein Projekt des Vereins… Ebenso sind viele, die sich für Viva Con Agua einsetzen auch Fußballfans. Fußball als Breitensport ist international beliebt und Ich weiß nicht, ob das mit einer anderen Sportart ebenso geklappt hätte!

Gab’s ein besonderes Ereignis, aus dem du auch deine Motivation ziehst?

Nein! Wir können was tun, also warum sollten wir diese Chance nicht nutzen. So einfach ist das. Zu jeder Zeit etwas bewegen zu können und eine maximale Anzahl an Personen profitiert davon!? Super! Das alleine motiviert total!

Wie bewertest du, dass die WM dieses Jahr in Südafrika stattfindet?
Ich find’ das cool. Es ist auf jeden Fall als positives Signal zu bewerten! Die vielen fußballverrückten Fans in Afrika freuen sich richtig darauf. Für sie ist das ein anderes Gefühl, wenn die WM erstmalig auf ihrem Kontinent stattfindet! Inwiefern Afrika davon strukturell profitieren mag, das weiß ich nicht. Aber auch die gesteigerte Aufmerksamkeit, von der der Kontinent mittelfristig profitieren kann, ist auf jeden Fall positiv! Es wäre ja auch uncool, wenn man ständig nur die negativen Aspekte der WM hervorheben würde!

Die WM auf dem eigenen Kontinent pushed die afrikanischen Spieler ja auch noch mal…
Ja, auf jeden Fall! Die afrikanischen Teams werden ja auch immer besser…Die Talente und Weltklassespieler sind da, die Motivation ebenso. Vielleicht auch einfach nur ne Frage der Zeit, bis sich ’ne Mannschaft ganz oben antastet.

Wie sieht eure Zukunft aus?
Ich wäre einfach froh, wenn es uns weiterhin gibt, und wir weiterhin Leute motivieren können, neue Zellen aufzubauen, um so tolle Projekte zu machen. Daneben haben wir nun auch als großes Projekt unser eigenes Wasser, das wir für den guten Zweck in einigen Geschäften und ab nächstem Jahr auch im St. Pauli Stadion verkaufen. Außerdem soll nächstes Jahr auch eine Stiftung gegründet werden.

Name: Benjamin Adrion
Alter: 29 Jahre
Position: Linke Seite
Schuhgröße: 44
Persönlicher WM-Tipp: Spanien
Spiel des Lebens: U-15 im Wembleystadium England – Deutschland U-15 Länderspiel 1996 (48.000 Zuschauer)
Judith Wiedemann, 24,
studierte Europäische Ethnologie in Freiburg und macht derzeit ein Praktikum in der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch in Hamburg.

Copyright: to4ka-treff
Juni 2010