Nachtschwärmer

Pastoren für Seemänner

© Vera KondratiukThomas Andreas nennt sich am liebsten „Pastor“. Eigentlich ist er Rezeptionist in einem Hotel. Das aber ist kein typisches Hotel – sondern eine Seemannsmission.

© Vera Kondratiuk Der 22-jährige Thomas Andreas sitzt in der Bar der Seemannsmission Altona. Diese Bar ist ein Seemannsverein. Abends treffen sich hier Leute aus aller Welt. Plötzlich klingelt das Telefon: „Gute Nacht, wie kann ich Ihnen helfen? Alles klar. Oh, Gott! Na, wir müssen helfen. Ich finde gleich ausführlichere Informationen und rufe Sie in fünf Minuten zurück." Thomas ist aufgeregt. Er geht hoch ins Foyer des Hotels und macht ein paar Anrufe. Er spricht schnell und scheint nervös zu sein. Der Anruf kam aus einem Krankenhaus. Ein Seemann eines Schiffes, das auf der Reede im Hamburger Hafen liegt, hat seinen Arm stark verletzt. Das Leben des Seemanns ist nicht bedroht, aber er hat kein Geld, um zu seinem Schiff zurück zu fahren. Der Arzt konnte die Schiffsgesellschaft telefonisch nicht erreichen. Deswegen hat er die Seemannsmission, wo Thomas arbeitet, angerufen.

In fünf Minuten ist das Problem gelöst. Thomas kehrt zurück in die Bar. Aus dem Fenster sieht man ein riesiges Frachtschiff, das am anderen Ufer der Elbe entladen wird. Die Luft über dem Fluss ist dicht und dampfförmig. Um diese späte Uhrzeit schläft man längst in Altona. Aber da wo wir sind, wird schwer gearbeitete - rund um die Uhr.

Für Gäste Freunde sein

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Die Seemannsmission ist ein Gebäude aus rotem Ziegel auf der Uferstraße der Elbe. Ihre Angestellten sind jederzeit bereit, jedem Seemann in Not zu helfen. „Wir versuchen schlicht, für unsere Gäste Freunde zu sein", sagt Stuart. „Stellen Sie sich vor: Sie sind in einer unbekannten Stadt. Mit wem können Sie sich unterhalten? Mit uns. Wir sind nette Menschen."

Stuart Taylor steht an der Rezeption. Er ist Engländer. Hat blonde Haare und trägt einen grauen Wollpullover. 2001 ist er nach Deutschland gezogen, und 2009 bekam er eine Stelle in diesem Hotel. Ein freundliches Lächeln begleitet stets sein Gesicht. Stuart arbeitet vor allem in der Nachtschicht. „Wenn meine Arbeitswoche jeden Montag frühmorgens um 6:30 zu Ende ist und ich nach Hause fahre, sehe ich manche Büroarbeiter erst zur Arbeit gehen. Da begreife ich, wie glücklich ich bin, dass sich mein Arbeitstag von ihrem unterscheidet. Ich schlafe mit dem Sonnenaufgang ein und fühle mich wunderbar", schwärmt Stuart.

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Das Hotel wird finanziell von der christlichen Sozialeinrichtung "Deutsche Seemannsmission" unterstützt. Über dem Haupteingang hängt ein Kruzifix, und ein Nebenraum ist als Kirche eingerichtet. „Wenn jemand zu uns kommt und sagt, er leide unter Depressionen, dann empfehle ich ihm einen guten Psychologen; außerdem kann ich auch einen guten Rechtsberater empfehlen. Wir haben alle notwendigen Kontakte in der Stadt", sagt Stuart. „Das ist eine Art pastoraler Dienst“, fügt Thomas hinzu. „Das Wichtigste für uns ist es, eine gemütliche und freundliche Zu-Hause-Atmosphäre für die Seeleute zu schaffen, denn Einsamkeit ist das größte psychologische Problem der Seeleute“. Außerdem, erzählt Stuart, hilft die Seemannsmission den Seeleuten, die ganze Monate in der Ferne verbringen, mit ihren Familien im Kontakt zu bleiben: Im Hotel gibt es eine Fernsprechstelle, in der man seine Angehörigen anrufen oder kostenfreies Internet benutzen kann.

