Arbeitswelten


Wessen Diplom ist ausgezeichnet(er)

Ich schrie auf, stürzte mich auf das Schwarze Brett und küsste die Liste der Immatrikulierten an der Mohyla-Journalistenschule, auf der mein Name stand. Eine unglaubliche Punktsumme — 95 von 100 — verwirrte: könnte es ein Fehler im Dokument sein? Vielleicht habe ich 59 geholt, und der Sekretär hat zufällig die Ziffern verwechselt?

Leistung um jeden Preis


Nach dem Hochschulabschluss in meiner Heimatstadt schienen der Umzug nach Kiew und die Einschreibung zum Masterstudiengang an der Mohyla-Journalistenschule Ereignisse einer Parallelwelt zu sein. Aber nachdem ich in Ukrainisch und Englisch durchfiel, zweifelte ich sogar, ob es sich lohnt, zur letzten Prüfung zu gehen — im "Hauptfach". Doch gerade sie war ausschlaggebend. Mit der für den Fall eines Misserfolges gefundenen Arbeit hat es nicht geklappt — der Stundenplan war so dicht, dass die Studierenden oft in der Akademie übernachten mussten. Das machte uns übrigens Spaß, denn nachdem wir mit allen Sachen fertig waren, holten wir uns Chips, machten Kaffee und schauten uns die ganze Nacht hindurch Filme auf dem großen Plasmabildschirm im Haupthörsaal an.

Die Mohyla-Journalistenschule gilt zu Recht als der beste Masterstudiengang für Journalisten in der Ukraine. Sie verfügt über ein echtes Fernsehstudio mit allen erforderlichen Geräten, und jeder Studierende bekommt einen eigenen Rechner für die Dauer des Studiums. Aber das Beste heißt nicht das Perfekte. Das ganze Bildungssystem in unserem Land entwickelt eine von Grund auf falsche Vorstellung, dass man verpflichtet ist, lebenslang mit anderen im Wettbewerb zu stehen. Ab der Schule beginnt man den Kindern die Idee einzuhämmern, dass die sogenannte "Leistung" ein Kennwert der Intelligenz und persönlicher Wertigkeit ist.

Selbst das Wort "Leistung" setzt Eile voraus — man muss alles schaffen. Die Universität verlangt, Geschwindigkeitsaufgaben zu lösen: man lernt über Nacht, legt die Prüfung ab und verlernt es wieder. Es gibt keine Fächerwahl. Eine selbstständige Verteilung der Unterrichtsbelastung ist auch nicht möglich. Wir lernen immer noch oberflächlich 20 Fächer pro Semester, wobei man als europäischer Student im gleichen Zeitraum fünf Disziplinen wählt, die man selbstständig und in größerer Tiefe studiert. In der Praxis verwandelt sich ein solcher Lernansatz in den Kampf um ein Diplom mit Auszeichnung zum Preis von Magengeschwür und Nervenzucken. Ein Prestigestudiengang, in dem die Lehrer einem sehr oft daran erinnern, was für ein Glück man gehabt hat, hier eingeschrieben zu sein, und als was für ein einzigartiger Fachmann man die Alma Mater verlassen wird, entwickelt ungesunde Ansprüche. Man glaubt, dass die besten Arbeitgeber des Landes schon am Tag der Überreichung des Diploms einen auf Knien bitten werden, sich für einen Arbeitstisch gerade in ihrem Büro zu entscheiden.

Über Traditionen und Illusionen


Im realen Leben wird ein frisch gebackener Absolvent von niemandem erwartet. Man muss sich bemühen, um einen Job zu finden. Außerdem hat mich seit meinem Hochschulabschluss kein Arbeitgeber gebeten, das Diplom zum Vorstellungsgespräch mitzubringen. Niemand fragte mich, wie viele Punkte ich in den Fächern "Hermeneutik" oder "Öffentliches Reden" hatte. Man verlangte, dass ich meine Arbeiten zeige. Man verlangte nach dem Link auf meine Publikationen. Man verlangte, dass ich eine Testaufgabe mache. Das echte Lernen fängt erst dann an, wenn die Arbeit schon gefunden ist. "Ich weiß nichts und kann nichts", solche Gedanken begleiten jeden Masterabsolventen jeden Tag und werden zu nächstlichen Albträumen während der ersten Arbeitsmonate. Ein Diplom mit Auszeichnung hilft nicht, die Fehler zu vertuschen und die eigene Richtigkeit zu belegen. "Ich habe doch die höchste Note in Hermeneutik", das ist kein Argument für den Chef (obwohl, ich muss gestehen, in der Verzweiflung versuchte ich, es zu gebrauchen).

Ein Freund von mir, Student an einer angesehenen Universität in Frankreich, kommt oft nach Kiew und sucht nach jeder Möglichkeit, sein Russisch zu praktizieren. — Ukrainische Taxifahrer sind so komisch, — sagte er mir eines Tages. — Warum? — Wenn ich den Fahrer frage: "Was sind Sie?", antwortet man immer: "Ich bin Jurist", "Ich bin Ökonom", "Ich bin Finanzfachmann". Dabei arbeiten alle von ihnen als Taxifahrer! Laut dem Freund, ist das für uns übliche "Ich bin Jurist" in Frankreich sehr selten zu hören. Dort sagt man: "Ich habe Jura studiert". Beiläufig gesagt, das habe ich auch. Bei dem ersten Uni-Abschluss passierte eine für Kleinstädte traditionelle Geschichte: ich ließ mich an der Fakultät immatrikulieren, die mein älterer Bruder absolviert hatte, obwohl ich von Kindheit an träumte, Journalistin zu werden... Bestechung und Vetternwirtschaft, die an unserer Fakultät für "Rechtskunde", der angesehensten Fakultät an der Universität, zur Tradition wurden, hatten nichts mit guter Bildung zu tun. Natürlich, wir alle wussten, so geht es nicht, aber die Studenten förderten dieses System selbst, und ich schäme mich dafür bis jetzt. Ich sage, das als Inhaberin eines Jura-Abschlusses mit Auszeichnung.

Es sind seit der Immatrikulation schon 13 Jahre vergangen und ich kann es immer noch nicht begreifen: was ist das gewesen und auf welche Weise ist es mir passiert? Und warum habe ich das nicht abgebrochen, sondern zu Ende gebracht?

Im Wohnheim wurden die Beschwerden der Zimmernachbarn über laute Musik nachts mit den Worten unterbrochen: "Wer schlafen will, der schläft auch." Das Gleiche mit der Bildung: will man studieren — kommt man sogar in der Ukraine zu Wissen.

© Anna Grabarskaja

Anna Grabarskaja

Journalistin, Juristin und einfach ein guter Mensch.

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