Rund ums kühle Nass

Grün hinter den Ohren

Foto: Anne Laudien copyright to4ka-treff.deFoto: Anne Laudien copyright to4ka-treff.deUmweltschutz war in Russland lange Zeit kein Thema. Der giftige Abfall der Fabriken landete einfach im nächsten Gewässer. Nun scheint das dortige Umweltbewusstsein langsam zu erwachen.

Berge von Müll und eine braune Brühe. Lange Zeit schien es so, als würde der zum UNESCO Weltkulturerbe ernannte Baikalsee bald so aussehen. Bis zum letzten Jahr gab es dort eine Papierfabrik, die als der größte Verursacher von Verschmutzungen im Baikalsee galt. Die Baikal Pulp and Paper Mill war bekannt als die größte Giftpapierfabrik der Region. Im März 2009 wurde sie stillgelegt. Jetzt fordert Russlands Premierminister Putin allerdings, dass sie wieder geöffnet wird. Laut des liberalen Radiosenders „Echo Moskau“ sollte dies Anfang April dieses Jahres geschehen.

Aber was macht diese Papierfabrik zu einer solch dreckigen Sache? In Russland ist es Standard, Chlor zum Bleichen von Papier zu nutzen. Die Hersteller setzen sich selbst und die Natur damit erheblichen Gefahren aus. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten, das Papier zu bleichen, dabei ist diejenige mit Chlor auch die gefährlichste. Chlorfrei bleicht in Russland nur eine einzige Papierfabrik.

Chlor: potentielle Gefahr für Gewässer und Menschen

Chlor ist ein giftiges Gas, das man in der Natur nicht elementar findet, sondern nur in Form von Verbindungen. Wenn es ins Wasser geleitet wird, kommt es zu einer Oxidation und wirkt bleichend und desinfizierend. Jedoch entstehen bei der Papierherstellung chlorierte organische Verbindungen, zu denen die toxischen Dioxine gehören. Diese können in der Umwelt kaum abgebaut werden, da sie zu den so genannten langlebigen organischen Schadstoffen gehören. Das Problematische ist, dass diese Gifte über das Abwasser in die Gewässer gelangen und sich über die Nahrungskette in lebende Organismen ansammeln und somit nicht nur für die Gewässer, sondern vor allem für ihre Bewohner gefährlich werden können.

Es gibt klare Regeln für den Gewässerschutz in Russland. Einige Fabriken schütten ihre Giftstoffe aber trotzdem illegal ins Wasser. Dies bestätigt der Wirtschaftsberater des Unternehmens CSP, Dr. Herbert Märtin: „Zu den aktuellen Problemen zählt eine starke Verunreinigung der Gewässer.“ Ein Grund dafür sei mangelndes Umweltbewusstsein in Bezug auf Wasser in ganz Russland. Je weniger Wasser verbraucht wird, desto mehr deute dies auf Umweltbewusstsein hin. In Russland jedoch beträgt der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Person 279 Liter pro Tag – in Deutschland sind es nur 125 Liter.

Dieser hohe Wasserverbrauch basiert laut dem Vorstandsmitglied von Greenpeace, Gerhard Wallmeyer, darauf, dass „Russland viel größer und nicht so eng wie in Deutschland ist.“ Somit herrsche dort ein ganz anderes Raumgefühl als in der Bundesrepublik. Langfristige Folgen des Wasserverbrauchs seien nicht gern gesehen, sagt Wallmeyer. Unser Wasser kommt aus dem Grundwasser unter der Erde. Dies gilt für beide wasserreiche Länder, Russland wie auch Deutschland. Die Oberflächengewässer werden dagegen verschmutzt.

Das russische Umweltbewusstsein erwacht langsam

Bislang gibt es nur wenige, die sich dagegen wehren: Russlands Umweltbewegung steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar engagieren sich einige Leute aktiv, ein großer Teil der Bevölkerung sei jedoch ziemlich desinteressiert, meint Wallmeyer.

Warum ist das so? Zunächst einmal muss berücksichtigt werden, dass es keine Umweltbewegung wie in Deutschland in den 70er und 80er Jahren gab. Zu der damaligen Zeit existierte noch die Sowjetunion. Somit kann erklärt werden, dass Russlands Umweltbewusstsein nicht im Staatsgedanken verankert sei sowie durch das korrupte und dadurch chaotische System verhindert werde, wie es Wallmeyer ausdrückt.

Dafür sieht sich Greenpeace in Russland als Vermittler und als Pionier. Um das öffentliche Interesse wird gekämpft, wobei es schwieriger sei, an große Fernsehsender heranzukommen, da diese staatlich gesteuert seien. Dagegen sei die lokale Presse freier und berichte auch über den Baikalsee.

Dieser kann als Fortschritt in Sachen Umweltschutz der ehemaligen UdSSR gesehen werden. Seitdem er zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde, geben auch die nationalen Behörden nach und akzeptieren Greenpeace als offiziellen Beobachter der UNO vor Ort.

Der Giftmüll der Papierfabriken, das noch nicht fest verwurzelte Umweltbewusstsein und nicht zuletzt der enorm hohe Wasserverbrauch der Russen unterstreichen, wie problematisch der Umweltschutz in Russland zurzeit noch ist. Jedoch gibt es erste Ansätze zur Verbesserung der Lage. Der Anfang ist gemacht.

Andia Mirbagheri, 18, Raisa Kasaeva, 21, arbeiteten im Tandem-Team an ihrem Artikel.

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April 2010

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