Das erste Mal im Mittelstand
Die wohlhabenden Kasachen fürchten sich davor, sich zum Mittelstand zu zählen. Es sind eher die Armen, die aus ihrem Schatten treten und sich als Vertreter des Mittelstands ansehen, als die gutbetuchten Bürger.
Eine geräumige Wohnung, ein ausländisches Auto, eine Ausbildung im Ausland, Markenkleider, teure Restaurant-Besuche … und sich überdies aus der Politik raushalten. Man füge zu dieser Liste noch 2000 $ im Monat und einige Ersparnisse aus einem sorgenfreien Lebens hinzu – schon hat man einen typischen Mittelstandsvertreter, wie ihn sich die Kasachen vorstellen. Eben diese Mittelständler seien in der jüngsten Vergangenheit nach dem Zerfall der UdSSR zur Stütze Kasachstans geworden, schätzt der Politologe Dosym Satpajew. Jetzt müsse der Staat „seine Schuld bezahlen“, dem Mittelstand eine stabile Zukunft garantieren und ihn dabei mitbestimmen lassen.
Der Mittelstand Kasachstans. Wer sind diese Leute?
Gulnara Bashkenowa ist über 30 Jahre alt. Sie ist eine erfolgreiche Stadtbewohnerin aus Almaty und arbeitet als Fernsehjournalistin, Kinokritikerin und Bloggerin. Sie mag die elitäre Partyszene und vor kurzem hat sie sich mit dem Regisseur Kim Ki-Duk getroffen. Für jedes Jahr nimmt sie sich mindestens zwei Auslandreisen vor. Meistens reist sie sogar doppelt so viel. Sie selbst zweifelt kein bisschen daran, dass sie zum echten Mittelstand gehört. „Ich bin die künstlerische und intellektuelle Elite“, - begründet Gulnara ihre Meinung. „Ich habe das entsprechende Einkommen und führe den dazugehörigen Lebensstil. Das einzige was fehlt, sind Ersparnisse und der feste Glaube in die Zukunft.“
Laut der Website „Mojazarplata.kz“ (dt.: mein Gehalt) gehören zwischen 35 und 40 % aller Kasachen zum Mittelstand. Noch vor ein paar Jahren waren es gerade mal 15%. Die Analytiker von „Moja zarplatka“ erklären diese Zunahme mit einer Proto-Mittelschicht, eine gesellschaftliche Gruppe, die sich zwischen dem Mittelstand und der Armutsgrenze befindet. Diese Gruppe konnte durch günstige Voraussetzungen zur Mittelschicht stoßen.
Nach Gulnaras Meinung versteckt sich hinter den Zahlen von „35-40%“ eine typische Mentalität: „Bei uns zählt sich jeder zum Mittelstand. Der Lehrer, der ein Gehalt unter dem Existenzminimum bekommt, zählt sich ebenso zum Mittelstand. Niemand sieht sich als arm.“
Einmal im Mittelstand - nicht immer der Mittelstand
Folgt man den Wissenschaftlern von „Mojazarplata.kz“, so sieht der durchschnittliche Mittelständler in Kasachstan wie folgt aus: Er wohnt in der Großstadt, trägt „weiße Hemdkragen“ und fährt sein eigenes Auto. Ein Porträt wie aus der Feder von Nurken Chalykbergen, ein PR-Berater, der für die größten Mobilfunkbetreiber tätig ist. Neben der üblichen Ausstattung an materiellem Wohlstand, besitzt Nurken auch Ansehen in den Räumen des kasachischen Internets. Er teilt sich aktiv auf Facebook und Twitter mit.
Die kasachischen Internet-User – zum größten Teil Jugendliche bis 20 Jahre, die sich noch nichts aufgebaut haben – verschmähen Nurken des Öfteren wegen seines materiellen Wohlstands. Doch der junge Mann zählt sich selbst nicht unbedingt zum Mittelstand: „Im Land gibt es keinen Service, der auf den Mittelstand ausgerichtet ist, - überlegt Nurken. „Es gibt nur Billig- und Luxusvarianten. Ein einfaches Beispiel sind die Flüge der Economy-Klasse innerhalb Kasachstans von Ost nach West. Die Preise werden einzig und allein von Monopolisten bestimmt, für das Geld könnte man auch nach Dubai oder Thailand fliegen.“
Laut Nurkens Einschätzung besteht der Mittelstand aus Leuten, die im Monat nicht weniger als 2000 bis 3000 US-Dollar verdienen, ein bis zwei Autos fahren, ein geräumiges Eigenheim besitzen (nicht weniger als 50-60 m² pro Familienmitglied) und über finanzielle Reserven für einen „schwarzen Tag“ verfügen.
