Kino in Kasachstan

Der kirgisische Film

Foto: Anderl Reigber, Copyright: www.pixelio.de

Foto: Anderl Reigber, Copyright: www.pixelio.de Exkurs in die Geschichte des kirgisischen Films. Im Seminar „Film in Kasachstan und Zentralasien“ berichten der Kulturologe Gamal Bokonbajew und der Regisseur Emil Dschumbajew von den Anfängen bis hin zur gegenwärtigen Lage der bewegten Bilder in Kirgisien. Den Vortrag findet Ihr hier.

"Das kirgisische Wunder"

Am Beginn des kirgisischen Filmwesens standen die Filme russischer Regisseure wie Wasil Pronin („Saltanat“, 1955), Larisa Schepitkos „Snoi“ (1963) und „Der erste Lehrer“ (1965) von Andron Michalkow-Kontschalowskij. Die Regisseure stützten ihre Arbeit auf die Grundlage kirgisischen historischen Materials, verwendeten kirgisische Literatur und setzten inländische Schauspieler ein. Der Film „Snoi“ wurde gleichzeitig zur Basiserfahrung für zwei Regisseure, die das nationale Filmwesen prägten: Bolotbek Schamschijew und Tolomusch Okejew. In den nachfolgenden Jahren fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen diesen und anderen Regisseuren war die Geschichte des Filmwesens in Kirgistan geprägt vom „kirgisischen Wunder“ – einem Wunder, das die ganze Welt in Erstaunen versetzte. Es ging um solche Filme wie „Der Himmel unserer Kindheit“ (1966), „Wölfe“ (1973), „Der rote Apfel“ (1974), „Der Ulan“ (1977), „Der Nachkomme des Schneeleoparden“ (1984) von Tolomusch Okejew, „Der Schuss auf dem Gebirgspass“ (1968), „Die kaminroten Mohnblumen vom Issyk-Kul“ (1972), „Der weiße Dampfer“ (1976) von Bolotbek Schamschijew, „Das mütterliche Feld“ (1967) von G. Basarow, „Weiße Berge“ (1964) von Melis Ubukejew und andere.

Der Film „Wölfe“ von Tolomusch Okejew wurde in der Basis des Kinostudios „Kasachfilm“ und nach einer Erzählung des herausragenden kasachischen Schriftstellers Muchtar Auesow gedreht. Die Ereignisse im Film gehen bis in vorrevolutionäre Zeiten zurück. Der Junge Kurmasch, der seine Eltern früh verloren hat, wird vom Hirten Achangul angenommen – seinem Onkel, der Kurmasch bewusst und zielgerichtet im Geiste einer wahren Wolfsphilosophie erzieht: „Im Leben wird derjenige siegen, der stärker, böser und brutaler ist als alle anderen“. Er will den Jungen daran hindern, den handzahmen Wolfswelpen Ljutyj aufzuziehen. Kurmasch lässt seinen Liebling frei und läuft selber von Zuhause fort. Aber Ljutyj, der zum Leittier eines großen Wolfsrudels geworden ist, richtet wahre Raubzüge in der Umgebung an. Als er seinen Schützling eines Tages in der Steppe sieht, versucht Kurmasch, ihm ein Halsband anzulegen. Doch der Wolf stürzt sich auf den Jungen.

Der kirgisische Film auf dem Zenit

Der Film wurde 1974 auf dem internationalen Filmfestival in Locarno mit einem Ehrenpreis und der Schauspieler S. Tschokmorow auf dem 7. Filmfestival in Baku (Aserbaidschan) mit dem ersten Platz „für die beste männliche Rolle“ ausgezeichnet. Und er ist wirklich nicht nur für den kirgisischen Film, sondern auch für das kasachische Filmwesen herausragend.

Foto: Andrej ScharikowTolomusch Okejew war einer der talentiertesten kirgisischen Regisseure. „Der Tod von Tolomusch Okejew ist für uns wirklich eine nationale Tragödie, ein durch nichts ersetzbarer Verlust für unsere Filmkunst, zu dessen Grundsteinlegern Okejew von ersten Tag der Entstehung des kirgisischen Spielfilms an gehörte. In diesem Sinne ist er für uns eine historische Persönlichkeit. Das Potential seines Talents war lange noch nicht ausgeschöpft, denn jedes neue Wort von Okejew brachte dem Film seine nächste Offenbarung. Jetzt ist er schon nicht mehr unter uns. Wir haben einen großen Sohn des kirgisischen Volkes verloren, einen glänzenden Redner und Denker“, so schrieb später Tschingis Aitmatow und drückte damit die allgemeine Liebe und den Schmerz seines Volkes aus.

