Arbeitswelten


Selbstgewählte Freiheit

Es hat sich so ergeben, dass mein Leben eng mit Deutschland und der deutschen Sprache verbunden ist. Nach dem Abschluss an der Moskauer Linguistischen Universität Maurice Thorez habe ich ein Jahresstipendium für das Studium an der Freien Universität Berlin bekommen und bin in die deutsche Hauptstadt gezogen. Letztlich habe ich statt eines Jahres gute vier Jahre dort studiert und halte diese Entscheidung für eine der besten in meinem Leben.

Volle Freiheit und ewige Zeitnot


Das deutsche akademische System unterscheidet sich von dem russischen vor allem durch seinen „humaneren“ Ansatz und — zu einem gewissen Grad — durch seine Zwanglosigkeit. In Deutschland werden den Studenten viel mehr Freiheiten eingeräumt als in Russland: sie können ihren Stundenplan selbst zusammenstellen, können die die Anzahl der Klausuren wählen, die sie am Ende des Semesters ablegen möchten, und treffen sogar die Entscheidung hinsichtlich einer eventuellen Verlängerung der Studiendauer. Die Studenten werden als erwachsene und selbstständige Menschen betrachtet. Ein Grund mag darin liegen, dass man in Deutschland das Bachelor-Studium in einem Alter aufnimmt, in dem man in Russland normalerweise schon seinen Master-Abschluss macht.

Eines der Hauptziele der Hochschulbildung in Deutschland ist es, die Köpfe der Studierenden nicht mit möglichst vielen Informationen zu beladen, sondern ihnen die Fähigkeit zur kritischen Bewertung des eines Geschehens zu vermitteln, sich eine eigene Meinung zu erarbeiten und argumentierend zu vertreten.

Mündliche Prüfungen sind eine Seltenheit für deutsche Universitäten (ich habe gar keine gehabt), meistens legen die Studierenden schriftliche Klausuren im Umfang von circa 15 Seiten zu selbst gewählten Themen ab. Zunächst scheint soviel Freiheit das Studium einfach zu machen. Aber von wegen. In der russischen Universität hatten wir drei bis vier Doppelstunden pro Tag. In Deutschland reicht die Zeit bei einer Unterrichtsbelastung von sechs Doppelstunden pro Woche für nichts anderes mehr. Sich auf ein Seminar vorzubereiten heißt hier — nicht nur einen 20 bis 30 Seiten langen wissenschaftlichen Artikel (meistens auf Englisch) zu lesen, sondern auch dem Dozenten eine Zusammenfassung von etwa anderthalb Seiten (auf Deutsch) zu zuschicken, und idealerweise auch weiterführende Literatur zu studieren. Ich muss gestehen, dass es in Russland für eine ausgezeichnete Note reichte, auf dem Weg zur Uni ein Buch quer zu lesen.

Ein Seminar an jeder beliebigen deutschen Universität verläuft gewöhnlich folgenderweise: zwei bis drei Personen machen eine PowerPoint-Präsentation zu dem vom Dozenten vorgeschlagenen Artikel und laden danach alle zur Diskussion ein. Am Anfang störte es mich ein bisschen, dass der Platz des „Lehrers“ von meinen Mitstudenten eingenommen wurde, wogegen sich der Professor vielsagend in einer Ecke ausschwieg. Später hat mich eben diese Tatsache am meisten angesprochen: Der Unterricht in Deutschland ist keine Vorstellung einer allwissenden Respektsperson, sondern eher ein Diskussionsclub, wo man Respekt vor jeder Meinung hat.

Eiserne Disziplin ist der Schlüssel zum Erfolg


Selbstdisziplin ist eine der Schlüsselfähigkeiten, die das deutsche Hochschulsystem fördert. Durch die Abwesenheit eines strikten Rahmens muss man sich selbst organisieren, lernt die Technik des Zeitmanagements und entwickelt einen eisernen Charakter. Von meinen Mitstudenten habe ich eine markige deutsche Wendung gehört: "Den inneren Schweinehund überwinden" ("Sein schwaches Selbst, seine niederen Instinkte besiegen"). In dieser Hinsicht erweist sich vielleicht sogar das russische Bildungssystem mit seiner strengen Ordnung als die humanere Alternative — denn ein Mensch darf einen schwachen Charakter haben, geradezu faul sein, der „Stundenplan“ gibt Halt und erhöht die Chance, die Zielgerade zu erreichen.

In Deutschland dagegen gibt es nicht ohne Grund den Ausdruck "Langzeitstudent", der die Leute bezeichnet, die ihre Studienzeit auf 15 oder sogar 20 Semester ausdehnen, indem sie alle Freiheiten des Studentenstatus genießen. Ich kenne persönlich einige Deutsche, die ihren Hochschulabschluss machten, als sie schon weit über Dreißig waren. In Russland völlig undenkbar.
© Irina Michailina

Irina Michailina

Irina Michailina ist in Moskau geboren. Abschluss am Maurice-Thorez-Fremdspracheninstitut (MGLU) und Master an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Linguistin (Germanistik) und lebt heute in Berlin.

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