Kostbar

Statt Garten

© Vera KondratiukSalat vom Rollfeld, Rucola neben dem Kreisverkehr: Das Gemüse erobert die Stadt, seitdem urbane Gärtner brachliegende Flächen bepflanzen. Doch nicht nur die Stadt, sondern auch die Teller der Gärtner werden bunter. Denn sie kümmern sich jetzt um das, was sie essen.

© Vera Kondratiuk

Winzige, zarte Blättchen drücken sich dicht an dicht. Seit zwei Stunden steht der 25-jährige Max über die Pflanzen gebeugt. Zwischen seinen mit Erde bedeckten Fingern hält der Student ein Holzstöckchen. Wie ein Bildhauer Schritt für Schritt sein Kunstwerk freilegt, so befreit Max mit vorsichtigen Bewegungen die Sprösslinge. Immer einen nach dem anderen topft er um, damit aus den kleinen Pflanzen bald große werden. In ein paar Wochen soll aus den Sprösslingen Rucola gewachsen sein. Doch den wird Max nicht selber ernten und essen. Denn wer in den Berliner Prinzessinnengärten pflanzt, ist Teil eines urbanen Mitmachprojekts. Für Max, der vom Land in die Stadt gezogen ist, zählt sowieso nur eines: Einen Platz im Grünen zu haben, zum Gärtnern in der Stadt.

Urban Gardening – eine wachsende Gemeinschaft

© Vera KondratiukMax ist einer von immer mehr urbanen Gärtnern in Berlin. In Großstädten sind Gärten oft ein seltener Luxus. Doch in der Hauptstadt finden sich noch Freiflächen für wildes Gärtnern. Um selbst Gemüse anzubauen, nehmen sich mehr und mehr Städter dieser brachliegenden Plätze an. Auf einer ehemaligen Landebahn am Flughafen Tempelhof oder mitten im Wohngebiet pflanzen sie ihre eigenen Lebensmittel und Blumen. „Urban Gardening“ entstand in den siebziger Jahren in New York und noch heute zieht es zum Saisonbeginn Ende April neue Stadtgärtner auf die Äcker und Hochbeete.

„Sich dreckig machen in der Stadt“

© Vera KondratiukAuch der Student Max hat das urbane Gärtnern erst vor kurzem entdeckt. Er ist heute zum zweiten Mal in den Prinzessinnengärten. Ihn reizt vor allem die handwerkliche Arbeit. „Hier kann man sich dreckig machen. Das ist etwas, das man sonst nicht so macht oder sogar versucht in der Stadt zu vermeiden.“ Eigentlich wollte er heute richtig anpacken, doch auch am Versetzen der Sprösslinge findet er Gefallen: „Durch den direkten Kontakt mit den Pflanzen bekommt man einen anderen Zugang zu den Lebensmitteln. Ich finde es schön zu wissen, wie lange etwas braucht, um zu wachsen“, sagt der 25-Jährige. Heute habe er zum Beispiel gelernt, dass man Samen nicht einfach so ausstreuen könne, sondern sie später noch einmal versetzen müsse.

Garten to go

© Vera KondratiukMax will nun regelmäßig zu den offenen Gartenarbeitstagen in den Prinzessinnengärten kommen. Das 6000 Quadratmeter große Grundstück an der Prinzenstraße 1 liegt an einem stark befahrenen Kreisverkehr inmitten des geschäftigen Berlins und lag lange brach. Viele Nachbarn halfen vor drei Jahren das Gelände aufzuräumen und die Container aufzubauen. Heute hat sich der Prinzessinnengarten als urbaner Landwirtschaftsraum etabliert. Die Fläche mieten die Kreuzberger Gärtner von der Stadt. Da der Mietvertrag immer nur ein Jahr lang gilt, haben sie einen Garten entwickelt, der umziehen kann. Es sprießt sowohl aus Holz- und Plastikkisten, als auch aus weißen Plastiksäcken und Tetrapaks. Ein mobiler Garten to go.

In den Prinzessinnengärten kann sich jeder Freiwillige an der anfallenden Arbeit beteiligen. Von der Ernte bekommen die Helfer aber nichts direkt ab. Die Früchte der gemeinschaftlichen Arbeit werden in einer Containerküche in dem angeschlossenen Gartencafé und im Hofladen verkauft. Die Einnahmen dienen zur Finanzierung des Projekts. Dafür zahlen Helfer wie Max nur die Hälfte.

Während die Freiwilligen in den Prinzessinnengärten für die Gemeinschaft arbeiten, kümmert man sich in anderen Gärten um sein eigenes Beet. Diese Möglichkeit bietet der Stadtgarten „Allmende- Kontor“ auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Dort, wo ehemals die Rosinenbomber landeten, haben nun Seedbombs eingeschlagen. Auf dem leicht abgesenkten Areal erblickt das Auge eine für die Stadt ungewohnte Weite. Landebahnen und Wiesen prägen das Bild. Drachen steigen in der Luft, ein gelber Bauwagen ist aufgestellt. Unweit davon entfernt ragt eine weiße Tür aus dem Boden. Nur der Rahmen steht, dahinter hocken Jugendliche, umgeben von selbst gezimmerten Hochbeeten.

© Vera KondratiukIn einer Ecke kniet Luca auf dem Boden und zimmert an den Brettern seines Hochbeetes. Der 35-Jährige versteckt sein aschblondes Haar unter einer großen blauen Kapuze. Bald sollen hier, in den kreuz und quer stehenden Hochbeeten, reichlich Kräuter und Zucchini sprießen. Luca hat keine Gartenerfahrung, er will sich erst mal an einfachen Pflanzen versuchen. Auf das Feld kommt er, um einen Ort für sich und seine Freunde zu haben. „Hier kann ich basteln und handwerkern, einfach ein kleiner Gärtner sein. Hinter der einen Zucchini, die ich ernte, steckt dann viel mehr, als sie bloß gekauft zu haben. Außerdem ist sie dann Bio und das hat mich kaum etwas gekostet“, sagt er und blickt auf sein wildes Gartenprojekt. Aus dem Beet ragt ein Ast, an der Spitze ist ein senffarbenes Tuch befestigt. Der gebürtige Franzose betrachtet den Fahnenmast. Es könnte auch ein Schiff sein, seine Arche.

Auf der Fläche, die das Allmende-Kontor für 5000 Euro jährlich mietet, herrscht Platzmangel. 300 Beete sind untergekommen. Die Beetbesitzer müssen für die Nutzung nicht bezahlen. Die entstehenden Kosten werden durch Stiftungen und Sponsoren übernommen. Die Warteliste für neue Gärtner ist lang. Niels Rickert, eines der 13 Mitglieder des Organisationsteams des Allmende-Kontors, bekommt besonders zu Saisonbeginn viele Anfragen. Für den Kulturbauingenieur ist der Garten ein Hort für all jene, die von „Heimweh und Naturliebe geplagt“ sind, wie er sagt. Viele Beete werden von Migranten bestellt. Eine Großmutter aus Korsika bepflanzt für sich und ihre Familie ein Beet mit Gemüse aus der Heimat. Regelmäßig versammelt sich die ganze Sippe auf dem einstigen Flughafengelände.
Vera Kondratiuk, 22, Mannheim
Anastasia Vasileva, 19, Sankt Petersburg

Copyright: To4ka-Treff
Juli 2012

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