Durch die Werke solcher Meister hat das Filmwesen Kirgistans in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht, und sie sind es auch, die das Wunder des kirgisischen Films ausmachen.

Einen neuen Beitrag zur Entwicklung des kirgisischen Films leistete der Regisseur Aktan Aryn-Kubat. In seinem Film „Beshkempir – Der fremde Sohn“ (1998) erzählt er vom Leben eines Dorfjungen. Im Film gibt es viele offenherzige, naturalistische Szenen; das Bild der „Sandfrau“ aber ist ein geniales Unikat, die kirgisische Variante von Frederico Fellinis unübersehbarem leichten Mädchen. Der nächste Streifen, „Maimyl“, hatte großen Erfolg im Land selbst und im Ausland. Heute arbeitet Aktan Aryn-Kubat eng mit kasachischen Produzenten zusammen. Vor kurzem hat er mit dem Produzenten Sergej Asimow den Film „Der Himmel für Mama“ nach dem Drehbuch des bekannten iranischen Autoren Mohsen Makhmalbaf gedreht. Und mittlerweile arbeitet er mit diesem kasachischen Produzenten schon an seinem nächsten Spielfilm. Wenn man vom kirgisischen Film spricht, darf man noch einen führenden Regisseur nicht vergessen: Ernest Abdyschaparow. In seinen Werken spürt man immer die Liebe und den Respekt gegenüber dem eigenen Land, Leichtigkeit und Schlichtheit. Als Beispiel dafür kann man die Filme „Die Dorfverwaltung“ und „Morgentau“ anführen, die nicht wenige Preise auf den unterschiedlichsten internationalen Filmfestivals gewonnen haben.

Folgen der globalen Wirtschaftskrise

Die weltweite Wirtschaftskrise hinterlässt natürlich auch in der Entwicklung des kirgisischen Films ihre Spuren. Viele begabte junge Leute bekommen keine Mittel für die Realisierung ihrer Ideen mehr und schlagen sich mit kleineren Privataufträgen durch. Nach den Worten Gamal Bokonbajews und Emil Dschumbajews ist die gegenwärtige Lage des kirgisischen Films ziemlich deprimierend. Der Staat hat die Ausgabe von Fördermitteln für die Filmproduktion eingestellt. Bei „Kirgisfilm“ regiert das Chaos. Aber wir hoffen darauf, dass sich die jetzige Situation nur zum Guten verändern kann, und dass wir in nächster Zukunft wieder ein Erstarken des kirgisischen Filmwesens beobachten werden. Denn ich kenne viele optimistische, begabte junge Filmemacher aus Kirgistan, die voller Ideen stecken und nur gute Filme drehen wollen.

Aus der Sicht meiner persönlichen Eindrücke nach Seminarende könnte ich noch hinzufügen, dass solche Workshops öfter stattfinden sollten, um junge Filmemacher unterschiedlicher Länder zusammen zu bringen, damit man ihre Kultur und Kunst kennen lernen kann. Das bietet eine Art eigene Plattform für Kontakte, Meinungs- und Informationsaustausch. Bei der Präsentation der kirgisischen Vertreter habe ich mich sehr gefreut, eine der ersten Arbeiten von Aktan Aryn-Kubat und Ernest Abdyschaparow, „Ostanowka“ (1993), zu sehen. Im Film wird von der Lage des Landes in den für uns alle schwierigen Neunzigern erzählt. Der Film kommt ohne Dialoge aus; wir beobachten lediglich die Handlungen der vorkommenden Personen.

Die statische Kamera dient nur als stiller Beobachter des Geschehens. An einer Haltestelle formiert sich beim Warten auf den Bus praktisch eine Art Familie, in der man bereit ist, einander zu beschützen – auch, wenn eigentlich niemand etwas über den anderen weiß. Das Auftauchen eines Betrunkenen im Bild betont die missliche Lage der Bevölkerung; und doch wird er im Endeffekt von dieser, nennen wir es Familie, angenommen – von der Familie, also auch vom Land. Auf ihren Bus haben die Leute aber dennoch vergeblich gewartet. Aber wer weiß, vielleicht war das ja auch nur ein Traum?...

Seijnet Turarbekkysy
Kinoexpertin in Kasachstan

Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: to4ka-treff
März 2010
Schafe in Kirgistan © www.pixelio.de /Anderl Reigber