Seemänner aus aller Welt

Die meisten Gäste der Seemannsmission, wo Stuart und Thomas arbeiten, sind Russen oder Philippiner. „Die Russen sind meistens gebildeter und haben höhere Positionen", so Stuart. „Mit der Zimmerbuchung beschäftigen sich bestimmte Reisebüros. Aus unbekanntem Grund lassen sie nie ein Zimmer von Leuten unterschiedlicher Nationalitäten besetzen", betont er.

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Im Clubraum treffen alle Nationalitäten aufeinander, deshalb ist das der wichtigste Gemeinschaftsraum in der Seemannsmission.


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Gegen 1 Uhr in der Nacht kommen ein paar müde aussehende holländische Fischer zur Rezeption. Darunter ein nicht großer, breitschultriger Deckmann, der Jelle Ras heißt. „Ich steche viermal pro Woche in See, Wochenenden verbringe ich mit der Familie und Freunden in meinem Heimatdorf", sagt er. In den letzten Jahren stoßen europäische Fischer auf die rasch steigenden Brennstoffpreise. Dabei bleiben die Quoten auf demselben Niveau. Deswegen wird es immer schwieriger, mit Fischerei Geld zu verdienen. „Aber mein Seemannsleben hat sich nicht stark geändert", sagt Jelle im Foyer der Seemannsmission.

Reisen, ohne die Welt zu sehen

Stuart holt eine Kaffeekanne und zündet sich eine Zigarette an. Trotz der späten Nachtstunde sieht er frisch aus. Thomas redet von Unterschieden zwischen den Seeleuten und Fischern. Die letzteren haben es leichter, glaubt er: „Stellt euch mal vor: Die Fischer gehen in See, fischen und kehren heim. Die Seeleute aber steigen an Bord, verlassen den Hafen und begeben sich in einen Hafen in einem anderen Land, dann wieder in einen anderen, auch in einem anderen Land, danach wiederum zu einem nächsten Hafen und so weiter. Das kann Monate dauern." Er führt fort: „Man sagt zu Seeleuten: Ihr wart in allen Ecken der Welt, das ist so cool. Und sie antworten: Nein, ich habe außer dem Hafen nichts gesehen“.

Manchmal kommt es vor, dass der Arbeitgeber dem Seemann einige Monate nichts zahlt. Dann werden die Seemänner in ein soziales Hotel gebracht. In solchen Fällen hilft die ITF, ein internationaler Verein für Seeleute. Er wurde vor mehr als 100 Jahren gegründet und zählt derzeit fast 5 Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt.

Um drei Uhr nachts schläft Hamburg, die drittgrößte Hafenstadt Europas. Die Schauerleute entladen noch das Frachtschiff. Im Hafen wird mit Feuereifer gearbeitet, damit die Einwohner am nächsten Tag ihre Pkws tanken, frische Lebensmittel, neue Kleidung oder Haushaltsgeräte kaufen können.

"Wenn ich morgens nach dem Feierabend nach Hause fahre, dann schlafe ich lächelnd ein, denn ich habe Menschen geholfen, die meine Hilfe wirklich brauchten", so Stuart Taylor.

Fjodor Anatschenkow, 19, studiert Wirtschaftswissenschaften
Vera Kondratiuk, 22, studiert Kultur und Wirtschaft

Übersetzung: Kamil Isyanov

Copyright: To4ka-Treff
Januar 2012

    Eine perfekte Nacht habe ich...

    … mit Freunden auf Parties, in Discos oder bei Konzerten. Tanzen, tanzen, tanzen!
    … zu Hause, mit meinem Buch in meinem Bett.
    … wenn ich philosophierend bei Rotwein in meiner Lieblingskneipe versacke.
    Nacht? Perfekt? Ich muss doch da immer arbeiten...

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