Auf Facebook hat die Frage, wer eigentlich der Mittelstand ist, eine Diskussion hervorgerufen. Die User, welche die Autorin auch im richtigen Leben kennt und die keinen notbedürftigen Eindruck machten, haben öffentlich zugegeben, dass sie arm sind. „Ich würde mich nur allzu gerne, wie schon vor einem Jahr, zur Mittelklasse zählen dürfen“ klagt Irina Burejewa. „Das Kindergeld beträgt ca. 6000 Tenge (30 Euro). Das ist eine Demütigung! Die Ersparnisse sind schon nach einem halben Jahr aufgebraucht." Eigentlich reicht das Gehalt ihres Mannes für die vierköpfige Familie aus, aber jetzt können sie sich nicht mehr, so wie früher, 2 oder 3 Reisen leisten. Bei Sabine Djujsekowa sehen die Umstände anders aus, doch Sicherheit für den morgigen Tag gibt es ebenso wenig: „ Es gibt keine stabilen Löhne, keine Möglichkeit zu sparen oder einen Überschuss an Einkünften in die Wirtschaft zu investieren“, sorgt sie sich.
Hin und wieder flucht auch der Mittelstand
Die Angst sich zum Mittelstand zu bekennen, stamme vom schwachen Glauben an eine stabile Zukunft, sagen die Soziologen. Das Fehlen eines solchen Glaubens gesteht auch Gulnara Bashkenowa ein, doch im Unterschied zu Nurken sieht sie sich selbstbewusst als Teil des Mittelstands. Die russische Soziologin Nadeshda Wawilina meint, dass das ein allgemeines Phänomen sei: Zum Mittelstand zählen sich vor allem Frauen. Die Männer, die sich mit diesem Etikett ausstaffieren, benötigen dagegen umfangreichere und greifbarere Werte.
Innerhalb der mittelständischen Werte gibt es die Möglichkeit, eine solche Lebensweise lange beizubehalten. Doch in Kasachstan gibt es sogar unter den wohlhabenden Leuten keine innere Zuversicht, dass das in Zukunft gelingen wird. Der starke Wunsch sich am Ende sicher zu fühlen, verwandelt sich angesichts des Mangels an Möglichkeiten, die man beeinflussen könnte, in Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des eigenen Landes. „Bei uns ist die Mittelklasse in eine innere Emigration umgeschlagen“, konstatiert Gulnara. „Du lebst dein Leben und bist bemühst, nicht mit den äußeren Umständen, vor allem mit der Politik, konfrontiert zu werden. Begeistert davon sind vor allem die Arbeiter und Randgruppenvertreter und das ist schrecklich. Aber ich habe mich nicht in mich selbst zurückgezogen, ich interessiere mich für die Dinge und nehme sie mir zu Herzen, ja vor allem fluche ich manchmal.“
In der UdSSR setzte man auf die Arbeiter – sie waren der Stolz und das Rückgrat des Landes. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Arbeiterklasse durch den Mittelstand ersetzt. Der Experte Dosym Saptajew meint, das Auftauchen des Mittelstands habe die wirtschaftlichen Reformen des Landes begünstigt und ein Gefühl der politischen und wirtschaftlichen Stabilität erzeugt. Doch die ungewisse Zukunft nach dem Rücktritt des derzeitigen Präsidenten und die damit verbundene wirtschaftliche Abhängigkeit des Mittelstands vom Staat stört die weitere Entwicklung des Landes.
Journalistin aus Kasachstan
Übersetzung: Fabian Erlenmaier
Copyright: To4ka-Treff
Dezember 2011










