Die Grande Dame
Alle Petersburger lieben Zenit. An den Spieltagen schmückt sich die Stadt in den blau-weißen Mannschaftsfarben. Selbst Menschen, die mit Fußball eher weniger am Hut haben, kennen den Namen des aktuellen Trainers, die wichtigsten Spieler und das Ergebnis der Mannschaft in der letzten Meisterschaft. Die wahre Symbolfigur des Kultes um den Petersburger Club jedoch ist Sofija Aranovič, oder einfach Baba Sonja, wie sie von Spielern und Fans genannt wird.
Sofia Aranovič wurde am 24. März 1914 geboren. „Das erste Mal ging ich 1934 zum Fußball“, erzählt sie, „ich arbeitete als Fräserin. Dann kam ich über die Arbeiterfakultät zum Elektrotechnischen Institut und engagierte mich als einzige Frau im Gewerkschaftskomitee. Irgendwann schlug mir der Vorsitzende des Komitees vor: „Lass uns zum Fußball gehen, Sonja! Es ist ein Länderspiel, die Basken sind da!“ Stellen Sie sich das vor, die Basken! Nun, ich ging hin und infizierte mich mit dem Fußballvirus.“
Die Liebe zum Fußball bewahrte sich Sofia Aranovič und nach mittlerweile 70 Jahren sind die Spieler von Zenit ihr Leben, wie sie 2004 in einem Interview sagte. „Ihretwegen stehe ich morgens auf und ihretwegen gehe ich bei Regen und Schnee ins Stadion.
Ins Stadion ging sie immer etwas zu früh. „Eine Stunde vor dem Spiel kommt der Bus mit den Spielern. Ich muss die Jungs treffen, ihnen Erfolg wünschen - damit sie die Unterstützung fühlen.“, erklärte sie.
An den Stadionkontrollen kannte man Sonja, nach der Eintrittskarte wurde sie nie gefragt. Im Petersburger Stadion „Petrovskij“ hatte Sonja ihren persönlichen Stammplatz im 8. Block, in unmittelbarer Nähe der Trainerbank. Nach dem Spiel nahm sie der Mannschaftsbus mit bis zur nächsten Metrostation. „Ich fahre schon seit drei Jahren nach jedem Spiel mit der Mannschaft. Ich habe meinen eigenen Platz neben Saša Keržakov (Aleksander Keržakov – Stürmer bei Zenit und russischer Nationalspieler). Das ist mein großes Glück! Nach den Spielen wird die Metrostation „Sportivnaja“ oft geschlossen. Wenn die Moskauer Fans kommen, gibt es dort oft Ausschreitungen und Schlägereien. Vor kurzem wurde der Bus von Spartak Moskau umgekippt. Davor habe ich Angst. Deshalb ist es gut, dass mich die Mannschaft bis zur Metro mitnimmt!“
Sofija Aranovič wurde zu einem lebenden Talisman für die Mannschaft. Vor einigen Jahren verlor Zenit 0:1 gegen Torpedo. 15 Minuten vor Ende des Spiels ging Baba Sonja zur Trainerbank. Zenit schoss 3 Tore in Folge und Sofija Josifovna fiel dem Trainer in die Arme. Von da an glaubten die Fans und sogar die Spieler fest daran, dass Zenit nur gewinnt, wenn Baba Sonja im Stadion ist.
„Neulich schimpfte Petršela mit mir (Vlastimil Petršela – 2002-2006 Trainer von Zenit)“ – erinnert sich Josifovna – „Er sagte: „Das Spiel gegen Lokomotive haben wir verloren, weil Sie nicht da waren.“ Ich antwortete: „Ich war krank, aber ich habe mitgefiebert. Ich habe dieses Spiel im Krankenhaus angeschaut. Ich hatte einen unglücklichen Unfall: Ich wurde von einem Auto angefahren. Immer wenn ich ins Krankenhaus muss, suche ich mir Gesellschaft um gemeinsam Zenit zu bejubeln. Manchmal finde ich richtige Fans! Die Frauen verstehe ich nicht. Sie schauen immer nur Serien an. Ich gehe dann zum Fernseher und bitte sie mitleidig: „Gestatten Sie, dass wir Fussball schauen?“ Dann antworten sie oft kreischend, als ob ich ihnen etwas wegnehmen wollte. Gut, dass bald darauf ein echter Fan kam. Er lief auf Krücken, denn er hatte keine Beine. Er schaltete um und sagte den Damen: „Serien laufen jeden Tag, aber wenn Fussball läuft, dann läuft Fussball“… Ich hörte das und freute mich sofort.“
Ihren 90. Geburtstag feierte Sofia Aranovič gemeinsam mit ihrer Lieblingsmannschaft. Mit lautem Beifall von den Tribünen und riesigen Transparenten begrüßten die Fans ihre geliebte Baba Sonja. Ehemalige Spieler des Petersburger Klubs begrüßten sie und der Kapitän der Mannschaft, Vladislav Radimov, küßte sie auf der Mitte des Spielfelds. Ein Fan, der bei diesem Spiel dabei war, erinnert sich: „Vor dem Spiel standen wir unten beim Grill. Im Stadion gratulierte der Sprecher gerade Sofia Aranovič zum 90. Geburtstag. In diesem Moment kommentierte irgendwer von oben: „Was ist denn das für eine? Ein paar Mal zum Spiel gekommen und jetzt gratuliert ihr das ganze Stadion.“ Glauben Sie, das ist irgendeine Person? Das ist unsere Baba Sonja!! Babulja ist übrigens letztes Jahr sogar mit zum Auswärtsspiel gefahren, und das mit 89 Jahren!!!“.Das erste Mal ist Sofia Aranovič 1996, im Alter von 82 Jahren zum Auswärtsspiel gefahren, wie es sich für einen echten Fan gehört, und zwar zu Spartak Moskau. „Das werd ich nie vergessen, wie überrascht die Spieler waren als sie mich vor dem Spiel sahen. Ich sagte: „Ich bin gekommen um euch anzufeuern. Im Stadionradio haben sie doch gesagt: Die Mannschaft bittet um Unterstützung.“… Und dann schlugen sie Spartak 2:0.“
Am 17. Mai 2006 starb Sofija Aranovič im Alter von 91 Jahren. An diesem Tag kamen die Fans in schwarzer Kleidung ins Stadion. Das Spiel begann mit einer Schweigeminute. Auf der offiziellen Homepage des Vereins konnte man lesen: „Sofjia Aranovič wird uns immer als wunderbarer Mensch in Erinnerung bleiben, als Glücksbringer unserer Mannschaft, als Beispiel für Hingabe, Lebensfreude und Gutmütigkeit. Wir trauern aufrichtig mit allen Fans.“
Im Artikel wird auf ein Interview verwiesen, welches Aleksander Višnjevskij mit Sofija Aranovič führte.
Quelle: http://a-vishnevskiy.livejournal.com
Tatjana Peljuchova, 22
studiert Literatur und Kommunikationswissenschaft in Greifswald
Copyright: to4ka-treff
Juni 2010
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Juni 2010











